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Hubert Spörri erzählt Geschichten zur Entstehung der Nationalhymne – einige spielen in Dietikon

Als Elfjähriger verfolgte Hubert Spörri die Entstehung des Engeldenkmals zu Ehren von Alberik Zwyssig im Kloster Wettingen.

Als Elfjähriger verfolgte Hubert Spörri die Entstehung des Engeldenkmals zu Ehren von Alberik Zwyssig im Kloster Wettingen.

Seit 1954 befasst sich der heute 77-jährige pensionierte Lehrer intensiv mit dem Leben und Werk des Schöpfers der Schweizer Nationalhymne. Sein Wissen fasste er in einem historischen Lesebuch zusammen – in dem unter anderem die «Krone» in Dietikon eine Rolle spielt.

Der Engel blickt auf Hubert Spörri hinunter. Der 77-Jährige steht im Zwyssighof des Klosters Wettingen mit einem Buch in der Hand. Mit der Bronzeplastik auf dem Sockel hinter ihm ist der Wettinger in besonderer Weise verbunden. Der bekannte Wettinger Bildhauer Eduard Spörri, ein Cousin zweiten Grades seines Vaters Oskar Spörri, fertigte den Engel anlässlich des 100. Todestags von Alberik Zwyssig im Jahr 1954. Zwyssig ist Schöpfer der Schweizer Nationalhymne und wirkte von 1821 bis 1841 im Kloster Wettingen. Diesem widmete Hubert Spörri nun das 700 Seiten lange Werk «Klosterfest». Darin erzählt er über 100 Geschichten rund um die Entstehung des Schweizerpsalms.

Die Arbeiten am Denkmal vor 66 Jahren weckten das Interesse des damals Elfjährigen an Alberik Zwyssig. «Ich habe Eduard Spörri zugeschaut, wie er den Engel modellierte und abends mit feuchten Tüchern abdeckte, damit er am nächsten Tag weitermachen konnte», erzählt Spörri. Die Idee für die Engelsfigur stammte jedoch nicht von Künstler Eduard Spörri selber, sondern von Hubert Spörris Vater. «Er hatte vor, in unserem Garten einen Engel aufzustellen, der zum Kloster blicken sollte. Damit wollte er seine Anhänglichkeit zum Kloster und zum abendländischen Mönchstum ausdrücken.»

Unter den Augen der Aargauer Regierungstruppen verlassen die Fahrer Nonnen am 2. Februar 1841 ihr Kloster.

Unter den Augen der Aargauer Regierungstruppen verlassen die Fahrer Nonnen am 2. Februar 1841 ihr Kloster.

Diese Faszination ist auch auf Hubert Spörri übergesprungen. Der Musiker, Komponist und pensionierte Lehrer befasste sich intensiv mit dem Leben und Werk von Pater Alberik Zwyssig. Sein Wissen fasste er in seinem im März veröffentlichen Buch zusammen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine historische Abhandlung, sondern vielmehr um ein geschichtliches Lesebuch.

Doch gemäss den Rückmeldungen der Leserinnen und Leser ist ihm das gelungen. «Ich höre von vielen, dass sie das Buch gerne lesen, weil es eben nicht nur aus trockenen Fakten besteht, sondern mit Salz und Pfeffer gewürzt ist.» Spörri bildet zwar das Leben von Alberik Zwyssig ab, behandelt die Aufhebung der schweizerischen Klöster seit dem Einmarsch der französischen Truppen 1798 und die damit verbundenen Akteure, findet aber immer wieder Platz für fiktive Figuren. So etwa für die Konzertsängerin Alma aus Wien, die mit ihrem Vater vor der josephinischen Kirchenrevolution in die Schweiz flüchtet und Alberik Zwyssig im Kloster Fahr begegnet.

Wettinger Mönche flohen in die «Krone» zu Dietikon

Neben dem Kloster Wettingen dienen auch das Kloster Fahr und Dietikon in Spörris Buch als Schauplatz von Geschichten. So erzählt der Autor etwa, dass einige Mönche des Klosters Wettingen, die bei klirrender Kälte aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, am 28. Januar 1841 in der «Krone» zu Dietikon einen vorläufigen Unterschlupf fanden. Kurz darauf, am 2. Februar, mussten auch die Fahrer Nonnen ihr Kloster verlassen. Dank der Hilfe der Dietiker Bevölkerung erhielten sie Asyl im damals neuen Dietiker Pfarrhaus.

