Coronavirus

Schon seit zehn Wochen getrennt – ihre Liebe leidet unter der Grenzschliessung

Als das Coronavirus sie noch nicht trennte: Renate Seiter und Wilfried Müller sind schon seit 20 Jahren ein Liebespaar. Während der Coronakrise müssen sie auf Zweisamkeit verzichten.

Als das Coronavirus sie noch nicht trennte: Renate Seiter und Wilfried Müller sind schon seit 20 Jahren ein Liebespaar. Während der Coronakrise müssen sie auf Zweisamkeit verzichten.

Die Geroldswilerin Renate Seiter und ihr deutscher Partner Wilfried Müller dürfen sich seit Ausbruch der Coronakrise nicht mehr besuchen. Sie finden, dass Paare ohne Trauschein nicht mit Touristen gleichgesetzt werden können.

Liebe kennt keine Grenzen. Das trifft auch auf die Liebe von Geroldswilerin Renate Seiter und Wilfried Müller aus dem deutschen Oberkochen zu. Das binationale Paar lebt 310 Kilometer voneinander entfernt. Der Grenzübertritt mit dem Auto oder dem Zug ist für jeden Besuch notwendig. Auch nach 20 Jahren Beziehung kein Problem für die beiden. Doch seitdem die Grenzen wegen der Coronakrise dicht gemacht wurden, kann sich das Paar nicht mehr sehen.

«Ich bin am 29. Februar mit einem mulmigen Gefühl zurück nach Oberkochen gefahren,
weil ich ahnte, dass es zu Einreise­beschränkungen kommen könnte», sagt Wilfried Müller. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich.

Das Liebespaar kann sich nun seit fast zehn Wochen nicht mehr treffen. «Sonst besuchen wir einander alle zwei bis drei Wochen für ein paar Wochen. Ich vermisse Wilfried sehr», sagt Renate Seiter. Sie habe nicht damit gerechnet, dass dieser Zustand so lange andauern würde. Zwischendurch habe sie sogar mit dem Gedanken gespielt, einfach mit dem Auto über die Grenze zu fahren, egal, was die Zollbeamten sagen. «Doch Wilfried hat mir das schnell wieder ausgeredet», sagt die 64-Jährige.

Neben dem Liebesentzug nagt die Ungewissheit am meisten an den beiden. «Diese Perspektivlosigkeit setzt uns zu. Wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen, in ein paar Wochen oder erst in ein paar Monaten», sagt Müller. Während seine Partnerin sich wohl oder übel mit der Situation abgefunden hat, lässt der 68-Jährige nichts unversucht, um seine Renate so schnell wie möglich wieder in die Arme schliessen zu können. Er fordert, dass Paare wie sie gleich behandelt werden wie binationale Eheleute. Diese und Personen mit eingetragenen Partnerschaften dürfen die Grenzen nämlich passieren.

Mit Schengen wurden diese Lebensmodelle gefördert

Müller meldete sich bei verschiedenen Lokalzeitungen in Deutschland und auch bei der Redaktion der «Limmattaler Zeitung». Zudem wandte er sich an die Politik. «Ich habe E-Mails an Abgeordnete und Fraktionen des Landtags und Bundestags, an die verschiedenen Parteien sowie den Ministerpräsidenten in Stuttgart und an den Innenminister in Berlin geschrieben, um auf das Problem aufmerksam zu machen.» Zudem kontaktierte Müller auch das Staatssekretariat für Migration in Bern. «Die Behörden und Politiker müssen sich dem annehmen. Wir sind schliesslich nicht die einzigen Betroffenen. Es geht nicht nur um zahlreiche Beziehungen in den Grenzregionen, sondern um solche im ganzen Schengenraum.»

Wilfried Müllers und Renate Seiters Hobby ist das Reisen. Die beiden sind traurig, dass sie bereits geplante Ferien absagen mussten. Zudem vermissen sie gemeinsame Konzertbesuche, Kinoabende und Treffen mit ihren beiden Familien.

Als das Reisen noch möglich war

Wilfried Müllers und Renate Seiters Hobby ist das Reisen. Die beiden sind traurig, dass sie bereits geplante Ferien absagen mussten. Zudem vermissen sie gemeinsame Konzertbesuche, Kinoabende und Treffen mit ihren beiden Familien. 

Müller ärgert sich, dass die Einreisebeschränkungen auf streng konservativen Lebensmodellen basieren. «Wir leben doch nicht mehr in den 50er-Jahren. Es gibt heutzutage nicht nur die Ehe, sondern auch neue Formen von Lebenspartnerschaften mit und ohne Eintragung.» Zumal Lebensmodelle wie das ihrige durch die Mobilität, die EU und das Schengenabkommen gefördert worden seien. «Es darf nicht sein, dass die Politik uns Trauscheinlose mit Touristen gleichstellt.» Man fahre nach dem Grenzübertritt nicht in der Gegend herum und mache Sightseeing. «Wir leben im Haushalt des Partners nach den gleichen gesetzlichen Regeln wie im jeweiligen Land vorgegeben. Das ist also weniger gefährlich, als ein Fussball-Bundesliga-Spiel zu organisieren, aber wir sind eben nicht systemrelevant.»

