Zürich
Wenn die Familie unter dem Krieg leidet: Helen Meles setzt sich von Zürich aus für die Region Tigray ein

Helen Meles demonstriert für die hungernde Bevölkerung im Tigray. Viele ihrer Landsleute aus dem Norden Äthiopiens tun es ebenso, doch nur wenige trauen sich mit ihrem Namen hinzustehen. Zu gross ist ihre Angst vor Häme in der Schweiz.

Lydia Lippuner
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Politisches Statement in amharischer Schrift: «Tigray wird gewinnen», steht auf dem T-Shirt von Helen Meles.

Politisches Statement in amharischer Schrift: «Tigray wird gewinnen», steht auf dem T-Shirt von Helen Meles.

Lydia Lippuner

Helen Meles sitzt vor einem Zürcher Bioladen und trinkt ein Gazosa. Die fröhliche Verkäuferin in Ausbildung wird spontan von einigen Passanten gegrüsst. Redet sie jedoch über ihre Heimat, den Bundesstaat Tigray im Norden Äthiopiens, verschwindet das Lachen aus ihrem Gesicht.

Seit Monaten lebt sie in einem emotionalen Spagat: Einerseits baut sie sich in der Schweiz ein sicheres Leben auf – andererseits blinken auf ihrem Handy verstörende Nachrichten aus Tigray auf. «Ich erhielt Videos von Frauen, die vergewaltigt und von Kindern, die getötet wurden.» Diese Nachrichten gingen ihr als Frau und Mutter einer sechsjährigen Tochter zu nahe, als dass sie sie hätte ignorieren können.

So ging sie gemeinsam mit dem Tigray Youth Movement auf die Strasse und protestierte, mehrheitlich in Genf, gegen die Besetzung des äthiopischen Nordens durch die äthiopische und eritreische Armee und machte auf die Hungersnot im Kiegsgebiet aufmerksam. Sie sagt:

«Diese Demos waren das Mindeste, was ich tun konnte. Auch wenn ich das letzte Mal meine Rede wegen der aufkommenden Tränen nicht fertig lesen konnte.»

Vor rund zwei Wochen wendete sich das Blatt im Bürgerkrieg. Die Zentralregierung verkündete eine einseitige Waffenruhe –die Regionalhauptstadt Mekelle steht seitdem unter Kontrolle der Rebellen. Die Feuerpause soll es den humanitären Organisationen erlauben, ungehindert in der Region zu arbeiten. Doch wird der Zugang der Hilfsorganisationen seit Monaten von der Sicherheitslage, bürokratischen Hürden sowie fehlendem Strom, fehlendem Internet und fehlenden Telefonverbindungen erschwert.

Das steckt hinter dem Krieg im Norden Äthiopiens

Der Konflikt war im November eskaliert. Damals hat die äthiopische Regierung eine Militäroffensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) gestartet, die bis dahin in der gleichnamigen Region an der Macht war. Die Kämpfe im Norden Äthiopiens verwandelten sich schnell in einen komplexen Konflikt, in den auch das Nachbarland Eritrea verwickelt ist. Wegen des andauernden Konflikts sind laut UNO-Angaben 400'000 Personen akut vom Hungertod bedroht, die UNO zählte überdies mehr als 500 Opfer von Vergewaltigungen, tatsächlich dürften es viele mehr sein.

Gekappte Telefonleitungen verhindern den Kontakt zu Angehörigen

Die neue Situation sorgt für Besorgnis bei den Aktivisten in der Schweiz: «Der Tigray ist immer noch von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Telefonleitungen sind unterbrochen und wir haben wieder seit fast zwei Wochen keinen Kontakt zur Familie», sagt eine mit Meles befreundete Aktivistin, die nicht mit Namen genannt werden möchte. «So lange nicht der humanitäre Zugang gewährleistet ist, können wir nicht von ‹Frieden› sprechen», sagt sie weiter. Deshalb sammle die Gruppe weiter Geld für die Menschen im Tigray, lanciere Social-Media-Kampagnen gegen sexuelle Gewalt im Krieg und fordere die Politiker auf, sich gegen die Unterdrückung der Bevölkerung des Tigray stark zu machen.

