Schlieren
Sie prägt mit ihrem Buch Generationen von Krankenschwestern

Liliane Juchlis Wirken hat Generationen von Krankenschwestern geprägt – auch am Theodosianum. Sie ist die Urheberin des Buches «Allgemeine und spezielle Krankenpflege» – auch bekannt als der «Juchli».

Katja Landolt
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Liliane Juchli mit dem Buch, das Generationen von Krankenschwestern im In- und Ausland geprägt undbegleitet hat.

Liliane Juchli mit dem Buch, das Generationen von Krankenschwestern im In- und Ausland geprägt undbegleitet hat.

Foto: Michael Spindler, aus Marianne Pletschers Film « Leiden schafft Pflege»

Wäre Liliane Juchli nicht so beharrlich gewesen – um ein Haar wäre alles anders gekommen: Die Mutter wollte aus dem Mädchen eine Serviertochter machen. Geworden ist es eine Ordensfrau und Krankenschwester, die Urheberin jenes Buches, das Generationen von Pflegefachpersonal begleitet und geprägt hat: «Allgemeine und spezielle Krankenpflege» – auch bekannt als der «Juchli».

Die Bücherregale in Liliane Juchlis Zimmer im Schwesternheim Theodosianum in Zürich reichen bis unter die Decke. Zuoberst stehen sie, die «Juchlis», von der ersten bis zur zwölften Auflage. 40 Jahre ist es her, seit die erste Auflage erschienen ist. Und das ist längst nicht das einzige runde Jubiläum in Sachen Liliane Juchli: Vor 60 Jahren ist sie ins Schwesternheim gezogen, im Oktober wird sie ihren 80. Geburtstag feiern. Ein Blick zurück auf ein Leben, das so anders verlaufen ist, als es hätte sein sollen.

Mausschwänze für Haushaltskasse

Liliane Juchli kommt am 19. Oktober 1933 in einer Stube in Nussbaumen bei Baden zur Welt. Eine karge, garstige Welt. Für ein Mädchen komme er nicht nach Hause, lässt der Vater der Mutter nach der Geburt ausrichten. Klara Ida, «Klärli», nennt die Mutter das Zweitgeborene.

Der Familie fehlt es an allem: Der Lohn vom Vater aus dem Steinbruch und die Batzen, die die Mutter fürs Nähen bekommt, reichen kaum zum Überleben. Klara und ihre beiden Brüder jagen Mäuse, stellen Kegel, verkaufen Blumensträusschen und vertragen Zeitungen, um etwas zur Haushaltskasse beizusteuern. Weil so kaum Zeit zum Lernen bleibt, heisst es im Dorf, die Juchli-Kinder seien dumm.

Nach acht Jahren Schule wird Klara ins Welschlandjahr geschickt, nach Oron-la-Ville. Keine glückliche Zeit: Die Familie nutzt die billige Arbeitskraft aus. Furchtbares Heimweh plagt die 15-Jährige; jeden Abend steht sie am Bahnhof, schaut den Zügen hinterher, die heimwärts nach Baden fahren. Nach einem halben Jahr holt ihre Tante sie nach Yverdon. Dort stösst Klara in der Zeitung auf ein Inserat; das örtliche Spital sucht Schwesternhilfen.

Die ersten Erfahrungen mit Kranken und Sterbenden – sie lassen Klara Juchli nicht mehr los. Klara schaut sich nach einem Ausbildungsplatz um und holt Informationen ein. Währenddessen handelt die Mutter einen Lehrvertrag für eine «Saallehre» aus. Als Serviertochter würde Klara rasch Geld verdienen, die Ausbildung ist kurz. Doch Klara weigert sich standhaft. Der Mutter bleibt so nichts anderes übrig, als das arrangierte Lehrverhältnis aufzulösen. Als 19-Jährige bricht Klara Juchli 1953 nach Zürich auf, um an der neu eröffneten Krankenpflegeschule der Ingenbohler Schwestern am Theodosianum ihre Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. «Der Wunsch kam, sah und siegte», sagt sie heute.