Kennengelernt hatten sie sich bei Leitz in Dietikon

Kennengelernt hatten sich Müller und Seiter 1999 bei der Arbeit für die deutsche Werkzeugherstellerin Leitz in Dietikon. «Die Zentrale in Oberkochen schickte mich damals zur Tochterfirma in Dietikon, um eine grössere EDV-Umstellung durchzuführen. Dazumal war das Unternehmen noch nicht in Lenzburg ansässig. Renate war die Projektverantwortliche vor Ort. So ergab es sich, dass das Projekt

im Grunde bis heute nicht beendet ist», erzählt Müller. Liebe auf den ersten Blick sei es ihrerseits nicht gewesen, gibt Seiter zu. «Ich habe etwas länger gebraucht, dann hat mich Amors Pfeil aber umso heftiger getroffen», sagt sie und lacht. Für beide war es nach vorhergehenden Beziehungen, Ehen und Familiengründungen der zweite Anlauf für die Liebe. «Meine Ex-Frau, mit der ich einen Sohn habe, war für mich die erste Frau fürs Leben. Renate ist meine zweite Frau fürs Leben und ich gehe davon aus, dass sie auch die letzte sein wird», sagt Müller.

Die beiden telefonieren täglich miteinander. «Doch Telefongespräche und Video­anrufe können die physische Präsenz nicht ersetzen», sagt Seiter. Sie vermisst die gemeinsamen Spaziergänge und Konzertbesuche, ihm fehlen die Zürcher Kinoabende oder die Besuche im Schauspielhaus. Unmöglich sind derzeit auch die Zusammenkünfte mit den Familien. Seiter hat einen Sohn, zwei Enkel und drei Schwestern, die im Aargau leben. Müller hat einen Sohn und eine Enkelin in Aalen. «Es ist schade, dass wir die Zeit nicht mit ihnen verbringen können», sagt Müller. Die beiden bedauern zudem, dass bereits viele geplante Ferien ins Wasser fielen. «Wir mussten unsere Wien-Reise und die Wellness-Ferien absagen», sagt Seiter.

Daran gedacht, zusammenzuziehen und der wiederkehrenden temporären Trennung ein Ende zu bereiten, haben die beiden durchaus. Doch ein gemeinsamer Wohnort sei überwiegend aus Kostengründen schwierig, sagt Müller. «Ein Leben in der Schweiz ist für einen deutschen Rentner nahezu nicht ­finanzierbar. Und ein Umzug nach Deutschland für eine Schweizerin mit grosser Familie ist auch nicht ganz ohne. Deshalb haben wir uns für eine Fernbeziehung entschieden, die wir nun schon seit 20 Jahren erfolgreich führen.»

Die Liebe lässt sich nicht ­beweisen, sagt der Staat

Dass die Behörden eine Ausnahme für unverheiratete Paare wie Seiter und Müller machen werden, scheint ausgeschlossen. «Der Bundesrat hat festgelegt, dass Einreisen in die Schweiz nur in Ausnahmefällen erlaubt sind. Zu diesen Ausnahmen gehören Paare, die verheiratet sind, in einer eingetragenen Partnerschaft leben oder gemeinsame, minderjährige Kinder haben», schreibt die Medienstelle des Sekretariats für Migration auf Anfrage. Personen, die in einer Beziehung leben, die diese Bedingungen nicht erfüllen, dürften grundsätzlich nicht einreisen. Es sei denn, es gebe andere Faktoren, die eine Ausnahmebewilligung im Sinne eines Härtefalles rechtfertigen würden, so etwa bei einer schweren Krankheit.

Renate Seiter und Wilfried Müller wissen nicht, wann sie sich wieder besuchen dürfen. Kennengelernt haben sich die beiden 1999 bei der Arbeit in Dietikon.

Die Ungewissheit setzt ihnen zu

Renate Seiter und Wilfried Müller wissen nicht, wann sie sich wieder besuchen dürfen. Kennengelernt haben sich die beiden 1999 bei der Arbeit in Dietikon. 

«Die Ungleichbehandlung dieser Paare mit verheirateten oder registrierten Paaren hat einen einfachen Grund: Wer verheiratet oder eingetragen ist, kann dies beim Grenzübertritt belegen. Es ist keine Art von moralischer oder gesellschaftlicher Bewertung damit verbunden», heisst es von der Medienstelle weiter. Wann die Einreisebestimmungen weiter gelockert würden, wisse man nicht.

Eines ist für Seiter aber klar: «Sobald die Grenzen aufgehen, steige ich in mein Auto und fahre zu meinem Wilfried.»

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