Bildung

Kein Aufsatz oder Rechenaufgaben: So lernen die Weihermatt-Kinder achtsam zu sein

Im Achtsamkeitsunterricht sollen die Kinder unter anderem lernen, die Signale ihres Körpers zu lesen. (Urdorf, 3. Juli 2020)

Im Achtsamkeitsunterricht sollen die Kinder unter anderem lernen, die Signale ihres Körpers zu lesen. (Urdorf, 3. Juli 2020)

Der Urdorfer Matthias Rüst vermittelt Drittklässlern mit Achtsamkeitsunterricht Möglichkeiten zur besseren Konfliktbewältigung.

An diesem Vormittag geht es für die Schülerinnen und ­Schüler der dritten Klasse von Jeanine Etschmann im Urdorfer Schulhaus Weihermatt um etwas ganz anderes. Sie werden in Achtsamkeit unterrichtet und lernen so, besser mit Stresssituationen, Konflikten oder Überforderung umzugehen und sich selbst und ihre eigenen Körpersignale besser einzuschätzen. Es handelt sich um ein über mehrere Jahre entwickeltes Lern­programm, das mit dem Lehrplan 21 ­kompatibel ist. Der Urdorfer Matthias Rüst ist Geschäftsführer und Gründungsmitglied der Organisation Achtsame Schule Schweiz und führt die zehn Lektionen mit den Weihermatt-Kindern durch. Bei der Abschlusslektion schaute die «Limmattaler ­Zeitung» ihm über die Schulter.

Kindern fehlt oftmals das Vokabular, um die eigene Gefühlslage ausdrücken zu können. Dort knüpft das Programm an. Denn: «Emotionen wie Wut, Trauer oder Verwirrung haben alle eine andere Auswirkung auf unseren Körper und Geist. Können wir unsere Gefühlslagen erkennen und benennen, übernehmen wir wieder mehr Kontrolle über unser Verhalten», erklärt Rüst nach der Lektion. Was die Schülerinnen und Schüler bereits in den vorangehenden Achtsamkeitsstunden gelernt haben, zeigt sich, als Rüst zu Beginn der Schulstunde fragt, wie sich die Kinder fühlen. Einige strecken die Arme in die Luft und sagen, sie seien nervös, aber auch stolz, da die Zeitung hier sei. Ein Mädchen zeigte sich wütend wegen einer Meinungsverschiedenheit und ein Drittes war traurig, da ein Verwandter kürzlich verstarb. Ein Bube erklärt, dass er sich wie die Glitzerflasche fühle. Die Glitzerflasche? Rüst nimmt eine mit Wasser und Bastelglitzer gefüllte PET-Flasche hervor, die er schüttelt. «So sieht es also in dir drin aus», fragt er den Jungen, der anschliessend euphorisch nickt.

Das von Achtsame Schule Schweiz entwickelte Programm heisst «MoMento», wobei die beiden fiktiven Kinder Mo und Mena im Zentrum stehen. Sie beide treffen immer wieder auf Tiere, die den Kindern eine Lektion mit auf den Weg geben. Da ist zum Beispiel der entspannte Flamingo. Mit diesem absolvieren die Kleinen Übungen, bei denen sie auf einem Bein stehen. Dabei schliessen sie die Augen, was einigen grosse Konzentration abverlangt. Dabei lernen die Kinder, Signale ihres Körpers zu lesen. Auch ein liebevoller Teddy kommt vor: Er hilft den Kindern, sich gegenseitig Komplimente zu machen und an schöne Dinge zu denken. Mit geschlossenen Augen fassen sich die Kinder anschliessend an den Bauch, um ihren Atem zu fühlen, wie es ihnen der ruhige Gorilla beigebracht hat. Bei der Diskussion danach kommt zutage, dass die meisten an ihre Freunde dachten. Auch Hauskatzen und Lehrerin Etschmann wurden mehrmals genannt.

«Es wird auch geübt, wie man seine Reflexe zügelt»

«Alle unsere Übungen bringen den Kindern auf mehreren Dimensionen etwas bei», sagt Rüst. Das Spiel, bei dem die Kinder im Kreis stehen und ein anderes Kind anfragen, von ihm oder ihr dazu eingeladen zu werden, sich hinter ihn oder sie zu stellen, mag simpel wirken. «Wegen der Namensnennung und der Einladung fühlen sich die Kinder gesehen. Auch wird geübt, wie man seine Reflexe zügelt.» So wäre die natürliche Reaktion bei der eigenen Namensnennung, auf die andere Person zuzugehen. «Doch die Kinder müssen stehen bleiben und warten, bis sich das eingeladene Kind hinter sie gestellt hat.» Das sei wichtig bei Konflikten, wo man nicht auf den ersten – bisweilen wütenden – Impuls eingehen sollte.

Nun formieren sich die Kinder in Zweiergruppen und zählen abwechslungsweise auf drei. Nach und nach werden die Zahlen mit Bewegungen ersetzt. Eine Gruppe springt für die Eins in die Luft, eine andere benutzt eine Sequenz des Macarena-­Tanzes für die Zwei und eine andere Gruppe ersetzt alle Zahlen mit einem Klaps auf unterschiedliche Körperstellen. Nach und nach wird es still im Klassenzimmer, niemand zählt mehr, es wird nur noch getapst, gestampft und gequietscht.

Die Organisation Achtsame Schulen Schweiz ist nicht gewinnorientiert, unterstützt wird sie von verschiedenen Sponsoren und Stiftungen. Seit der Gründung 2017 wurden bereits rund 80 Lehrpersonen in Achtsamkeit weitergebildet. Sie können die Übungen an ihren jeweiligen Schulen durchführen.

Die Trainings haben auch Auswirkungen auf die Lehrpersonen, die mit den verschiedenen Tieren und den dahinterliegenden Konzepten Instrumente im Umgang mit Stresssituationen erhalten. So werde die Stressbelastung für die Lehrperson gesenkt und die Wahrscheinlichkeit für Burn-outs und andere psychische Krankheiten reduziert. «Wir wollen den Pädagoginnen und Pädagogen konkrete Unterstützung bieten bei der sozialen und emotionalen Bildung und Begleitung unserer Kinder. Diese sind nämlich das Wertvollste, das wir haben», sagt Rüst.

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