Schlieren

Kein Sesselkleber und kein extremer Grüner – was Beat Rüst in 25 Jahren alles erreicht hat

Beat Rüst übergibt nach 25 Jahren das Präsidium der Grünen Schlieren Laura Zangger.

Beat Rüst übergibt nach 25 Jahren das Präsidium der Grünen Schlieren Laura Zangger.

Beat Rüst war seit 1995 Präsident der Grünen Schlieren. Nun übergibt er das Amt seiner Nachfolgerin Laura Zangger. Im Abschiedsinterview spricht er übers Verlieren, grüne Errungenschaften und die Klimajugend.

Sonne und Wolken liefern sich ein Duell am Himmel. Regentropfen benetzen Beat Rüsts frisch gemähten Rasen. Der 64-Jährige steht vor seinem Haus in Schlieren, das er seit 28 Jahren bewohnt. Feigenbaum und Weinrebe klettern an den Mauern empor. «Meine Frau und ich sind gerade aus den Ferien zurückgekehrt und ich hatte noch keine Zeit, die Triebe des Rebstocks aufzubinden», sagt Rüst und blickt auf das wilde, satte Grün. Sein jüngster Enkel springt über die Wiese und verschwindet hinter dem Haus.

Der Schlieremer wird künftig mehr Zeit in seinem Garten und mit seiner Familie verbringen können. Am 8. Juni ist er als Parteipräsident der Grünen Schlieren zurückgetreten. Er hatte das Amt seit 1995 inne, wobei er von 2003 bis 2008 durch Dora Frei Santschi abgelöst wurde, als er im Nachdiplomstudium einen Master in School Management absolvierte. Rüsts Nachfolge übernimmt Laura Zangger, die seit 2018 in der Stadt lebt und Mitglied im Schlieremer Wahlbüro ist. Der Politik den Rücken kehren, will der pensionierte Schulleiter aber nicht. Rüst bleibt den Grünen Schlieren als Parteimitglied erhalten. «Mich ganz zurückziehen und auf den Mund sitzen, kann ich einfach nicht», sagt er und lacht.

Nach 25 Jahren machen Sie an der Spitze der Grünen Schlieren Platz. Warum geben Sie das Amt ab?

Beat Rüst: Ich habe gespürt, dass mir langsam die Kraft und der Elan für das Präsidium abhanden gehen. Ich tauge nicht mehr als Präsident. Alt, männlich, weiss, hetero: Das passt sowieso nicht zu den Grünen und auch nicht in die heutige Zeit. Ich möchte nicht zu den alten Sesselklebern gehören und überlasse lieber den jüngeren Generationen die Aufgabe, aber auch die Kompetenzen. Zudem ist der Zeitpunkt ideal, weil wir mit unserer Partei personell gut aufgestellt sind. Laura Zangger ist innovativ, steckt voller Tatendrang und hat gute Ideen. Ich bin froh, dass sie meine Nachfolge antritt. Es ist schön, wenn man so aufhören darf. Das ist nicht jedem vergönnt. Doch man darf ja auch mal Schwein haben.

Dass Ihre Nachfolgerin erst seit zwei Jahren in Schlieren wohnt und sich weniger auskennt als Alteingesessene wie Sie, scheint Sie nicht zu stören.

Nein, das tut es nicht. Ich habe je länger je mehr nicht nur in der Partei und Fraktion selbst, sondern auch während meiner Zeit im Schlieremer Parlament gemerkt, dass ich schon fast der einzige war, der sich überhaupt noch an Vorstösse erinnern konnte, die mehr als 15 Jahre zurückliegen. Dieses fehlende Wissen mag ein Nachteil sein, doch die Politik zeigt, dass gewisse Themen wieder neu aufgerollt werden. Zudem kann ich nach wie vor das Gedächtnis der Partei spielen. Laura Zangger macht die Wissenslücke mit ihrem Auftreten, ihrem Engagement und ihrer Power wett. Das ist viel Wert. Zudem kann man sich Wissen mit der Zeit aneignen. Ich wusste auch wenig über Schlieren, als ich 1992 aus Zürich hierherzog.

Es dauerte aber nicht lange, bis Sie sich in Schlieren politisch engagierten. Ein Jahr nach Ihrem Zuzug waren Sie bereits der Grünen Partei beigetreten.

Genau. Ich habe mich an einem Elternabend zu zwei, drei Dingen geäussert und damit wohl bei einigen einen guten Eindruck hinterlassen. Kontakte wurden ausgetauscht und schon bald kamen die Grünen Schlieren auf mich zu und baten mich, ihrer Partei beizutreten. Obwohl ich bis dahin politisch nicht aktiv war, hat mich das politische Geschehen in der Schweiz stets interessiert. Die Abstimmungen, die ich in meinem Leben ausgelassen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Bevor ich mit meiner Familie nach Schlieren zog, wohnten wir in Zürich Affoltern in der Genossenschaftssiedlung «Im Holzerhurd». Dort war ich Mitglied in der Siedlungskommission und habe mich bereits für Ökologie eingesetzt. Damals in sehr bescheidenem Rahmen – wir führten Zeitungssammlungen durch und erklärten den Bewohnern, dass sie die Wertstoffe in ihrem Haushaltskehricht trennen müssen oder wie sie die individuellen Heizkosten berechnen können. 

