Lehrerin und Schriftstellerin
Sie brauchte 30 Jahre um ihre beruflichen Ziele zu erreichen

Co-Leiterin eines Filmfestivals in den 80er-Jahren, Kuratorin in den 90er-Jahren und Museumsdirektorin in den 00er-Jahren. Erika Keil legte einen langen Weg zurück, ehe sie Oberstufenlehrerin in Oberengstringen wurde.

Sandro Zimmerli
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Erika Keil hat Spass daran, den Oberstufenschülern in Oberengstringen in ihrem neuen Beruf als Lehrerin die deutsche Sprache näher zu bringen

Erika Keil hat Spass daran, den Oberstufenschülern in Oberengstringen in ihrem neuen Beruf als Lehrerin die deutsche Sprache näher zu bringen

Schweiz am Sonntag

«Ich habe einen langen Umweg genommen», sagt Erika Keil. Nun hat die 57-Jährige ihre als junge Frau gesteckten Ziele doch noch erreicht: Seit siebeneinhalb Jahren ist sie in Oberengstringen als Oberstufenlehrerin engagiert. Letztes Jahr wurde ihr Erstlingsroman «Durchatmen» veröffentlicht.

Lange sah es so aus, als ob Keil ihr Ziel auf direktem Weg erreichen würde. 1955 in Luzern geboren, absolvierte sie nach ihrer Schulausbildung das Lehrerseminar. «Für mich war damals klar, dass ich Lehrerin oder Schriftstellerin werden wollte», sagt sie. Sie habe aber seinerzeit schnell gemerkt, dass ihr das Unterrichten keinen Spass bereitete. «Als Vikarin wurde ich als 21-jährige Frau im Muotatal vor eine Oberstufenklasse gestellt. Für diese Aufgabe war ich zu jung», erinnert sie sich.

Also entschied sich Keil, einen anderen Weg einzuschlagen. Sie begann in Zürich ein Germanistikstudium. Auf den ersten Blick eine naheliegende Wahl für jemanden, der von einer Karriere als Schriftsteller träumt. Keil spezialisierte sich aber auf die Linguistik. «Ein literaturwissenschaftliches Studium ist nicht das richtige, wenn man Schriftstellerin werden will. Nachzuprüfen, wie oft sich bei Goethe ein älterer Mann in eine junge Frau verliebt, interessierte mich nicht», sagt Keil.

Durch ihre Abschlussarbeit, die sich mit der Interaktion zwischen Radiomoderatoren und Zuhörern beschäftigte, kam Keil in Kontakt mit dem Radio. Bei Radio Lora moderierte sie zusammen mit Patrick Frey eine Sendung. Zurück in Luzern engagierte sich Keil im Kulturbereich. Sie war unter anderem Co-Leiterin des internationalen Film-, Video- und Multimediafestivals (Viper) sowie Co-Präsidentin des Kulturzentrums BOA. Zudem war sie Mitbegründerin des «Stattkinos». Das alles fand in den bewegten 1980er-Jahren statt. «In Luzern war die Situation nicht anders als in Zürich. Auch dort kämpften die jungen Leute für mehr Raum», sagt Keil.

Durch ihre Arbeit am Filmfestival musste Keil auch andere Festivals im In- und Ausland besuchen. «Wir waren damals auf der Suche nach experimentellen Videofilmen. Irgendwann begann ich, für verschiedene Zeitungen über die Festivals zu berichten», sagt sie. Es war nun nur noch ein kleiner Schritt zur Filmkritikerin.

Zur Biografie von Erika Keil passt es, dass sie bald darauf die Seiten wechselte. Aus der Kritikerin wurde die Kuratorin. «Die einst alternative Videokunst hatte sich etabliert und wurde in Form von Installationen in Museen gezeigt. Ich ging diesen Schritt ins Museum mit», so Keil. 1995 wurde sie Kuratorin des Museums für Gestaltung in Zürich. Vier Jahre später übernahm sie die Direktion. «Es war eine schöne Zeit. Ich konnte meine Kreativität voll ausleben und war beim Erstellen der Ausstellungskataloge auch am Schreiben», erinnert sie sich.

Das Ende folgte 2002, nicht ganz freiwillig. «Ich habe zwar gekündigt, aber es wurde zusehends schwieriger, eine gewisse Autonomie für das Museum zu behalten. Das hat so viel Kraft gekostet, dass ich aufhören musste», sagt Keil. Sie nahm eine einjährige Auszeit. Für ein anderes Museum zu arbeiten kam nicht infrage. «Ich war schon am besten Museum tätig», hält sie fest und lacht. Wieder als Kritikerin aktiv zu werden, war ebenfalls keine Option. «Mir fehlte der nötige Biss. Als Kuratorin wusste ich, wie schwierig es ist, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen», so Keil. Sie wäre als Kritikerin zu wenig objektiv gewesen.

Also nutzte Keil die Zeit, um zu schreiben. «Irgendwann erzählte mir dann eine befreundete Lehrerin, dass die Schule mittlerweile komplett anders organisiert sei, als in den 1970er-Jahren.» Durch die Reformen sei kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Es war die neue Herausforderung, die Keil gesucht hatte. Den Schritt hat sie bis heute nicht bereut. «Es gefällt mir, mit den jungen Leuten auf ein Ziel hin, in diesem Fall die Lehrstelle, zu arbeiten. Zudem bereitet es mir Spass, den Schülern die deutsche Sprache zu vermitteln», so Keil.
Ähnlich ergehe es ihr beim Schreiben. «Es ist wie bei einem Musiker. Wenn er nichts zu tun hat, spielt er sein Instrument. Ich muss auch nicht überlegen, ob ich schreiben soll oder nicht. Ich schreibe einfach», sagt Keil. Angesichts der Begeisterung fürs Schreiben ist es wenig verwunderlich, dass Erika Keil bereits die nächsten Projekte in der Pipeline hat. «Unter dem Titel ‹Wir sind Romantiker!› will ich noch dieses Jahr einen historischen Roman veröffentlichen», sagt sie. Via Crowdfunding (http://wemakeit.ch/projects/wir-sind-romantiker) sei sie auf der Suche nach Geldgebern. Der Roman handle von Karoline Schlegel-Schelling, die vor 250 Jahren zur Welt kam und sich im Umfeld von Schriftstellern, wie Novalis, Goethe oder Schiller bewegte. «Sie lebte zur Zeit der Frühromantiker und war auf der Suche nach Freiheit», sagt Keil. Damit ist sie der Autorin nicht unähnlich, ist man versucht zu sagen.

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