Gillianne Bowman arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Mit einem Team erforschte sie, welches Potenzial in Biomasse wie Waldholz, Kehricht, Hofdünger und Ähnlichem steckt, um Energie herzustellen. Im Interview erklärt Bowman, was Privatpersonen tun können, um die Biomasse besser zu nutzen und ob Biogas wirklich stinkt.

Was sind die Vorteile der energetischen Verwertung von Biomasse?

Gillianne Bowman: Die Nutzung von Biomasse hat viele Vorteile: Sie ist eine erneuerbare Energiequelle, die die Treibhausgase begrenzt. Biomassen sind lokalen Ursprungs und können zu einer gewissen Energieautonomie beitragen. Mit Biomasse lassen sich alle notwendigen Energieformen bereitstellen: Strom, Wärme und Brennstoff. Darüber hinaus sind sie im Gegensatz zu anderen erneuerbaren Energien wie Solar- oder Windkraft speicherbar und können nach Bedarf genutzt werden.

Trotzdem werden sie noch nicht viel eingesetzt.

Die Nachteile liegen im Moment im Wesentlichen im wirtschaftlichen Bereich. Die Umwandlungstechnologien gibt es schon seit langem, sie müssen aber verbessert werden, um ihre Effizienz zu steigern und Kosten zu senken.

Was können Privatpersonen zur verbesserten Nutzung der Biomasse beitragen?

Die Haushalte können ihre Abfälle besser sortieren, um eine möglichst effiziente Nutzung zu gewährleisten. Denn Grünabfälle können beispielsweise besser genutzt werden, wenn sie getrennt gesammelt werden.

Sie sammelten Daten über die Biomasse in der ganzen Schweiz. Was unterscheidet den Kanton Zürich von anderen Kantonen?

Der Kanton Zürich verfügt über eine grosse Menge und Vielfalt an Ressourcen. Grund dafür sind sowohl durch Menschen verursachte Abfälle aufgrund der grossen urbanen Fläche als auch land- und forstwirtschaftliche Ressourcen.

Was waren für Sie die überraschendsten Erkenntnisse?

Energieholz spielt beispielsweise für die Waldbewirtschaftung und die Holzmärkte eine wichtige Rolle; auch für die Energiewende als Ganzes ist sein Beitrag nicht zu unterschätzen. Waldmanagement und Holzpreise bestimmen massgeblich die Verfügbarkeit von Energieholz: Eine Änderung der Bewirtschaftungsstrategie mit einer leicht intensiveren Bewirtschaftung des Waldes könnte vorübergehend grosse Mehrmengen liefern.

Wofür bräuchte man dieses Holz?

Dieses Holz könnte für die Umstellung der Wirtschaftsweise in Richtung eines niedrigeren Umsatzes von Kohlenstoff in der Energiewende genutzt werden. Zudem könnte bei dieser Bewirtschaftung und mit nur einem zusätzlichen Rappen pro Kilowattstunde jährlich eine Million Kubikmeter zusätzliches Energieholz alleine aus dem Wald bereitgestellt werden. Diese zusätzliche Menge entspricht ungefähr der Hälfte des Holzes, welche heute aus dem Wald in der Schweiz für die Energienutzung verwendet wird.

Da drängt sich unweigerlich die Sorge um die Waldbestände auf.

Was das Holz betrifft, so können wir eine gewisse Angst vor Übernutzung des Waldes wahrnehmen. Da der Schweizer Wald nachhaltig bewirtschaftet und dies von den Kantonen kontrolliert wird, kann man hier sicher Entwarnung geben.

Wie viele Biogasanlagen gibt es in der Schweiz?

Es gibt etwa 30 grosse Industrieanlagen und etwa 100 landwirtschaftliche Anlagen in der Schweiz. Darüber hinaus produzieren rund zwei Drittel der Kläranlagen auch Biogas, da die Vergärung von Klärschlamm ein Mittel ist, um es vor der Verbrennung zu stabilisieren.

Weshalb sind Biogasanlagen immer noch wenig verbreitet?

Die Zukunft von Biogas ist ungewiss. Die meisten der geplanten Biogasanlagenbauprojekte sind auf Eis gelegt. Dennoch ist es eine bereits etablierte Technologie, die seit den 1970er Jahren im Einsatz ist. Mehrere Organisationen wie die Schweizer Biomasse oder die Genossenschaft Ökostrom Schweiz versuchen, die Installation solcher Systeme zu erleichtern, und die Gaswirtschaft hat ihre Bereitschaft gezeigt, die Entwicklung des Sektors zu unterstützen. Die alternativen Mechanismen zur kostenorientierten Einspeisevergütung werden entscheidend sein.

Was sind die häufigsten Vorurteile bezüglich des Gebrauchs der Biomasse?

Was die feuchte Biomasse betrifft, die vergoren werden muss, befürchten einige, dass Verschmutzungen, Gerüche und der Verlust von Düngemitteln für den landwirtschaftlichen Bedarf entstehen. Doch eine gut gemanagte Biogasanlage verursacht keine zusätzlichen Belastungen und die Gerüche sind ähnlich wie jene von Wirtschaftsdünger. Darüber hinaus werden alle Nährstoffe während des Fermentationsprozesses zurückgehalten und der anfallende Gärrest kompostiert und als Düngemittel verwendet, wodurch der natürliche Nährstoffkreislauf geschlossen wird.

Weshalb setzen Sie statt auf andere nachhaltige Stromproduktionen wie Solar auf Biomasse?

Biomasse ist eine Ergänzung zu anderen erneuerbaren Energien. Sie ersetzt sie nicht! Die Biomassemenge in der Schweiz kann nur einen Teil des Energiebedarfs decken. Auf der anderen Seite ist es eine speicherbare Energie, die genutzt werden kann, um den Mangel an Sonnen- oder Windenergie auszugleichen, wenn Sonne und Wind fehlen. Was besonders im Winter der Fall ist.