Coronavirus

Home-Office trifft auf Homeschooling: Kinder in Risikofamilien sind besonders gefährdet

Kesb und Gerichte rechnen damit, dass durch die Coronakrise mehr Kinder gefährdet sein werden. (Symbolbild)

Kesb und Gerichte rechnen damit, dass durch die Coronakrise mehr Kinder gefährdet sein werden. (Symbolbild)

«Die Situation rund um das Coronavirus ist das dominierende Thema bei den Eltern, die sich bei uns melden», sagt Peter Sumpf, Geschäftsleiter des Elternnotrufs. Wenn Home-Office auf Homeschooling und Kinderbetreuung trifft, kommt es in vielen Familien zu Spannungen.

Unsicherheiten bei der Kinderbetreuung und finanzielle Ängste belasten die Eltern zusätzlich. Bei getrennt lebenden Eltern seien auch Fragen da zur Übergabe der Kinder und zur Obhutssituation. Ob sich die Anrufe beim Elterntelefon gehäuft haben, kann Sumpf nicht sagen. «Es ist aber einiges los, und wir hören von vielen aggressions­betonten Situationen.»

Die 14 Kinder- und Jugendhilfezentren (KJZ) im Kanton verzeichnen derzeit noch keinen Anstieg der Beratungen, wie das Amt für Jugend und Berufsberatung auf Anfrage schreibt. Die Beraterinnen und Berater stellen aber fest, dass die Hilfe suchenden Familien am Telefon sensibler oder gestresster reagieren als üblich und mehr Zuwendung brauchen.

Kesb-Verfahren laufen weiter

Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) warnte Anfang Woche ebenfalls davor, dass die Gefahr von häuslicher Gewalt steigen wird. Deshalb rüsten Polizei und Opferhilfestellen auf. Mehr Einsätze hat die Polizei noch nicht verzeichnet. Auch bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Stadt Zürich, der grössten im Kanton, ist es noch ruhig. Präsident Michael Allgäuer geht aber davon aus, dass die Eskalationen in den Familien zunehmen. 

Die Kesb Stadt Zürich hat ihre Mitarbeiter grösstenteils ins Home-Office geschickt, die Erreichbarkeit und Leistungen aber nicht eingeschränkt, sagt Allgäuer. Alle Verfahren und Gefährdungsmeldungen laufen weiter wie bisher. Erst wenn es zu einem grossen Ansturm kommen sollte, müsste die Kesb priorisieren. Man gebe sich aber Mühe, dass nichts liegen bleibe, sagt Allgäuer.

Bezirksgericht geht von mehr Fällen aus

Auch am Bezirksgericht Zürich verzeichnet man noch nicht mehr Fälle im Kindesschutz. Bei häuslicher Gewalt und darauf folgenden Schutzmassnahmen für Kinder oder Rayonverboten für die Täter werden erst Polizei und Kesb aktiv, erst danach folgt das Gericht. Das Bezirksgericht geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Fälle steigen. Deshalb wurden die zuständigen Teams nicht heruntergefahren. «Es wird wohl zu weniger Schlägereien kommen, dafür steigen die Fälle von ­häuslicher Gewalt und die entsprechenden Massnahmen», sagt der Medienverantwortliche ­Florian Saluz.

Mehr zu tun hat auch die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle am Kinderspital (Kispi) Zürich nicht, im Gegenteil. Weil derzeit weniger als die Hälfte der Patienten ins Kispi kommen, wird auch der Kinderschutz seltener beigezogen, wie Leiter Georg Staubli sagt. Er glaubt, dass die Corona-Krise je nach Familienkonstellation auch positive Seiten haben kann. Gerade für Babys könnten Eltern derzeit mehr Zeit haben, was zu einer Entlastung führen könnte. Dasselbe stellen die KJZ fest. In Familien, in denen Eltern viel gearbeitet haben und die Kinder fremdbetreut wurden, hätten sich bisherige Konflikte entschärft, da die Eltern nun häufiger zu Hause sind.

Sich schlimmstenfalls ins WC zurückziehen

Sorgen macht sich Staubli um die belasteten Familien, vor allem diejenigen mit psychisch auffälligen Elternteilen: «In Familien, die bereits vorher Probleme hatten, könnten sich diese durch den engen Kontakt verschlimmern und in aggressive Handlungen münden.» Es sei wichtig, dass man diese Familien nicht aus den Augen verliere. Dazu tragen Ärztinnen oder Lehrer bei. Auch wenn Letztere dies derzeit nur aus der Ferne tun können. «Die involvierten Personen wissen, wer vulnerabel ist und nicht vom Radar verschwinden sollte», sagt Staubli.

Wie bisher erreichbar sind Beratungsstellen. Es sei wichtig, dass sich Familienmitglieder austauschen und auch mit kleineren Kindern über Ängste sprechen, rät Peter Sumpf vom Elternnotruf. «Wenn es aber immer mehr und laute Worte werden, sollte man ‹Stopp!› sagen.» In einer Engesituation sollte man keine finalen Auseinandersetzungen suchen, sondern ausweichen – spazieren gehen oder sich schlimmstenfalls ins WC zurückziehen.

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