Zürich
Globetrotter-Paradies schliesst: Reiseladen streicht die Segel

Nach dem Camping-Ausrüster Spatz streicht auch der Reiseladen Trottomundo im Zürcher Niederdorf die Segel.

Heinz Zürcher
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Inhaber Mike Mertens schliesst den Laden nach 36 Jahren. Heinz Diener

Inhaber Mike Mertens schliesst den Laden nach 36 Jahren. Heinz Diener

Landbote

Manche Reise hat hier schon begonnen: Im Trottomundo, mitten im Zürcher Niederdorf, direkt über dem Oliver-Twist-Pub, versteckt wie ein Geheimtipp, bescheiden wie eine Backpacker-Unterkunft.

Doch so klein der Laden ist, man bekommt doch alles für den nächsten grossen Trip, ob man nun zum Kilimandscharo aufbrechen oder durch Europa trampen will: den Rucksack, den man Hunderte von Kilometern tragen wird, den Schlafsack, der einen in arktisch kalten Nächten warmhält, oder das Netz, das einen in der kanadischen Wildnis vor Moskitoangriffen schützen soll – und das dann, wenn man dort ist, auf der Flucht vor einem Bären verloren geht.

Mit ihren Reisegeschichten im Gepäck sind die Kunden wieder in den Laden gekommen – aber eben immer seltener. «Das letzte Geschäftsjahr war gelinde gesagt eine Durststrecke», schreibt Inhaber Mike Mertens (47) auf der Website. «Leider müssen wir die Notbremse ziehen». In einem Monat ist Trottomundo Geschichte, nach 36 Jahren.

26 Jahre alt war Attilio Ongaro, als er 1980 ein Reisebüro mit Outdoor-Laden gründete und ihm den Namen Trottomundo gab. «Ich startete mit wenig», erinnert sich der heute 62-Jährige. Doch bald sollte sich sein Mut auszahlen. Zu den besten Zeiten – besonders in den 1980er und Mitte der 1990er-Jahre – beschäftigte er 15 Angestellte. Von schlechteren Phasen wurde aber auch er nicht verschont. «Wellenbewegungen gab es immer», sagt Ongaro. Irgendwann hatte er genug. «Es lief mir zuwenig, ich konnte meine Erfahrungen nicht mehr so häufig einbringen und wollte auch wieder mal eine längere Reise unternehmen», sagt Ongaro. Vor eineinhalb Jahren zog er sich aus dem Geschäft zurück. Das Reisebüro brauchte mehr Platz und zügelte an die Langstrasse ins Reisehaus. Der einstige Mitarbeiter Mike Mertens übernahm den Laden. Ongaro bedauert es nicht, sein Baby aus den Händen gegeben zu haben. «Kinder werden älter und verlassen irgendwann das Elternhaus», sagt er mit der Gelassenheit eines Weitgereisten.

Hatte Ongaro das Ende von Trottomundo geahnt? «Es war nicht absehbar», antwortet er. «Mike Mertens hat ein breites Wissen, einen grossen Erfahrungsschatz. Vielleicht hätte er mehr Kapital gebraucht, um zu investieren, etwa in den Internetauftritt.»

Ob das gereicht hätte, weiss Ongaro nicht. Die ganze Branche steht unter Druck, die kleinen Anbieter ganz besonders. Immer mehr Kunden bestellen online, kaufen im Ausland ein oder bei grösseren Händlern wie Athleticum oder SportXX. Kommt hinzu, dass Hersteller wie Mammut, North Face oder Jack Wolfskin selber Filialen eröffnet haben.

«Der Markt erreicht eine Sättigung», sagt Nicole Schenker, Sprecherin des Outdoorunternehmens Transa, das an der Zürcher Europaallee einen Flagship-Store betreibt. Diese Sättigung hat auch der Camping-Ausrüster und Zelthersteller Spatz zu spüren bekommen.

Er hat Ende Jahr sein Geschäft in Wallisellen schliessen müssen. Bei Spatz hatte Ongaro nach der Übergabe von Trottomundo kurz gearbeitet. Vor dem Aus kündigte er und wechselte zum Outdoor-Spezialisten Transa. Die Probleme sind dort ungefähr die selben. «Ich erlebe es regelmässig, dass sich Kunden beraten lassen und dann die Etikette fotografieren, um die Ware im Internet bestellen zu können.» Wenn es so weitergehe, sei dies der Untergang der Läden, befürchtet Ongaro.

«Früher war die Gasse voll»

Transa bleibe nichts anderes übrig, als sich auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren, sagt Sprecherin Nicole Schenker: «Dazu gehören fundierte und echte Beratung, gut erreichbare Standorte, grosses Sortiment und Warenverfügbarkeit.» Ob es reicht, um gegen die Online-Anbieter zu bestehen, ist fraglich.

Mike Mertens, der seit vielen Jahren im Verkaufsgeschäft tätig ist, bleibt skeptisch. Man müsse nur vor die Tür schauen. «Früher war die Gasse vor dem Laden voll mit Leuten. Heute ist sie manchmal wie ausgestorben, weil die Kunden über die Grenze gehen oder im Internet einkaufen.»

Bis zum 19. März wird das Trottomundo-Inventar liquidiert, der Laden geräumt und dem Vermieter übergeben. Als alleiniger Betreiber muss Mertens wenigstens keine Mitarbeiter entlassen. Zudem hat er bereits eine Stelle für die Zeit nach Trottomundo. Im April beginnt er in der Sportabteilung von Jelmoli. Und dann ist eine Reise nach Nordindien geplant, in die Region Ladakh. Tönt irgendwie nach Zelt, Schlafsack und Abenteuer.

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