Uster

«Ich bin nämlich stolz auf meinen Beruf» – Durch ihre Hand entstehen neue Kuhleben

Sie erfüllt Kälbchenwünsche: Anna Voggensperger ist eine von wenigen Besamungstechnikerinnen. Durch ihre Hand entstehen neue Kuhleben. Mit der künstlichen Befruchtung strebt sie einen sogenannten Zuchtfortschritt an.

Ausgerüstet mit armlangen orangen Handschuhen und einer Schürze, die bis zum Boden reicht, steht Anna Voggensperger im Stall von Bauer Ueli Trutmann in Riedikon, einem Ortsteil der Stadt Uster. In der einen Hand hält sie ein 40 Zentimeter langes Besamungsgerät, während sie die andere in den Mastdarm der vor ihr stehenden Kuh einführt. So ertastet sie die Gebärmutter und fühlt, ob das dünne Metallrohr an der richtigen Stelle liegt, um den Stiersamen abzulegen.

Anna Voggensperger ist von Beruf Besamungstechnikerin bei der Firma Swissgenetics. Ihr Einsatzgebiet: das rechte Zürichseeufer. Die 25-Jährige ist auf einem Hof im Baselland aufgewachsen und kennt den Beruf schon seit ihrer Kindheit.

Sie habe sich wochenlang damit beschäftigt, den perfekten Stier auszuwählen, damit es ein möglichst herziges Kälbchen gibt.

Das eigentliche Ziel der künstlichen Befruchtung ist es, einen sogenannten Zuchtfortschritt zu erreichen. Gibt eine Kuh zum Beispiel wenig Milch oder hat besonders schwache Klauen, können diese Schwächen gezielt verbessert werden, indem man sie mit einem geeigneten Stier paart.

Der Akt dauert nur wenige Augenblicke

Bei dem für Anna Voggensperger routinemässigen Eingriff erzählt sie von ihrem Beruf. «Die künstliche Befruchtung erleichtert den Bauern ihre Arbeit», sagt sie. Denn die Stierhaltung sei mit Risiken verbunden und ziemlich aufwendig. «Deshalb gab es früher oft nur einen Stier für ein ganzes Dorf», erklärt sie. Übertragbare Krankheiten verbreiteten sich dadurch schnell. Die massgebliche Reduktion dieser Krankheiten sei eine weitere Errungenschaft der künstlichen Besamung.

Bei minus 196 Grad wird das Sperma aufbewahrt

Ausgewählte Zuchtstiere, welche frei von Erbkrankheiten sind, kommen während der Aufzuchtsphase in eine sechswöchige Quarantäne. Zeigt das Tier keine Krankheitssymptome, übernimmt ein speziell ausgebildeter Stierpfleger die Absamung. Das Sperma wird anschliessend in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius aufbewahrt und bleibt so unendlich lange haltbar. Erst nach sechs Wochen erneuter Quarantäne kann der Samen verwendet werden. So vermeidet Swissgenetics sowohl übertragbare als auch genetische Krankheiten.

Die Besamungstechnik ist kein ungefährlicher Job. «Tiere sind unberechenbar», sagt Anna Voggensperger. Als sie einst bei einem Auftrag ein Tier inmitten einer Herde zu besamen hatte, nahm eine Kuh sie auf die Hörner und drückte sie gegen einen Zaun. Trotz solchen Vorfällen hat die Besamerin aber keine Angst. «Kühe sind prinzipiell friedliebende Tiere», sagt sie, «Man muss jedoch immer wachsam bleiben und auf die Körpersprache der Tiere achten.» Den Umgang mit Tieren hat sie während ihrer Ausbildung zur Landwirtin erlernt, nachdem sie ein Studium der Ingenieurswissenschaften an der ZHAW in Wädenswil abgebrochen hatte.

