Limmattal

Umstrittene Chilbi: Stieg die Feuerwehr aufs Karussell, wurde es brenzlig

1980 befand sich ein Teil der Chilbi Schlieren noch auf dem Platz beim Zentrum Spitzacker. Mittlerweile findet der Anlass auf dem Mehrzweckplatz Zwischenbächen statt.

1980 befand sich ein Teil der Chilbi Schlieren noch auf dem Platz beim Zentrum Spitzacker. Mittlerweile findet der Anlass auf dem Mehrzweckplatz Zwischenbächen statt.

Die Chilbi war den Obrigkeiten einst ein Dorn im Auge. Bis heute hat sie nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

Es war vergebens. Die Menschen in der Zürcher Landschaft liessen sich ihre lieb gewonnenen Volksfeste nicht verbieten. So sehr sich die Obrigkeit nach der Reformation auch bemühte, die Ausschweifungen einzudämmen, die Kirchweih samt Festschmaus und Jahrmarkt blieb fester Bestandteil im Jahreskalender der Landbevölkerung. Bis heute haben die Feste, die sich aus den jährlichen Erinnerungsfeiern an die Kircheneinweihung entwickelten und seit langem schon Chilbi genannt werden, nichts von ihrer Faszination verloren.

Vielerorts – besonders im Zürcher Oberland, aber auch im Limmattal – sind sie immer noch wichtige Anlässe in der Gemeindeagenda und lösen bisweilen gar Diskussionen auf politischer Ebene aus. Etwa in Dietikon, wo die Chilbi in den letzten Jahren verschiedentlich zu reden gegeben hatte, auch in Form von Anfragen im Parlament. So geschehen 2007, als vom traditionellen Standort auf dem Zelgli-Parkplatz kurzzeitig abgerückt und ein Versuch auf dem Pausenplatz des Schulhauses Zentral durchgeführt wurde. 2008 und 2009 fand sie dann wieder auf dem Zelgli statt. Auch in Schlieren war die Chilbi schon Politikum. Beispielsweise im Jahr 1950, als über ein neues Datum diskutiert wurde. So sollte der Anlass, der traditionell um Martini, also den 11. November, stattfindet, aus witterungsbedingten Überlegungen auf den ersten Sonntag im September verlegt werden. Die Schulpflege und auch der Gemeinderat, mit Ausnahme des Polizeivorstandes, waren dafür. Doch die Gemeindeversammlung sprach sich dagegen aus. Unter anderem deshalb, weil im September in der Umgebung an verschiedenen Orten Chilbis stattfänden und daher Schausteller mit interessanten Bahnen nur schwierig zu engagieren seien.

In der Tat haben sich vielerorts die Kirchweihen in ihren langen Geschichten zu eigentlichen Herbstfesten entwickelt. Denn neben dem Tag der Kircheneinweihung setzten sich in Anlehnung an bäuerliche Erntefeste immer öfter auch Spätsommer- bis Novembertermine durch. In Schlieren findet sicher seit 1713 eine Chilbi statt. In jenem Jahr wurde die Kirche ausgebaut. Schon damals feierte man immer um Martini. Denn früher war dieser Tag für die Bauern immer auch der Zinszahltag.

Viele Standorte in Dietikon

Auch in Dietikon wird die Chilbi traditionell im Herbst gefeiert, genauer am Sonntag nach dem Gallustag. Üblicherweise handelt es sich um den dritten Sonntag im Oktober. Ihren Ursprung dürfte sie Jahr 1489 haben. Damals wurde in der Kirche ein neuer Altar geweiht. Wann die Chilbi vom Frühling in den Herbst verlegt wurde, ist nicht bekannt. Sicher ist hingegen, dass um 1680 die Dietiker Chilbi wegen Ausschweifungen verboten werden sollte. Es blieb beim Versuch.

In ihrer langen Geschichte hat die Chilbi in Dietikon oftmals den Standort gewechselt. So standen Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Löwen- und Kronenplatz eine «Rössliriiti», eine Schifflischaukel sowie ein bis zwei Stände mit Süssigkeiten. Wegen des aufkommenden Verkehrs wurde sie dann auf eine Spielwiese und Mitte des Jahrhunderts auf den Zelgliplatz verlegt. Lange gehörte es zur Tradition, dass die Feuerwehr am Chilbimontag ihre Hauptübung abhielt. Nach Übungsschluss zog das ganze Korps zur Entlassung auf den Schulhausplatz. An der Chilbi wurde anschliessend oftmals der gesamte Sold verpulvert.

Davon zeugen unter anderem auch die Erinnerungen des Dietiker Journalisten Jakob Grau (1883–1968), der ausführlich über die Chilbitage seiner Jugend berichtete. Die grosse Attraktion war die Reitschule, die zwischen «Krone» und Zehntenscheune aufgestellt wurde. Sie erfreute sich bei Jung und Alt grosser Beliebtheit. «Wenn aber nach der Spritzenprobe am Chilbimontagnachmittag die Feuerwehrmannen ihren Sold bereits in Alkohol umgewandelt hatten und über die Kronentreppe hinweg auf das Karussell torkelten – dann wurde es ungemütlich», so Grau. Den Feierlichkeiten, die in den Restaurants mit viel Sauser und deftigem Essen begangen wurden, tat dies freilich keinen Abbruch.

Vor sieben Jahren sah es allerdings danach aus, als würde die Chilbitradition in Dietikon ihr Ende finden. Denn 2010 wurde sie erstmals abgesagt. Die Begründung des damaligen Veranstalters: Es sei zunehmend schwierig, attraktive Bahnen nach Dietikon zu holen. «Keine geeigneten Platzverhältnisse, zu wenig Umsatz, fehlende Innovation», hiess es. 2011 wurde die Chilbi erneut gestrichen, Schausteller und Stadt schoben sich die Schuld gegenseitig zu: Der Zelgliplatz sei nicht zentral genug, man wolle ins Zentrum, so der Veranstalter – «kein Platz, keine ausreichende Infrastruktur», konterte die Stadt. 2013 wendete sich dann das Blatt. Willy Bourquin, ein neuer Veranstalter, nahm das Heft in die Hand. Und so lebt die Tradition weiter.

Auch in Schlieren war der Chilbibetrieb am Einschlafen. Mit dem 1999 gegründeten Chilbi-Club kam wieder neuer Schwung in die Sache. Und so wird dort wie zu alten Zeit um Martini Kirchweih gefeiert.

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