Oberengstringen

Die Schulsozialarbeiterinnen sind im Kindergarten präsenter geworden

Jacqueline Mühle und Ljiljana Vukic versuchen, mit den Kindern möglichst spielerisch zu arbeiten.

Jacqueline Mühle und Ljiljana Vukic versuchen, mit den Kindern möglichst spielerisch zu arbeiten.

Weil die Oberengstringer Schulsozialarbeiterinnen Jacqueline Mühle und Ljiljana Vukic auch zunehmend auf Kindergartenstufe präventiv im Einsatz sind, wurde ihr Pensum erhöht. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es wirksamer ist, schon früh Hand zu bieten, bevor sich problematische Muster tiefer verankern.

Jacqueline Mühle und Ljiljana Vukic wenden in ihrem Arbeitsalltag viel Zeit dafür auf, das Vertrauen und die Sympathie ihrer Mitmenschen zu gewinnen. «Unsere Arbeit basiert auf der Beziehung zu Menschen. Wenn sie merken, dass wir für sie da sind, werden wir auch als verlässlicher Partner wahrgenommen», sagt Mühle. Sie und Vukic arbeiten als Schulsozialarbeiterinnen in Oberengstringen. Um die Beziehungen zu Kindern, Eltern und Lehrpersonen zu stärken, sei die Präsenz in allen drei Schulhäusern wichtig. Der niederschwellige Austausch in Pausen sei wertvoll für einen ersten Kontakt. «Die Hürde, zu uns zu gelangen, wird so viel tiefer», sagt Vukic.

Zu Beginn des laufenden Schuljahrs wurde das Pensum der Schulsozialarbeit in Oberengstringen um 20 auf 120 Stellenprozent aufgestockt. Bereits im April 2019 wurde es von 80 auf 100 Stellenprozent erhöht, um mehr Zeit für Kindergartenkinder zu haben. Davor sei das Pensum trotz wachsender Schülerzahlen lange gleichgeblie­-ben, sagt Mühle, die seit 2011 in Oberengstringen tätig ist. Aber es sei immer noch sehr knapp gewesen, sagt Mühle, welche die Kinder vom Kindergarten bis zur zweiten Klasse ­betreut. Von der dritten Primarklasse bis zur dritten Sek ist die seit 2018 ange­stellte Vukic zuständig. Die ­Aufteilung wurde bewusst so gestaltet, dass Schülerinnen und Schüler bei potenziell fordernden Übergängen wie von der Primar- in die Oberstufe die gleiche Sozialarbeiterin behalten, sagt Vukic.

Während des Lockdowns waren Mühle und Vukic Teil ei-ner Arbeitsgruppe, die ein neues Konzept für die präventive Arbeit mit Kindergartenkindern erstellt hat, das inzwischen von der Schulpflege abgesegnet wurde. Als die Schulsozialarbeit vor 13 Jahren ins Leben gerufen wurde, habe sie vor allem auf der Oberstufe angesetzt. Bisher hätten sie auf Kindergartenstufe vor allem fallbezogen gearbeitet, seien aber ansonsten nicht präsent gewesen, sagt Mühle. Das soll sich nun ändern.

Probleme beginnen oft schon im Kindesalter

Die Gründe, wieso Teenager zu Problemfällen werden, würden oft auf langjährige Entwicklungen zurückgehen, sagt die 37-jährige Mühle. «Wenn wir schon früh Hand bieten und Eltern überzeugen können, unsere Unterstützung anzunehmen, ist das viel wirksamer als zu­zuwarten, bis problematische Muster tiefer verankert sind.» Umgekehrt sei es schwieriger, Teenager zu erreichen, welche die Erfahrung gemacht haben, dass sie ihre ganze Schullaufbahn nie unterstützt wurden, sagt Vukic. Neu wird auch eine Multi­familiengruppe für Schulkinder der Primarstufe und deren Eltern angeboten. Dort sollen Familien mit ähnlich gelagerten Problemen zusammen mit Fachpersonen lernen, sich auszutauschen und von gegenseitigen Erfahrungen zu profitieren, erklärt Vukic.

