Limmattal
Eine Kampagne, um ungehindert über ihn sprechen zu können: «Jesus ist ...» an vielen Bahnhöfen

Kurz vor Ostern soll eine Kampagne Jesus zum Gesprächsthema machen.

Tobias Hänni
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Die Plakate des Aktionskomitees Christen Schweiz fordern die Bevölkerung auf, den Satz «Jesus ist ...» zu vervollständigen. DEG

Die Plakate des Aktionskomitees Christen Schweiz fordern die Bevölkerung auf, den Satz «Jesus ist ...» zu vervollständigen. DEG

Tobias Hänni

Jesus ist derzeit an vielen Bahnhöfen und entlang zahlreicher Strassen anzutreffen. In der ganzen Deutschschweiz hängen seit kurzem Plakate, die Passanten dazu auffordern, den Satz «Jesus ist ...» zu Ende zu formulieren. Ihre Gedanken können sie direkt auf die weisse Fläche schreiben, die den Grossteil der Poster einnimmt.

Auch im Limmattal wurden rund dreissig dieser Plakate aufgehängt. Während sich an einige davon bislang noch niemand gewagt hat, sind andere bereits vollgekritzelt. Etwa jenes in der Hauptunterführung des Dietiker Bahnhofs. Mit «... unser Retter», «... Freiheit», «... nur ein Prophet» wurde hier der Satz zu Ende geführt. Auf dem Plakat sind auch Statements, die mit Jesus gar nichts zu tun haben. Etwa: «Ich grüsse alle aus Dietikon».

Kaum jemand kennt ihn noch

Verantwortlich für die Plakate ist das Aktionskomitee Christen Schweiz, das sich nach eigenen Angaben aus «Fachleuten der Landes- und Freikirchen» zusammensetzt. «Es geht in erster Linie darum, ungehindert über Jesus sprechen zu können», erklärt Rachel Stoessel, Geschäftsführerin des Komitees, den Zweck der Kampagne, zu der neben den Plakaten auch Inserate und ein Online-Auftritt gehören.

Kurz vor Ostern, an der das Christentum seine Auferstehung feiert, soll Jesus damit in der Bevölkerung wieder stärker zum Gesprächsthema werden. Er sei mehr und mehr zum Tabuthema geworden, «obwohl unser Jahresrhythmus wie auch die meisten Feiertage von ihm geprägt sind», heisst es in einer Mitteilung zur Kampagne. Man habe vielleicht von ihm gehört, aber wirklich kennen würden ihn heute nur noch wenige Menschen.

Geschäftsführerin Stoessel ist wenige Tage nach dem Start zufrieden mit der Resonanz. «Es sind schon zahlreiche Meinungen geäussert worden – auf den Plakaten und im Internet.» Es sei spannend, zu sehen, zu welch gegensätzlichen Aussagen die Kampagne bereits geführt habe. Dass darunter auch solche sind, welche die Person Jesus kritisieren oder beschimpfen, hat das Komitee erwartet.

«Kritik stört uns nicht», sagt Stoessel. So habe Jesus selbst zu seinen Lebzeiten unterschiedliche Reaktionen auf seine Botschaften erfahren, darunter auch feindliche oder drohende. Persönlich finde sie einige der Formulierungen zwar schade, so Stoessel. Bislang habe sie aber noch von keinen Aussagen auf den Plakaten gehört, die zu weit gehen würden. «Sollte es auf einem Plakat aber zu blasphemische Sprüche geben, haben wir mit der Plakatgesellschaft APG vereinbart, dass es ausgetauscht werden kann.»

Als eine «herzige Aktion» bezeichnet Schlierens evangelischer Pfarrer Jürg Wildermuth die Plakate. «Sie schafft die Gelegenheit, öffentlich über Jesus zu sprechen.» Dass es dabei auch zu negativen Äusserungen komme, sei ein Risiko, das man bei einer solchen Kampagne wohl eingehen müsse. «Gleichzeitig ist das auch eine Chance: Die Menschen können Dampf ablassen.»

Nicht mehr als ein Feigenblatt?

Bei der Zürcher Sektion der religionskritischen Freidenker-Vereinigung Schweiz nimmt man die kirchliche Kampagne gelassen. «Sich darüber aufzuregen, ginge in die gleiche Richtung wie Muslimfeindlichkeit», sagt Präsident Felix Roth. Die Kampagne lasse unterschiedliche Meinungen zu. «Problematisch wird für uns eine religiöse Kampagne, wenn sie den Menschen vorschreibt, was sie zu denken haben», so Roth. Allerdings passe der weltoffene und aufgeschlossene Anstrich der Kampagne nicht so recht zur konservativen und intoleranten Einstellung vieler Freikirchen «Die Aktion ist für uns deshalb nicht mehr als ein Feigenblatt.»

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