Meles Vater ist von den Kriegswirren aus dem Gebiet geflohen. Nun gehört er zu den über als 63'000 Menschen, die laut der Amnesty International in den Sudan geflohen sind. Auf der Flucht habe er seinen Fuss verletzt, doch aufgrund der humanitären Krise konnte dieser noch nicht richtig behandelt werden. «Er lebt in einem Dorf, da die UNO-Camps mittlerweile überfüllt sind», sagt Meles. Zu ihren Grosseltern, die im Tigray wohnen, hat sie seit Wochen keinen Kontakt mehr.

Es geht nicht nur um die eigene Familie

Bei ihrem Engagement gehe es aber um mehr als nur um die Sorge für die eigene Familie. «Wir sammeln Geld und schicken es an Organisationen vor Ort. Denn unseren Familien geht es vergleichsweise gut», sagt Meles. Dabei gehe es nebst der finanziellen Unterstützung auch um Beschäftigung. Meles sagt:

«Wir unterstützen beispielsweise einen Fussballklub vor Ort, der den Geflüchteten eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten soll, damit sie nicht kriminell werden.»

Für ihr Engagement erhielt Meles in den Sozialen Netzwerken oft Hassnachrichten. Aufgrund solcher Anfeindungen waren andere Aktivisten nicht dazu bereit, mit ihrem Namen oder gar ihrem Gesicht in der Zeitung zu erscheinen. Normalerweise nimmt Meles die Beleidigungen gelassen und löscht sie diskussionslos. Doch als ihr eine Frau schrieb, sie hoffe, dass ihr Vater verrecke, blieb ihr das Lachen im Hals stecken. Der Hass komme oftmals von der eritreischen Community, die in der Schweiz mit mehr als 41'000 Personen vertreten ist. Das Absurde sei, dass sie selbst zur Hälfte Eritreerin ist. «Die Leute sagten mir, ich sei staatenlos, weil ich Tigray und Eritreerin bin», sagt sie.

Die Diaspora in der Schweiz ist sich uneins

Auch Yonas Gebrehiwet, Gründungsmitglied des Eritreischen Medienbunds Schweiz, ist sich bewusst, dass der Krieg in Äthiopien Auswirkungen bis in die Schweiz hat. Er sagt. «Der Krieg sorgt auch hier für Diskussionen und kann Freundeskreise spalten. Regierungstreue Eritreer sind eher für die Besetzung des Tigray und Oppositionelle eher dagegen.» Obwohl manche Freundschaften belastet seien, sei es noch zu früh, um Schlüsse über das Zusammenleben der gegnerischen Parteien zu ziehen. Der Eritreische Medienbund setzt sich nicht aktiv gegen die Besetzung des Tigray ein, er verurteilt die Einmischung Eritreas in den Konflikt aber scharf. «Die eritreische Diktatur gehört zu den Drahtziehern hinter dem ganzen Konflikt. Dabei hat Eritrea nichts zu suchen im Tigray.» Es sei traurig, dass sich Äthiopien und Eritrea nun wieder im gleichen Schlamm bewegen, statt dass sie sich im Frieden weiterentwickeln können. In diesem Falle habe sich die Äthiopische Regierung mit den Eritreern im Kampf gegen die Tigray verbündet, ganz nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. «Doch eine solche Rechnung geht nicht auf. Das wird eine tickende Zeitbombe, die eines Tages explodiert», sagt er. Dabei werden weder der Tigray noch Eritrea gewinnen.

Meles wollte in den Sudan reisen, um sich ein Bild vor Ort zu machen, doch dies sei momentan zu gefährlich und übersteige ihr derzeitiges Budget. So bleibe ihr nichts anderes übrig, als sich von hier aus für ihre vertriebenen und unterdrückten Landsleute stark zu machen. «Wir können nicht da sitzen und es uns gut gehen lassen, während es der Bevölkerung im Tigray schlecht geht», sagt sie. So wechselt sie weiterhin zwischen ihrer Arbeit hinter der Theke des Lebensmittelladens im Seefeld und den Protestaktionen auf der Strasse und in den sozialen Netzwerken hin und her.

In einer früheren Version des Artikels stand, dass die eritreische Community in der Schweiz mit über 9700 Personen vertreten ist. Zusätzlich zu diesen Personen, die sich derzeit laut dem Staatssekretariat für Migration im Asylprozess befinden, leben weitere rund 31'600 eritreische Personen mit ständiger Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. So befinden sich nun insgesamt rund 41'000 Eritreerinnen und Eritreer in der Schweiz. Wir bitten um Entschuldigung für die erwähnte Auslassung.

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