Weiter schreibt Spörri, dass am 5. Februar 1841 in der Kirche zu Dietikon ein Gottesdienst zu Ehren der Heiligen Agatha gefeiert wurde, bei dem Alberik Zwyssig, der von seiner Asylstation St. Karl bei Zug angereist war, die Orgel spielte. «Auf diese Weise stellten sich die Dietiker unerschrocken auf die Seite der aufgehobenen Klöster», sagt Spörri. Die Bevölkerung habe Mut bewiesen. «Sie konnten nicht wissen, ob auch die Zürcher Regierung die Aufhebung von Fahr unterstützen und ihr Verhalten deshalb missbilligen oder gar bestrafen würde. Doch die Zürcher Behörden zeigten sich grosszügig.»

Spörri verfolgt mit dem Werk, das 300 farbige Abbildungen enthält, ein klares Ziel. «Es ist ein Buch wider das Vergessen. Ich will die Leute daran erinnern, wie brutal man mit den Mönchen und Nonnen während der Klosteraufhebungen und auch später mit den Jesuiten umgegangen ist», sagt Spörri, der selbst ein Gymnasium besuchte, das von Jesuiten geführt wurde. Geschrieben hat er es für die breite Bevölkerung. «Komplizierte Fachliteratur gibt es noch und nöcher.» Zudem seien Aspekte über Zwyssig und die Klosteraufhebungen in diversen Büchern zu finden. «Mir ist es mit meinem Buch gelungen, vieles zusammenzufassen.»

Sehr gefreut habe er sich über das Feedback von Schriftsteller und Historiker Pirmin Meier. «Er bezeichnete es als Dorfgeschichte vom Feinsten.» Spörris Arbeit kommt an. Den grössten Teil der 250 gedruckten Bücher hat er bereits verkauft. «Anfangs wollte ich nur 100 Stück produzieren, der Verlag legte mir nahe, eine Auflage von 300 in Auftrag zu geben.» Nun bereue er es, dass er dem Rat nicht folgte. «Ich habe jedoch wirklich nicht damit gerechnet, dass das Buch so gut weggeht», sagt Spörri.

In drei Monaten wurde das Drehbuch zum Lesebuch

Die Idee für das «Klosterfest» kam ihm bereits 2016. Damals hielt Spörri vor dem Schweizerischen Studentenverein in Schwyz einen Vortrag über Leben und Werk von Alberik Zwyssig. «Das Thema stiess auf grosses Interesse und man ermunterte mich dazu, die Verfilmung der Entstehung des Schweizerpsalms anzugehen», erzählt Spörri. Er schrieb ein Drehbuch. «Doch die Realisierung eines historischen Films wäre in die Millionen gegangen. Die Wettinger Theaterschauspielerin Inge Muntwyler riet mir, ein Buch daraus zu machen.» So wurde aus dem Drehbuch schliesslich ein Buch. Spörri startete im Sommer 2018. Drei Monate später hatte er es bereits geschrieben. «Ich wollte eigentlich nur 300 Seiten verfassen, doch es wurden immer mehr. Es hat mir viel Freude bereitet.»

Das Überarbeiten beanspruchte ein halbes Jahr. Im Frühling 2019 war das «Klosterfest» vollendet. Schlaflose Nächte bereitete Spörri zu Beginn die Finanzierung. «Ich bin dankbar für die Unterstützung der Stadt Dietikon, vieler Gemeinden im Aargauer Limmattal sowie meinem Wohnort Oberrohrdorf.» Dort in der Zähnteschüür Oberrohrdorf hätte am 1. April die Vernissage stattfinden sollen. Wegen des Corona-Versammlungsverbots wurde sie auf den 31. Oktober verschoben. Ebenso vertagt wurde Spörris Lesung in Würenlos. «Ich werde mein Buch nächstes Jahr am Würenloser Dorffest präsentieren.»

Mit einem Fest endet auch Spörris Buch. Der Autor richtet seinen Blick nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Er träumt von einem Klosterfest, das 2027 zum 800-jährigen Bestehen des Klosters gefeiert wird. In einer fiktiven Talkshow kommen Vertreter des 18. bis 21. Jahrhunderts zu Wort. Anspielungen auf lokale Politiker wie den Wettinger Gemeindeammann Roland Kuster, der im «Klosterfest» als Bürgermeister den Namen Robert Kutschner trägt oder den Aargauer Regierungsrat Markus Dieth, der im Buch als Markus Diethelm mit einem Zeppelin zum Klosterfest eingeflogen wird, dürften die Leserschaft zum Schmunzeln bringen. «Markus Dieth und Roland Kuster haben es mit Humor genommen», sagt Spörri.

Ob es in sieben Jahren so ein Fest ähnlich der Badenfahrt im Dorf und Kloster Wettingen geben wird, liegt noch in den Sternen. Zu feiern gäbe es allemal etwas, sagt Spörri. «Nicht nur das Kloster, sondern auch das dieses Jahr abgesagte 975-Jahr-Jubiläum der Gemeinde. Zudem feiert Markus Dieth 2027 seinen 60. Geburtstag.»

Autor

Sibylle Egloff

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