Zudem ist ab nächstem Sommer eine sogenannte Schulinsel in Oberengstringen geplant: ein Betreuungssystem für Kinder, die kurzfristig und temporär wegen der Probleme nicht mehr am Unterricht teilnehmen können. Es sei wichtig, die Kinder an einem Ort aufzufangen, wo Fachpersonen mit ihnen umgehen können, statt sie einfach vor die Tür zu schicken, sagt Mühle. «Das kann für die Lehrpersonen und die Kinder sehr entlastend sein», ergänzt Vukic. Das Budget für das Projekt muss noch bewilligt werden.

Obwohl ihr Arbeitsalltag vielfältig sei, bestehe die Hauptarbeit aus Beratungsstunden mit einzelnen Kindern, erklärt die 39-Jährige. Nicht alle Eltern würden positiv reagieren, wenn sie von Sozialarbeiterinnen angesprochen werden. «Wir brechen da in eine sehr persönliche Sphäre ein. Wir müssen immer offen und transparent kommunizieren», sagt Vukic. Meistens entstünden Probleme aus Überforderung, deshalb sei es besonders wichtig, nur zu helfen und nicht zu urteilen. «Ich wäre zunächst auch erschrocken, wenn jemand zur mir kommen würde und fragt, wie es in der Familie läuft», sagt Mühle, die Mutter eines zweijährigen Sohnes und einer sieben Monate alten Tochter. Vukic hat zwei Kinder im Alter von 12 und 14 Jahren. Laut den beiden hilft die Erfahrung als Mutter bei der Arbeit.

Immer mehr Jüngere haben Mühe mit digitalen Medien

Die typischen Themen in den Beratungsstunden sind Konflikte zu Hause und unter Gleichaltrigen, nicht regelkonformes Verhalten in der Schule und der Umgang mit digitalen Medien. Letzteres betreffe auch immer mehr jüngere Kinder, weil sie sich nicht regulieren können, sagt Mühle. In ihren Stunden gehen Vukic und Mühle bewusst spielerisch vor. Mit den Jüngeren steige sie oft mit gemeinsamem Spielen oder Basteln ein, um einen sanften Zugang zu den Kindern zu finden, sagt Mühle. Mit älteren Jugendlichen, bei denen Gespräch und Beratung stärker im Fokus stünden, helfe es, draussen in Bewegung zu sein, statt bloss steif im Büro zu sitzen, sagt Vukic. Während einige Schülerinnen und Schüler sich schnell öffnen, sei bei anderen viel Geduld gefragt. Wichtig sei, dass das Beratungsangebot immer freiwillig ist. «Wir wollen und können niemanden zwingen, zu uns zu kommen», sagt Mühle.

Die beiden Schulsozialarbeiterinnen nutzen ihr Büro im alten Schulhaus an der Rütihofstrasse 2 auch für den Austausch: «Wir verstehen uns als Team. Bei unserer Arbeit gibt es viele verschiedene Vorgehensweisen, deshalb ist der allgemeine Erfahrungsaustausch wertvoll», sagt Mühle. Beide sind auch mit anderen Schulsozialarbeitenden im Bezirk Dietikon vernetzt und erhalten regelmässig fachliche Beratungen von Spezialisten des Amts für Jugendberatung.

Der Arbeitsalltag von Jacqueline Mühle und Ljiljana Vukic ist emotional fordernd. «Wir brauchen gute Bewältigungsstrategien, um auch nach einem schwierigen Gespräch schnell wieder parat zu sein», sagt Vukic. Zwischendurch kurz rausgehen, sich bewegen und den Kopf durchlüften könne sehr hilfreich sein. «Eine gesunde Abgrenzung ist wichtig», sagt Mühle. Es fühle sich manchmal an, als ziehe sie sich auf ihrem Arbeitsweg mental eine Uniform über, die sie auf dem Weg nach Hause wieder abstreife. Nach der Arbeit suchen beide gerne Ausgleich draussen in der Natur oder beim Sport. Wenn man sich professionell um die Probleme und Sorgen anderer kümmert, sei es wichtig, den eigenen Verarbeitungsprozess nicht zu vernachlässigen und sich Zeit zu nehmen, das Erlebte Revue passieren zu lassen, sagt Vukic.

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