Weisslingen

Auch zehn Jahre später weiss niemand, wer der Mann ist, der vom Himmel fiel

Der Fall des Mannes, der vor zehn Jahren im Wald in Weisslingen gefunden wurde, bleibt mysteriös. Der Versuch einer Rekonstruktion.

Ein T-Shirt, Jeans, Schuhe und ein paar afrikanische Geldscheine – mehr trug er nicht auf dem Leib, als man ihn fand. Er hat bis heute keinen Namen. An dem Tag im April 2010, als ein junger, zirka 26-jähriger Mann über Weisslingen im Bezirk Pfäffikon in die Tiefe stürzte, verlor dieser nicht nur sein Leben, sondern auch seine Identität. Selbst die Staatsanwaltschaft, die in dem Fall ermittelte, stand zunächst vor einem Rätsel.

Der Tote lag in einem Tobel beim Weiler Dettenried, rund 50 Meter entfernt von einem Gehweg. Zwei Spaziergängerinnen hatten ihn gefunden und sofort die Polizei alarmiert. «Ich habe etwas Buntes im Laub liegen sehen und dachte erst, es sei vielleicht illegal deponierter Müll», erinnert sich eine der Augenzeuginnen noch heute. Sie sei gar nicht zu nahe herangegangen, aber als sie gesehen habe, dass es sich um einen ­leblosen Menschen handeln müsse, habe sie gewusst, was zu tun sei.

Die Polizei war mit Spürhunden vor Ort

Matthias Stammbach, damals als Staatsanwalt für schwere Gewaltkriminalität mit dem Fall beauftragt, war neben diversen Einsatzkräften ebenfalls an der Fundstelle zugegen. An den Fall, obwohl schon lange ad acta gelegt, kann er sich noch gut erinnern. Auch daran, dass zwei Begehungen der Stelle nötig waren, bis man sich einen Reim auf das Umkommen des jungen Mannes machen konnte.

«Wir waren mit Spürhunden vor Ort. Einer hat sich bei einem abgebrochenen Ast auffällig verhalten», sagt Stammbach. Den Ast hätten die forensischen Mitarbeiter eingepackt, obwohl zunächst noch unklar gewesen sei, in welchem Zusammenhang er mit dem Toten stehe. Bis ein Kollege von der Polizei darauf hinwies, dass sich der Fundort in der Anflugschneise des Zürcher Flughafens befindet. Ein Umstand, der den Ermittlern zunächst nicht auffiel, weil aufgrund des Ausbruchs des Vulkans Eyjafjallajökull Flugverbot herrschte. Die Obduktion bestätigte jedoch, was die Ermittler vermuteten. Der junge Mann muss aus einem Flugzeug gefallen sein. Die Knochenbrüche, die er am ganzen Körper aufwies, passten dazu. Der abgebrochene Ast, den die Hunde fanden, vervollständigte letztlich das Puzzle. «Dessen Bruchstelle passte zu einem abgebrochenen Ast in den Baumwipfeln.»

Doch war der Sturz nicht die Todesursache, wie Staatsanwalt Matthias Stammbach sagt. «Der Mann muss erfroren oder erstickt sein.» Dies sei nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenke, welche Flughöhe ein Flugzeug in der Regel erreiche. «Auf 10 000 Metern Höhe ist der Sauerstoffgehalt verschwindend klein, ausserdem herrschen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius.» Der Mann, der sich als mutmasslich blinder Passagier im Fahrwerk eines Flugzeugs verborgen hatte, musste dieser Kälte schutzlos ausgesetzt gewesen sein.

«Wir haben vieles versucht»

Als klar war, dass kein Gewaltdelikt vorlag, schloss Staatsanwalt Stammbach den Fall. «Wir haben vieles versucht. Aber es gab keine weiteren Ansätze mehr, um die Identität zu klären.» Der Mann habe keinen Ausweis auf sich getragen, und die DNA, die man international zur Abklärung verschickt habe, habe keine weiteren Anhaltspunkte gebracht.

Einige der Gegenstände, die der Mann auf sich trug, halfen dabei, den Radius seiner Herkunft einzugrenzen. Abschliessend sicher sein kann sich aber auch die Staatsanwaltschaft nicht. Das T-Shirt mit der Signatur einer Firma aus Kamerun – erst noch Hoffnungsschimmer – stellte sich ebenfalls als Sackgasse heraus: Eine Anfrage beim Unternehmen ergab, dass das Shirt in 2500-facher Ausführung existierte.

Mittels Fotos der Kleidungsstücke, die die Kantonspolizei veröffentlichte, hoffte man zunächst auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung. Doch erfolglos. Die Identität des Toten blieb ein Mysterium – bis zum heutigen Tag. Der Fall generierte zahlreiche Medienberichte und diente der Schriftstellerin Gianna Molinari als Grundlage für ihren Roman «Hier ist noch alles möglich».

Auch in Dettenried sei noch lange über den Fall gesprochen worden, so die Augenzeugin. Noch heute kämen hie und da wieder Erinnerungen hoch. Zumeist müsse sie dann an die Familie des Toten denken. «Seine Angehörigen haben bis heute nicht erfahren, was aus ihm geworden ist.» Diese Ungewissheit sei das Tragische, so die Weisslingerin.

Seine letzte Ruhe fand der junge Mann auf dem Friedhof der Reformierten Kirche in Weisslingen, wo er am 21. Juli 2010 beigesetzt wurde. Noch heute bezahlt die Gemeinde Weisslingen eine Gärtnerei aus Zell dafür, dass sie sich um die Frühlings- und Herbstbepflanzung kümmert.

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