Vater verbietet Klostereintritt

Doch Klara Juchli will in die Mission, will in Afrika oder Indien Entwicklungshilfe leisten. Im Mai 1956 tritt sie ins Kloster Ingenbohl in Brunnen ein – gegen den Willen ihres Vaters, der keine Klosterschwester in der Familie will. Ihre Mutter bringt sie nach Baden zum Bahnhof. Im Kloster legt Klara Juchli ihren weltlichen Namen ab. Klara wird zu Schwester Liliane.

Sieben Jahre später, an einem Nachmittag im August 1963, verändert sich Liliane Juchlis Leben nachhaltig. Sie arbeitet unterdessen wieder am «Theo» in Zürich, als man ihr mitteilt, dass sie ab sofort für ein paar wenige Wochen eine Lehrerin für Pflege vertreten muss. Sie übernimmt die Aufgabe als Assistentin und wächst daran, findet Freude und absolviert die Ausbildung zur Schulschwester.

Die Arbeit mit den Lernenden bereitet ihr grosse Freude. Sieben Jahre lang unterrichtet Liliane Juchli als klinische Schulschwester am Kantonsspital St. Gallen. Weil es an Unterrichtsinhalten fehlt, sammelt sie das vorhandene Material, schreibt und gestaltet. Bis zum Frühling 1969 kommen so 499 A4-Seiten zusammen, unter dem Titel «Umfassende Krankenpflege» wird die Sammlung gedruckt. Der medizinische Fachverlag «Thieme» erkennt das Potenzial des Handbuchs und gibt es 1973 in einer 1. Auflage heraus. Es ist die Geburtsstunde eines Standardwerks – 40 Jahre später überschreitet die Auflage die Millionengrenze.

Die tiefe Depression

1972 wird die Schule Theodosianum ins Spital Limmattal in Schlieren integriert. Dort entsteht die zweite Auflage der «Juchli-Bibel». Der Erfolg des Buches ist gewaltig. Dann der nächste Notfall: 1975 wird sie als Schulleiterin nach Basel geschickt.

Hier verausgabt sich Liliane Juchli völlig. Zu viel Kraft hatte sie der Einsatz für die Schwesternschule und das Lehrbuch gekostet. Sie fällt in eine Erschöpfungs-Depression. «Nein – da ist nichts mehr – nichts mehr als trostlose Leere – erschöpft, ausgebrannt und gehetzt warte ich auf den Schlaf, der nie kommt», schreibt sie damals in ihr Tagebuch. In den Monaten und Jahren darauf besinnt sich Liliane Juchli auf ihre Bedürfnisse, auf die Bedürfnisse aller Pflegenden. «Wir müssen auch zu uns selbst schauen, uns selbst Sorge tragen.» Denn – davon ist sie noch heute überzeugt: «Ich pflege als die, die ich bin.»

Über Europa hinaus ist sie in den vergangenen Jahrzehnten als Referentin herumgereist. Den sehnlichsten Traum aber, in einer Mission zu arbeiten, hat Liliane Juchli loslassen müssen. «Ich habe lange, lange Mühe damit gehabt», sagt sie. Aber die Freude über die Entwicklungsarbeit, die sie hier hat leisten können, hat sie mit dem Leben versöhnt. «Ich bin zufrieden mit meinem Leben, vielleicht gerade deshalb, weil es mich durch so dunkle Zeiten geführt hat.» Liliane Juchli beschönigt nichts, muss und will nichts beschönigen. Das Überwinden aber, das Gefühl, es geschafft zu haben, setze unglaubliche Kräfte frei.

Heute wohnt Liliane Juchli wieder an dem Ort, wo sie bereits vor 60 Jahren ihr Zimmer hatte. Noch immer ist sie viel unterwegs, auch wenn sie behauptet, es ruhiger angehen zu wollen. Vorträge, Preisverleihungen, Vernissagen, Wanderferien. Und zwischendurch? Liliane Juchli lacht. «Zwischendurch kann ich auch einfach mal nichts tun.»

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