Erfahrung im landwirtschaftlichen Bereich wird für den Job als Besamungstechniker bei Swissgenetics vorausgesetzt. Da Frauen in der Landwirtschaft immer noch eine Minderheit darstellen, sind auch bei Swissgenetics nur 20 der 250 Besamungstechniker weiblich. Die Ausbildung dauert ein halbes Jahr und findet in Zollikofen und in der Nähe von Berlin statt. Anna Voggensperger arbeitet schon seit einem Jahr bei Swissgenetics. Für ihre Arbeit als Besamungstechnikerin bezahlt ein Bauer zwischen 50 und 100 Franken. Am teuersten sind sogenannte gesexte Samen. Bei deren Verwendung wird das Kalb zu 90 Prozent mit dem gewünschten Geschlecht geboren.

Ein Arbeitstag der 25-Jährigen beginnt früh am Morgen

Die Bauern der Region können bis 7 Uhr eine Besamung für den Vormittag buchen. Kurz darauf erhält Voggensperger die aktuellen Aufträge auf ihrem Tablet. Dann ist sie schon auf der Fähre von Horgen, ihrem Wohnort, nach Meilen. An einem Vormittag besamt sie normalerweise um die zehn Kühe. Die Trächtigkeitsrate liegt bei 70 Prozent.

Ist der Bauer nicht vor Ort, findet die Besamungstechnikerin alle Infos, die sie braucht, in einem Ordner im Stall. Darin steht, welche Kuh mit welcher der 250 verschiedenen Samen, die in ihrem Kofferraum verstaut sind, befruchtet werden soll. Am beliebtesten sei «Silian», ein Mix von drei verschiedenen Stierarten mit besonders hoher Fruchtbarkeit. «Oft sind die Bauern aber anwesend. Den Kontakt zu ihnen schätze ich sehr», sagt Anna Voggensperger.

Ihre Arbeit ermöglicht ihr ausserdem, selbstständig zu arbeiten und einen Einblick in verschiedene Stallungen zu erhalten. Dies findet die Besamungstechnikerin besonders interessant, seitdem sie und ihr Partner auf der Suche nach einem eigenen Hof sind. Das absolute Highlight ihres Jobs sei aber, wenn sie ein von ihr erzeugtes Kalb kennen lernen kann. Einzig die erforderliche Flexibilität sei zum Teil eine Herausforderung. «Ab und zu verpasse ich eine private Verabredung, daran habe ich mich mittlerweile aber gewöhnt», sagt Voggensperger.

Zum Mittagessen geht sie meistens zurück nach Horgen. Jede zweite Woche trifft sie sich mit ihren Kollegen, um die Vorräte an Samen und Stickstoff aufzufüllen. Die Arbeitskollegen sehen sich ansonsten nur selten und sind vor allem per Telefon im Kontakt miteinander.

Im Winter sind die Arbeitstage lang

Die Überstunden kann Voggensperger im Sommer kompensieren. Denn im Sommer befinden sich viele Kühe auf der Alp oder zeigen ihre Brunst aufgrund der Hitze weniger deutlich. «Der Bauer merkt, dass eine Kuh stierig, das heisst fruchtbar ist, wenn sie einen sogenannten Duldungsreflex zeigt», erklärt die Besamungstechnikerin. Damit ist gemeint, dass das fruchtbare Tier es duldet, wenn ihr andere Kühe aufsteigen. Oft mache sich auch ein starker Schleimfluss bemerkbar, und wenn man die Gebärmutter ertaste, fühle sich diese hart wie ein Handrücken an.

12 bis 24 Stunden nach dem Auftreten dieser Symptome kann die Kuh besamt werden. Dann kommt die Besamungstechnikerin ins Spiel. Sie taut den im flüssigen Stickstoff gelagerten Samen im 37,5 Grad warmen Wasserbad für 25 Sekunden auf und steckt sich das Besamungsgerät anschliessend zwischen Schürze und Haut. So kann sie die optimale Temperatur aufrechterhalten. «Bei der Vorbereitung achte ich darauf, besonders hygienisch zu arbeiten», sagt Anna Voggensperger, «Denn verschmutzte Instrumente können zu Entzündungen der Gebärmutter führen.»

Sollte der Traum vom eigenen Hof bald in Erfüllung gehen, will sie weiterhin Teil-zeit als Besamungstechnikerin tätig sein. Voggensperger sagt: «Ich bin nämlich stolz auf meinen Beruf.»

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