Fahrende
Der Durchgangsplatz lässt auf sich warten: Jenische und Sinti erhalten immer noch keinen Ersatz im Limmattal

Der Durchgangsplatz auf der Geissweid in Schlieren ist schon lange weg. Bis heute konnte im Bezirk Dietikon der Platz nicht ersetzt werden.

Carmen Frei
Drucken
Teilen
Dave Huser, Präsident der Bewegung der Schweizer Reisenden (BSR-MVS), und sein Kollege Fabian konnten mit viel Glück und langem Vorausplanen einen Stellplatz auf dem Durchgangsplatz in Zürich-Altstetten ergattern.

Dave Huser, Präsident der Bewegung der Schweizer Reisenden (BSR-MVS), und sein Kollege Fabian konnten mit viel Glück und langem Vorausplanen einen Stellplatz auf dem Durchgangsplatz in Zürich-Altstetten ergattern.

Carmen Frei

Das 2er-Tram fährt in die Schlieremer Haltestelle Geissweid ein. Früher befand sich hier ein Durchgangsplatz für Schweizer Jenische und Sinti, der einzige im Limmattal. Er musste weichen. Einen Ersatz gibt es bis heute nicht.

Die Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) ist zusammen mit dem Kanton und den Gemeinden dafür zuständig, einen Ersatzplatz zu finden. Das war bis jetzt nicht möglich: Alle vorgeschlagenen Plätze mussten verworfen werden. Einen weiteren Standort evaluierte die kantonalen Baudirektion. Die Grundstücke im Besitz des Bundesamts für Strassen (Astra) befinden sich beim Autobahndreieck Fildern bei Birmensdorf. Auch hier folgte Ernüchterung. «Die Abklärungen haben ergeben, dass diese langfristig nicht verfügbar sind», sagt Markus Pfanner, Mediensprecher der kantonalen Baudirektion.

Die Durchgangsplätze fehlen im Kanton Zürich

Schätzungsweise 35'000 Jenische leben aktuell in der Schweiz, etwa 3500 davon pflegen noch die fahrende Lebensweise. Dies geht aus dem Standbericht 2021 hervor, der im Mai von der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende herausgegeben wurde. Die Stiftung wurde 1995 vom Bund gegründet und soll die Lebensbedingungen der Fahrenden in der Schweiz verbessern. «Jenische und Sinti reisen von Frühling bis Herbst, sie bleiben ungefähr einen Monat am selben Ort», erläutert Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse. Die Radgenossenschaft der Landstrasse ist die Dachorganisation der Jenischen und Sinti in der Schweiz.

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, betont, dass Jenische und Sinti die gleichen Pflichten haben wie alle anderen Schweizer Bürger – aber nicht die gleichen Rechte.

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, betont, dass Jenische und Sinti die gleichen Pflichten haben wie alle anderen Schweizer Bürger – aber nicht die gleichen Rechte.

zvg

Um zu reisen, brauchen sie Durchgangsplätze wie jener in Schlieren. «Diesen Platz hat man weggenommen und keinen neuen realisiert», sagt Huber. «Wir sprechen hier von Schweizer Jenischen und Sinti. Sie haben die gleichen Pflichten wie die anderen Bürger der Schweiz, aber nicht die gleichen Rechte.» Will heissen: Sie bezahlen Steuern und Miete. Aber Wohnraum gibt es für sie zu wenig. «Von den 13 vorgesehenen Durchgangsplätzen im Kanton Zürich sind neun noch zu schaffen, das muss kommen», sagt Huber. Im kantonalen Richtplan ist diese Zahl so festgehalten, dazu kommen fünf Standplätze. Stand- und Durchgangsplätze gibt es laut Standbericht aber jeweils nur vier.

Nur mit Demonstrationen kommen Jenische und Sinti zu ihren Rechten

«Grundsätzlich ist es schweizweit sehr schlimm, gerade im Kanton Zürich. Ausgenommen ist die Stadt Zürich, mit der wir sehr engen und guten Kontakt haben», findet Dave Huser, Präsident des Vereins Bewegung der Schweizer Reisenden (BSR-MVS), der sich auch für die Anliegen der Schweizer Jenischen und Sinti einsetzt. Die Kommunikation mit dem Kanton lasse zu wünschen übrig. «Als wir 2015 demonstriert hatten, waren wir auch stark in Kontakt mit dem Kanton. Aber nun wieder zu wenig», bemängelt er. 2015 konnten Jenische mit der Besetzung des Hardturmareals einen Durchgangsplatz in Zürich durchsetzen, der ihnen dem Richtplan zufolge zustand.

