Bezirksgericht

Frau spritzt Wildpinkler mit Schlauch an – er schlägt ihr mehrmals ins Gesicht und sieht sich als Opfer

Ein 73-Jähriger hat in Dietikon an eine Hecke gepinkelt - dahinter war eine Frau am Jäten. Es kam zu einem Handgemenge. Der Wildpinkler habe jenseits aller Verhältnismässigkeit reagiert, sagt das Dietiker Bezirksgericht. Der Mann nimmt das Urteil nicht entgegen.

Weshalb er vor Gericht steht, versteht der heute 73-Jährige nicht: «Ich wurde ja angegriffen», sagt er. Die Hauptschuld trage die Frau, die habe ihn mit einem Wasserschlauch angespritzt. Er sei nicht jemand, der Streit suche. «Aber so etwas lasse ich mir doch nicht gefallen.»

Der Mann hatte im Juli 2019 an der Reppischstrasse in Dietikon in eine Hecke uriniert, wie es in der Anklageschrift heisst. Hinter der Hecke war an jenem Donnerstagnachmittag gegen 14.15 Uhr eine Frau am Jäten. Sie griff zu ihrem Wasserschlauch und spritzte den Senior ab. Er schlug ihr daraufhin gemäss Anklageschrift «mehrmals mit aller Gewalt ins Gesicht». Um ihn auf Distanz zu halten, spritzte sie ihm wiederum auf die Brust.

Der Schlauch als Peitsche

Da entriss der ehemalige Chauffeur der Frau den Schlauch und schlug damit wie mit einer Peitsche auf sie ein. Die Schlauchdüse habe aus Hartplastik bestanden, sie habe ein erhebliches Eigengewicht aufgewiesen, heisst es in der Anklageschrift. Die Frau, die mehrmals im Gesicht getroffen wurde, erlitt denn auch mehrere Verletzungen: Einen mehrfachen Nasenbeinbruch, eine Rissquetschwunde an der linken Nasenwurzel und ein Hämatom am linken Auge zählt der zuständige Staatsanwalt unter anderem auf. Die Frau war für mindestens fünf Tage arbeitsunfähig. Während eines halben Jahres litt sie zudem an Schlafstörungen und bekundete Mühe, links und rechts zu unterscheiden.

«Ich habe nicht in ihren Garten gepinkelt, sondern auf öffentlichem Grund», erklärt der Rentner vor dem Bezirksgericht Dietikon. Die Frau habe da doch kein Recht, ihn auf einer öffentlichen Strasse einfach abzuspritzen. Geschlagen haben will er sie an jenem Julitag nicht. Er habe sie einfach ebenfalls von oben bis unten nassgespritzt. «Ich war aber auf 200», sagt er. Er lasse sich halt nicht alles gefallen. Dies habe ihn sein Leben als Verdingbub schon früh gelehrt.

Zeugen sehen blutüberströmte Frau

Wie es denn zu den aktenkundigen Verletzungen gekommen sei, will Einzelrichter Benedikt Hoffmann in der knapp einstündigen Befragung wissen. «Ich habe am Ende einfach den Schlauch losgelassen, dieser ist wohl zurückgespickt», entgegnet der Beschuldigte. Wohin, das habe er nicht gesehen.

Zwei Zeugen hatten allerdings ausgesagt, dass die Frau blutüberströmt dagestanden sei, als der Mann den Wasserschlauch noch in den Händen hielt. Zwei Ausländer seien das gewesen, meint der 73-Jährige. Die hätten wohl mit der Frau «ein Päckli» geschnürt. Die Frau, die auch schon 65 und wohl senil sei, wolle sich auf seine Kosten bereichern, sagt er auf mehrmalige Nachfragen des Richters. Auf dessen Hinweis, dass die Geschädigte nur in etwa so viel verlange, wie die medizinische Behandlung gekostet hatte, geht der Wildpinkler nicht ein.

Eine Körperverletzung oder ein «Denkzettel»

Der Staatsanwalt wirft dem ehemaligen Chauffeur eine einfache Körperverletzung, allenfalls mit einem gefährlichen Gegenstand, vor. Er verlangt eine bedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten sowie eine Busse von 2500 Franken.

Der Beschuldigte, der auf einen Verteidiger verzichtet und sich etwas naiv selber zu verteidigen versucht, stuft diese Anträge als viel zu hoch ein. «Man darf mich doch nicht einfach grundlos angreifen», wiederholt er ein weiteres Mal. Immerhin würde die Frau heute wohl anders reagieren, wenn er nochmals an die Hecke pinkeln würde. Der Beschuldigte spricht von «einem Denkzettel».

«Eine niedere Aktion»

Das Bezirksgericht Dietikon hat den Mann am Mittwoch aber anklagegemäss schuldig gesprochen. Bei der Freiheitsstrafe ging es über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus und an das Maximum eines Einzelrichters heran – es verhängte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Zudem brummte das Gericht dem Mann eine Busse von 1500 Franken auf und auferlegte ihm Verfahrenskosten von 6000 Franken. Die Schadenersatzforderungen der Frau wurden im Grundsatz anerkannt, sie müssen aber in einem Zivilprozess geltend gemacht werden.

«Ihre Darstellung hat erhebliche Widersprüche und ist nicht plausibel», hielt Richter Hoffmann in Richtung des Beschuldigten fest. Gründe, weshalb die Frau ihre Vorwürfe erfunden haben soll, seien keine ersichtlich. Die Aussagen des Opfers seien nachvollziehbar, sie stünden im Einklang mit dem Befund der Ärzte. Schliesslich werde der eingeklagte Sachverhalt auch durch die beiden Zeugen gestützt.

Es habe sich um eine «ganz niedere Aktion» gehandelt, sagte Hoffmann in seiner kurzen Urteilsbegründung. Der 73-Jährige habe dabei, wie die Verletzungen zeigen würden, gegenüber der körperlich unterlegenen Frau «recht erhebliche Kraft aufgewendet». Aus nichtigem Anlass, auf eine kleine Provokation, habe der Beschuldigte jenseits aller Verhältnismässigkeit reagiert. «Hätten Sie bloss zurückgespritzt, hätte es dieses Verfahren wohl nicht gegeben.» Es gelte dabei auch nicht zu vergessen, dass er es gewesen sei, der mit seinem Pinkeln, einem Verstoss gegen die Dietiker Polizeiverordnung, die ganze Sache losgetreten habe.

Eine Warnung beim Hinausgehen

Der Beschuldigte nahm das schriftliche Urteilsdispositiv nicht entgegen. «Ich brauche das Urteil nicht, Sie können das in den Schredder werfen», sagte er zum Gericht. Es sei ihm scheissegal, was da drin stehe. Die Busse werde er sicher nicht bezahlen. Und das Gericht solle bloss aufpassen, meinte er im Hinausgehen verärgert.

Zahlt der Mann die Busse nicht, muss er – wie es im verlesenen, aber nicht entgegengenommenen Urteilsdispositiv heisst – 30 Tage hinter Gitter.

Meistgesehen

Artboard 1