Spätestens seit letztem Jahr ist der Begriff Klimaschutz in aller Munde. Freut es Sie, dass die Ideen der Grünen durch die demonstrierende Klimajugend mehr Gehör finden?

Natürlich freut es mich. Die Forderungen der Klimajugend sind absolut legitim und nötig. Es wurde Zeit, dass die Jungen auf die Strasse gehen und uns Alte darauf aufmerksam machen, ihnen die Welt nicht noch mehr zu versauen. Es geht nicht darum, dass wir mit unseren Bemühungen nur einen Tropfen auf den heissen Stein sind, sondern darum, dass wir als eines der reichsten Länder der Welt Verantwortung übernehmen. Auch ich habe an der grossen Demonstration in Bern teilgenommen. Auf meinem Protest-Schild stand: «Für unsere Enkel». Ich bin 64 und komme noch mit einem blauen Auge davon, meine drei Kinder und meine beiden Enkel erwischt der Klimawandel voll. Die Klimajugend hat bereits sichtbare Veränderungen bewirkt. Das Parlament in Bern ist grüner, jünger und weiblicher geworden.

Beat Rüst kam 1956 in der Stadt Zürich zur Welt und lebte unter anderem in Wiedikon und Affoltern, bevor er mit seiner Frau Claire-Lise und den drei Kindern 1992 in das Haus der Schwiegereltern in Schlieren zog. Der Primarlehrer trat 1993 den Grünen Schlieren bei und übernahm 1995 das Präsidium bis im Juni 2020, wobei er von 2003 bis 2008 durch Dora Frei Santschi abgelöst wurde, als er im Nachdiplomstudium einen Master in School Management absolvierte. Von 1998 bis 2014 sass er für die Grünen im Schlieremer Parlament, das er 2002/03 präsidierte. Rüst war an der Erarbeitung des Jugendkonzepts beteiligt und engagierte sich für das Stadtentwicklungskonzept mit der Verlegung der Badenerstrasse. Der 64-Jährige arbeitete von 2008 bis 2012 als Fachmann für Schulbeurteilung für die Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Von 2012 bis 2016 amtete Rüst als Schulleiter in Uetikon am See. Seit 2016 ist der zweifache Grossvater im vorzeitigen Ruhestand.

Zur Person

Beat Rüst kam 1956 in der Stadt Zürich zur Welt und lebte unter anderem in Wiedikon und Affoltern, bevor er mit seiner Frau Claire-Lise und den drei Kindern 1992 in das Haus der Schwiegereltern in Schlieren zog. Der Primarlehrer trat 1993 den Grünen Schlieren bei und übernahm 1995 das Präsidium bis im Juni 2020, wobei er von 2003 bis 2008 durch Dora Frei Santschi abgelöst wurde, als er im Nachdiplomstudium einen Master in School Management absolvierte. Von 1998 bis 2014 sass er für die Grünen im Schlieremer Parlament, das er 2002/03 präsidierte. Rüst war an der Erarbeitung des Jugendkonzepts beteiligt und engagierte sich für das Stadtentwicklungskonzept mit der Verlegung der Badenerstrasse. Der 64-Jährige arbeitete von 2008 bis 2012 als Fachmann für Schulbeurteilung für die Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Von 2012 bis 2016 amtete Rüst als Schulleiter in Uetikon am See. Seit 2016 ist der zweifache Grossvater im vorzeitigen Ruhestand.

Grüne Anliegen haben aber nicht nur schweizweit an Gewicht gewonnen, sondern auch in Schlieren. Was hat Ihre Partei zur Entwicklung der Stadt in den letzten 25 Jahren beitragen können?