«Ein Richtplan ist schön und gut, aber er muss auch umgesetzt werden», sagt er. Huser findet, dass der nötige Druck von oben fehle. Er sieht auch den Bund in der Pflicht. «Die Plätze stehen uns zu, auch wir sind ein Teil der Schweizer Bevölkerung und die Siedlungen müssen nach der Bevölkerung erstellt werden», sagt er. Das sei auch per Bundesgerichtsentscheid festgelegt. Dass Demonstrationen oft der einzige Weg seien, um Stand- und Durchgangsplätze zu schaffen, sollte nicht sein. «Auch der Standplatz in Dietikon konnte 1992 mit einer Demonstration realisiert werden», sagt er.

Plätze zu finden, gestaltet sich schwierig

«Die Standortevaluation ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Kanton, Regionen und Gemeinden. Im Moment sind alle Planungsregionen daran, geeignete Standorte zu suchen», sagt Markus Pfanner zu den Stand- und Durchgangsplätzen. Er rechnet bis nach den Sommerferien mit den Rückmeldungen aus allen Regionen. Das Limmattal und drei andere Planungsregionen hätten bereits gemeldet, dass sie keinen Platz finden konnten. Nun warte die Baudirektion noch auf Rückmeldungen aus drei weiteren Planungsregionen. «Es gibt aber auch keinen fixen Termin, auf den die Planungsgruppen hinarbeiten müssen», sagt er weiter.

Die Suche sei schwierig. «Die Flächen werden sonst gebraucht. Im Limmattal als urbane Gegend ist man am Verdichten», sagt Pfanner. Der Kanton sei auf die Gemeinden angewiesen und könne nicht in Eigenregie Plätze bestimmen. «Der Kanton hat bei der Standortsuche nicht die Kompetenz, Entscheidungen über die Köpfe anderer hinweg zu treffen», sagt er.

Die Stadt Zürich als Vorbild

Die Gemeinden, Städte und Planungsregionen müssten also Plätze bestimmen. In der Stadt Zürich habe dies gut funktioniert, sagen sowohl Daniel Huber als auch Dave Huser. «Die Stadt macht etwas, obwohl sie viel weniger Platz hat. Dort haben wir einen Teil der Standplätze, und auch Provisorien», sagt Huber. «Wenn eine dicht besiedelte Stadt wie Zürich kurzfristig einen Platz findet, dann wird es in anderen Gemeinden wohl auch gehen», meint Huser.

Für provisorische Durchgangsplätze müsse es sich nicht unbedingt um eine Bau- oder Wohnzone handeln, da dieselben Wohnwagen weniger als 30 Tage am Ort bleiben und somit keine Baubewilligung benötigen. «Es gibt zudem die Sonderzone Fahrende», erklärt er. «Gemeindeintern können sie Spezialzonen kurzfristig realisieren.» Jede Gemeinde habe Reserveflächen. Diese könnten sie unkompliziert den Fahrenden zur Miete zur Verfügung stellen.

«Gerade im Limmattal konnte man früher an vielen Orten halten und zwei bis drei Wochen bleiben. Es war immer ok. Der Spontanhalt ist uns genommen worden»,

sagt Huser. Darum seien Durchgangsplätze umso wichtiger. Denn die fahrende Lebensweise gehöre zur Kultur der Jenischen und Sinti. Aktuell sei es schwierig, überhaupt zu reisen, da schon die Suche des nächsten Platzes viel Zeit beanspruche.

In Birmensdorf kann noch der Platz bei der Badi Geren genutzt werden. «Das ist eine Gemeinde, die sagt, wir sind gut mit den Jenischen und Sinti ausgekommen. Aber dieser Platz ist auch nur für den Winter», sagt Daniel Huber von der Radgenossenschaft. Der Platz ist darum auch nicht im Standbericht 2021 aufgeführt.

Huber meint, es müsse möglich sein, in der Region einen Ort für einen definitiven Durchgangsplatz zu finden. «Wir haben durchaus auch noch Waffenplätze. Diese wären ideal», meint er.

«Es muss ganz klar in der Region wieder einen Durchgangsplatz geben.»

Sowohl er als auch Huser weisen darauf hin, dass alle Jenischen und Sinti auf den Plätzen Miete bezahlen. «Die Plätze können kostendeckend betrieben werden», erklärt Huser. Er ist überzeugt, dass der Platz da wäre, aber der politische Wille nicht. «Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Wenn es aber schon am Willen fehlt, dann findet man auch keinen Weg», sagt er.

Aktuelle Nachrichten