Kartografie

Das Zürcher Staatsarchiv bietet eine Zeitreise an – Rätselraten mit über 20'000 historischen Karten

Der Murer-Plan stellt das spätmittelalterliche Zürich in einer detaillierten Ansicht von 1576 dar.

Der Murer-Plan stellt das spätmittelalterliche Zürich in einer detaillierten Ansicht von 1576 dar.

Das Zürcher Staatsarchiv hat über 20'000 alte Landkarten und Baupläne online gestellt. Die Bevölkerung soll helfen, sie zu erschliessen.

Zeitreisen der besonderen Art bietet jetzt das Zürcher Staatsarchiv an: Es hat seine historischen Karten digitalisiert und online gestellt. Damit sind über 20'000 Landkarten und Pläne aus fast 500 Jahren Zürcher Geschichte für alle via Internet zugänglich.

Nun bittet das Staatsarchiv die Bevölkerung um Hilfe bei der Erschliessung dieses Schatzes, wie es mitteilte. Wer will, kann alte Karten auswählen und zu Hause am Bildschirm punktgenau in moderne Karten montieren. Dazu müssen mindestens drei Punkte von einer historischen auf eine moderne Karte übertragen werden – sei es eine Flussmündung, ein Kirchturm oder beispielsweise eine Strassenkreuzung. Schwups landet die alte Landschaftsdarstellung in der modernen Karte. Oder sie lässt sich in gleicher Nord-Süd-Ausrichtung daneben stellen. «Georeferenzierung mittels Corwdsourcing» nennen Fachleute das.

Man kann aber auch einfach in den alten Karten stöbern, indem man Ortsnamen, Zeiträume oder Stichwörter eingibt. So stösst der interessierte Laie etwa auf ein Aquarell aus dem 18. Jahrhundert, das zeigt, wie sich damals die inselreiche Limmat durchs dünn besiedelte Limmattal schlängelte.

Ein Aquarell aus dem 18. Jahrhundert zeigt, wie sich die Limmat durchs dünn besiedelte Limmattal schlängelt.

Ein Aquarell aus dem 18. Jahrhundert zeigt, wie sich die Limmat durchs dünn besiedelte Limmattal schlängelt.

Auch der berühmte Murer-Plan, der das spätmittelalterliche Zürich darstellt, ist mit ein paar Mausklicks in mehreren Versionen zu finden. Mit ihm begann der Aufstieg Zürichs zu einer Hochburg der Kartografie, wie Rainer Hugener vom Staatsarchiv sagt. Murers Karten aus dem 16. Jahrhundert spielten dabei eine Vorreiterrolle. Mit dem 30-jährigen Krieg sei im 17. Jahrhundert dann der Bedarf an genauen Karten aus militärischen Gründen gestiegen.

Verglichen mit heutigen Karten waren die damaligen Karten aber stark verzerrt. Distanzen stimmten bestenfalls ungefähr. Dafür wurden Dörfer mit ihren markanten Kirchtürmen oft in Seitenansicht statt von oben eingezeichnet. Eine Ausrichtung der Karten nach Norden war aber noch nicht üblich. Oft wurde jedoch «Mittag» und damit Süden markiert, wie Projektleiter Hugener sagt. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts habe sich die genaue Vermessung von Bergspitze zu Bergspitze und die Ausrichtung der Karten nach Norden allmählich durchgesetzt.

Auf die Frage, was für ihn die wichtigste Erkenntnis aus dem Karten-Digitalisierungsprojekt war, sagt Hugener: «Es ist frappierend zu sehen, wie sich die Landschaft historisch  verändert hat.» Das extreme Siedlungswachstum und die enorme Zunahme an Verkehrswegen hätten ihn beeindruckt. Obwohl die Zürcher Ortschaften bis ins 20. Jahrhundert scheinbar weit auseinander lagen – isoliert waren sie nicht, wie Hugener betont. So hätten die Fischer vom Greifensee vom 14. bis ins 18. Jahrhundert zweimal täglich frische Fische in Zürich abliefern müssen und über den Zürichberg gekarrt.

Alternative Realitäten können erkundet werden

Nebst Landkarten und Stadtplänen sind auch historische Baupläne von realisierten und nicht realisierten Projekten zu finden. Zum Beispiel lässt sich erkunden, welche gigantischen Ideen in den 1930er Jahren für ein Kantonsspital auf dem Burghölzliareal oder in den 1950er Jahren für die Winterthurer Kantonsschule Rychenberg existierten, wie das Staatsarchiv in seiner Mitteilung weiter festhält. Die historischen Zeitreisen könnten so auch zur Reise in alternative Realitäten werden, nach dem Motto: Wie sähe der Kanton Zürich aus, wenn gewisse Entscheide anders gefallen wären?

Projektleiter Hugener hofft nun, dass ortsgeschichtlich Interessierte möglichst zahlreich an der Erschliessung des historischen Kartenmaterials mitwirken. Diese solle kostenneutral erfolgen. «Es wäre nicht zu bezahlen, wenn unsere Mitarbeitenden alles von Hand machen müssten», sagt er. Gerade jetzt biete sich so Gelegenheit zur kulturellen Betätigung. Und es gibt noch viel zu tun: Seit das Projekt am 21. April online ging, wurden von knapp 22000 Karten drei Prozent georeferenziert. 

Der Link zu den historischen Karten lautet: https://archives-quickaccess.ch/search/stazh/plan

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