Die Siedlungsentwicklung Schlierens konnte unsere Partei massgeblich beeinflussen. Die Handschrift der Grünen zeigt sich zum Beispiel in Form der Tempo-30-Zonen, die in fast allen Quartieren eingeführt wurden oder in Form der verbliebenen grünen Flecken der Stadt wie etwa dem Schlierenberg und dem Gebiet Hohfuren. In den 1990er-Jahren war die Devise, diese beiden Landstücke einzuzonen und zu überbauen. Unsere Partei hat sich stets dagegen gewehrt und sich stattdessen für innere Verdichtung stark gemacht. Die Siedlungen an der Brandstrasse oder am Rietbach sind die besten Beispiele dafür. Neuer Wohnraum wurde im Zentrum mit Grünraum und einer autofreien Zone für die Bewohnerinnen und Bewohner geschaffen. Überdies befinden sich diese Siedlungen in Gehdistanz zum Bahnhof. Ein weiterer Punkt, der den Grünen Schlieren stets am Herzen lag, nämlich bewohnertauglicher Verkehr, der sich auf den ÖV wie den Bus, den Zug oder die Limmattalbahn und nicht auf Autos ausrichtet. Auch die Umlenkung der Badenerstrasse über die Geissweid, die das Projekt «Pischte 52» ermöglichte, haben wir Grünen unterstützt. Ich glaube, wir konnten den Blick für die Zukunft schärfen. Dies etwa bei Neubauten und Sanierungen. Dass man zum Beispiel lieber 10 Prozent mehr für ein Projekt ausgibt und dafür jedes Jahr 20 Prozent einspart. Wir haben ein neues Bewusstsein für Wohnlichkeit, Siedlungstauglichkeit und bewohnertauglichen Verkehr geschaffen. Doch dieses Bewusstsein musste erst wachsen und sich etablieren. Ich bin stolz, dass die Grünen, obwohl wir immer in der Minderheit waren und sind, etwas in der Stadt verändern können.

Stets in der Minderheit zu sein, gehörte zu den grössten Herausforderungen während Ihrer Amtszeit.

Das stimmt. Auch wenn wir eine Fraktion mit der SP bildeten, politisieren wir als kleine Partei immer in der Minderheit. Das kostet Kraft. Die Bürgerlichen in Bern, im Kanton Zürich und in der Stadt Schlieren konnten machen, was sie wollten, sie brachten ihre Geschäfte durch. Doch seit den letzten Wahlen haben sie es auch nicht mehr so leicht. Ich sagte deshalb einmal vor der versammelten politischen Oberschicht Schlierens, dass ich ihnen einen Schritt voraus sei, weil ich im Gegensatz zu ihnen gelernt hätte zu verlieren. Im Schlieremer Parlament haben wir Grünen unsere Budgetanträge und Vorstösse nämlich zu drei Vierteln der Fälle verloren. Immer wieder zu verlieren, ist anstrengend und macht auf Dauer wenig Spass.

Gab es weitere Schwierigkeiten, die Sie zu bewältigen hatten?

Ja, zwischendurch fehlte es uns an Parteimitgliedern. Die Grünen Schlieren waren in den 1980er-Jahren sehr stark. In den 1990er-Jahren ging es so weiter, wir waren mit Heidi Müller im Kantonsrat vertreten, mit Urs Christen im Gemeinderat. Als ich das Präsidium übernahm, änderte sich das allmählich. Aufgrund zahlreicher Wegzüge engagierter Mitglieder wurde die Ortspartei geschwächt. 1998 zog ich ins Stadtparlament ein, 2002 wurde ich mit einem Glanzresultat zu dessen Präsidenten ernannt. Dies vermutlich, weil ich auch bis weit in die bürgerlichen Kreise akzeptiert war, da ich eben kein extremer Grüner bin, sondern einer, der mit sich reden lässt. Personelle Verstärkung erhielten wir, als Dominik Ritzmann 2009 der Partei beitrat und 2010 ins Parlament gewählt wurde. Ich verzichtete 2014 nach 16 Jahren im Parlament auf die Wiederwahl, weil ich davon ausging, dass Dominik Ritzmann und ich unsere beiden Sitze nicht mehr halten können, wenn die Grünliberalen dazustossen. Ich wollte ihm den Weg frei machen. 2018 konnte Manuel Kampus den zweiten Sitz zurückgewinnen. Seit 2019 vertritt er uns im Kantonsrat.

Das heisst, Sie können nun also auch diesbezüglich beruhigt kürzertreten. Was werden Sie denn am meisten an Ihrer Aufgabe als Präsident vermissen?

Ich habe die Beachtung, die mir als Parteipräsident zukam, sehr genossen. Die Stadt, die Medien und Politiker waren an meiner Meinung und Stellungnahmen interessiert. Das habe ich geschätzt. Doch die Freude über die Entlastung ist grösser als der Verlust dieses Privilegs. Es war eine gute Zeit, doch es ist jetzt auch in Ordnung, dass es vorbei ist.

Wie werden Sie die frei werdende Zeit nutzen?

Ich habe zwei Enkel, mit denen ich gerne mehr Zeit verbringen möchte. Ich will mich zudem der Haus- und Gartenarbeit sowie meinem Hobby, der Gestaltung mit farbigem Glas widmen. Viele meiner Schulkollegen werden zudem jetzt pensioniert. Ich freue mich, mit ihnen nun auch den Tag durch zusammenzukommen und einen Kaffee trinken zu können.

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