1,6 Millionen Franken

Staatsanwaltschaft klagt Online-Betrüger an – Dietiker hofft auf «empfindliche» Strafen

Hier wird den schweizweit tätigen Betrügern der Prozess gemacht: das Gerichtsgebäude an der Römerstrasse in Olten.

Ein Mann verkaufte auf Ricardo Waren, ohne sie zu liefern. Auch Limmattaler waren betroffen. Nun zeigt sich, dass der Fall noch viel grösser ist als bisher bekannt.

An das vermeintliche Schnäppchen erinnert sich der Dietiker Marco Kälin, als wäre es gestern gewesen. Am 21. Juli 2013 kaufte er auf der renommierten Auktionsplattform Ricardo vier Samsung-Tablets für 1100 Franken. Bis heute wurden sie nicht geliefert.

Nur Stunden nach dem Kauf wurde Kälin misstrauisch. Er begann zu recherchieren. Der Verkäufer hatte viele ähnliche Angebote zu so tiefen Preisen ins Netz gestellt, dass etwas nicht stimmen konnte. Kälin informierte Ricardo. Die Plattform sperrte den Verkäufer fünf Tage später, als sie aus ihrer Sicht mit genügend grosser Sicherheit davon ausgehen konnte, dass Betrug vorliegt. Doch der Schaden war angerichtet.

Kälin verfolgte, wie der mutmassliche Betrüger, ein Kosovare, über seine Firma mit Sitz im bernischen Huttwil immer mehr Ricardo-Kunden abzockte. Und so viel Geld scheffelte. Kälin hielt alles akribisch fest und übergab seine Recherchen der Kantonspolizei Zürich in Dietikon, wo er Anzeige erstattete. Als die Limmattaler Zeitung im August 2013 berichtete, ging Kälin von rund 300 abgezockten Käufern und einem Schaden von rund 100 000 Franken aus.

Es geht jetzt um 1,6 Mio. Franken

Sechs Jahre später zeigt sich: Der Fall hat immer grössere Kreise gezogen, je länger die Ermittlungen dauerten. So hat die Berner Staatsanwaltschaft Emmental-Oberaargau den Fall an die Staatsanwaltschaft Solothurn übergeben. Diese sagt nun auf Anfrage, die Ermittlungen seien abgeschlossen. Sie hat im Januar Anklage erhoben. Und sie macht klar: Die Schwindel-Verkäufe auf Ricardo, die gemäss Kälin mindestens 100 000 Franken einbrachten, waren nur ein Teil des Geschäfts. Total beträgt die Deliktsumme gemäss Staatsanwaltschaft Solothurn über 1,6 Millionen Franken – erbeutet über vier Jahre, von 2011 bis 2015. Die Anzahl der Opfer wird heute auf rund 400 beziffert.

17 Tatverdächtige

Die mindestens 17 Betrüger rund um den 30-jährigen kosovarischen Hauptverdächtigen haben über 13 Scheinfirmen auch unzählige Waren bestellt, die sie nicht bezahlten. «Insbesondere Mobilfunkanbieter erlitten Schäden von mehreren hunderttausend Schweizer Franken», schreibt die Staatsanwaltschaft. So hätten die Betrüger mindestens 334 Mobilfunk-Aboverträge abgeschlossen und ergaunerten so Handys, ohne zu zahlen. Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurden über 1000 bestellte und nicht bezahlte Artikel beschlagnahmt. Auch Finanzinstitute wurden reingelegt: Mit falschen Lohnabrechnungen wurden Kredite an nicht kreditwürdige Personen ausgezahlt.

Von den 17 mutmasslichen Tätern müssen sich 3 vor Gericht verantworten – der 30-jährige Kosovare, ein 26-jähriger Schweizer und ein 28-jähriger Schweizer. Gegen 4 Verdächtige gab es zudem separate Verfahren. 8 Fälle wurden mittels Strafbefehl erledigt und 2 Verfahren wurden eingestellt.

Der mutmassliche Haupttäter war ein Profi: Zwar hat er die Fäden gezogen. Aber bei keiner der 13 Firmen war er selber im Handelsregister eingetragen. Stattdessen hat er Personen aus seinem Bekanntenkreis eingesetzt. Diese nahmen auch die Bestellungen am Telefon, im Internet und in den Verkaufsgeschäften vor, wie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Solothurn und der Spezialabteilung Wirtschaftsdelikte der Kantonspolizei Solothurn ergaben, für die über 100 Befragungen durchgeführt wurden.

«Kein Geld mehr zu holen»

Der Dietiker Marco Kälin, der sich heute als Präsident des Gewerbevereins Geroldswil-Oetwil nach wie vor für ehrliches Gewerbe einsetzt, hat seine 1100 Franken abgeschrieben: «Ich verzichte darauf, mich in dem Fall als Privatkläger zu konstituieren. Die Anwaltskosten würden den Verlust schnell übersteigen. Und wahrscheinlich ist beim Betrüger kein Geld mehr zu holen.» Über die Anklageerhebung freue er sich aber sehr. «Ich hoffe, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden und empfindliche Strafen erhalten.»

So wie er dürften im Limmattal, der weiteren Region und der ganzen Schweiz viele denken. Wie Marco Kälins Recherchen 2013 zeigten, gibt es auch Opfer in Schlieren, Spreitenbach, Berikon, Widen, Regensdorf und der Stadt Zürich. Aber auch Betrugsopfer aus Lausanne, Basel, St. Gallen, Graubünden, dem Tessin und der Innerschweiz sind vermerkt. Urteilen wird das solothurnische Richteramt Olten-Gösgen.

Meistgesehen

Artboard 1