Dietikon
«Ich glaube, es reicht jetzt mit dir»: Kosovare soll Kunden abgezockt und am Telefon erpresst haben

Die Anwältin des angeklagten Kosovaren versuchte mit einem dreistündigen Plädoyer vor dem Bezirksgericht Dietikon, die angeblichen Machenschaften ihres Mandanten zu rechtfertigen. Die Staatsanwaltschaft indes forderte eine Freiheitsstrafe von 5½ Jahren.

Louis Probst
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Der 50-jährige Angeklagte stand am Freitag vor dem Dietiker Bezirksgericht.

Der 50-jährige Angeklagte stand am Freitag vor dem Dietiker Bezirksgericht.

Severin Bigler

Er habe nicht gewusst, dass das in der Schweiz strafbar sei, liess der Beschuldigte, der sich seit letztem September im vorzeitigen Strafvollzug befindet und am Freitag in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, durch den Dolmetscher aus­richten.

Angeklagt war der 50-jährige Vater von vier Kindern, wohnhaft im rechten Limmattal, des gewerbsmässigen Wuchers und der versuchten Erpressung. Gemäss Anklage hatte er hauptsächlich Landsleuten Kredite von bis zu mehreren zehntausend Franken gewährt. Und das jeweils zu Zinsen von 5, 10 oder sogar 20 Prozent – pro Monat.

«Keine Notsituationen ausgenutzt»

In der Befragung durch Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher erklärte der Beschuldigte, dass alle, die bei ihm Kredite aufnahmen, das auf eigenen Wunsch getan hätten, um ihre Geschäfte zu finanzieren. In keinem Fall habe er, wie das von der Staatsanwaltschaft behauptet werde, Notsituationen der Kreditnehmer ausgenutzt. Mehr habe er dazu nicht zu sagen. Auf die Frage des vorsitzenden Richters nach dem Grund für die horrenden Zinsen, meinte der Beschuldigte, dass er selber Kre­dite zu 8 Prozent Zins aufgenommen habe und dieses Geld für 10 Prozent weiterverliehen habe.

Auf die Feststellung des Gerichtspräsidenten, dass auch ein Jahreszins von 24 Prozent immer noch sehr hoch sei, entgegnete der Beschuldigte, dass er damals nicht gewusst habe, dass das verboten sei. Er habe auch zinslose Darlehen gewährt, oder als blosser Garant gar keinen Rappen Profit generiert.

Seine Kunden hätten das Geld etwa für den Kauf eines Lieferwagens oder für die Vorfinanzierung von Baumaterial dringend benötigt.

Was er getan habe, tue ihm leid, sagte er

Zu seinen persönlichen Verhältnissen liess er ausrichten, dass er sich um die Betreuung seiner Kinder, insbesondere eines Sohnes mit Behinderung, gekümmert habe. Seit langem habe er gesundheitliche Probleme und brauche Medikamente. Es tue ihm leid, was er getan habe, versicherte er. Er sei aber der Meinung, dass er lange genug im Gefängnis sei. Er wünsche sich, zu seinen Kindern zurückkehren zu können.

«Es geht um wucherische Zinsen», betonte der Staatsanwalt. «Die Geschädigten waren nicht kreditwürdig und haben sich in prekären Situationen befunden. Sie haben keinen Ausweg gesehen und deshalb Zinsen von 15 oder 20 Prozent im Monat akzeptiert. Insgesamt geht es um 13 Kredite im Gesamtbetrag von 228'000 Franken und um Zinsen von 149'000 Franken.»

Der Beschuldigte habe zudem Druck ausgeübt, indem er und ein Mittäter – gegen den ein separates Verfahren läuft – per SMS oder Telefon Kreditnehmer an Ausstände erinnerten. Diese unzähligen Anrufe und Nachrichten werden in der Anklage minutiös aufgelistet. So schrieb der Beschuldigte etwa «Onkel, wie geht es Dir?» oder «Oh Freund, was treibst Du eigentlich für Spielchen?» und «Ich bin unterwegs zu deiner Wohnung, denn ich glaube, es reicht jetzt mit dir».

«Der Beschuldigte wusste sehr wohl, dass er sich strafbar machte»

, betonte der Staatsanwalt.

Staatsanwaltschaft fordert 5½ Jahre Freiheitsstrafe

Er forderte eine Freiheitsstrafe von 5½ Jahren als teilweise Zusatzstrafe zu einem Urteil des Obergerichtes, das den Beschuldigten wegen Betrugs zu einer Strafe von 36 Monaten verurteilt hatte. Der Ankläger beantragte zudem eine Landesverweisung für zehn Jahre sowie die Ablieferung von 40'000 Franken an den Staat.

Die Verteidigerin forderte einen vollumfänglichen Freispruch sowie die Entlassung aus dem vorzeitigen Strafvollzug, die Abweisung der Landesverweisung und des Widerrufes des bedingten Erlasses der Vorstrafe. Zudem sei ihr Mandant zu entschädigen.

In ihrem gut dreistündigen Plädoyer machte sie geltend, dass ihr Mandant Kredite für die Finanzierung vielversprechender Geschäftsideen vergeben habe.

«Dieses Modell erinnert an heute etablierte Formen der Beteiligung an riskanten Unternehmen»

, sagte sie. «Die Strafverfolgungsbehörden insistieren aber, dass es sich um Zinsen handelt. Diese Sichtweise hat meinen Mandanten überrascht. Und der Vorwurf der Erpressung hat ihn dermassen aus der Fassung gebracht, dass in der Strafuntersuchung seine Befragung abgebrochen werden musste.»

Das Urteil steht noch aus

Es seien keineswegs bedürftige Menschen zu ihrem Mandanten gekommen, sondern Leute, die sich als Unternehmer präsentiert hätten, erklärte sie und betonte: «Artikel 157 des Strafgesetzbuches (der Wucher-Artikel, Anmerkung der Redaktion) schützt keine Spekulanten, die zur Polizei rennen, wenn ihre Rechnung nicht aufgeht.»

Das Bezirksgericht Dietikon wird sein Urteil voraussichtlich am 12. Juli verkünden.

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