Zürich

Dilemma wegen Quarantänepflicht für Pflegende – Ferienrückkehrer stellen Heime vor heikle Entscheide

Pflege unter erschwerten Bedingungen: Die Alterszentren sind während der Coronakrise besonders gefordert.

Pflege unter erschwerten Bedingungen: Die Alterszentren sind während der Coronakrise besonders gefordert.

Bei Personalengpässen entfällt die Quarantänepflicht für Pflegende, die aus einem Risikoland zurückkommen. Nun stellt sich die Frage, wie Spitäler, Heime und Spitex-Organisationen Personalengpässe vermeiden können.

Eine Ausnahmeregel, die der Bund in Zusammenhang mit Ferienrückkehrern erlassen hat, bringt Spitäler, Heime und Spitex-Organisationen in ein Dilemma. Sie betrifft die Einreise-Quarantäne. Sie ist für jene Personen obligatorisch, die in Risikoländer wie Serbien oder Kosovo reisen und zurück in die Schweiz kommen.

Für das Pflegepersonal gilt diese Bestimmung jedoch nicht absolut. Pflegende können von der Quarantäne ausgenommen werden, wenn «ihre Tätigkeit zwingend notwendig ist für die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens». So steht es in der Verordnung des Bundesrats.

Spitex wendete Ausnahmeregel an

Die Spitex Zürich Limmat hat auf diese Klausel bereits zurückgegriffen: Sie wies eine Mitarbeiterin an, nach ihrer Rückkehr aus einem Risikoland auf die zehntägige Quarantäne zu verzichten und stattdessen mit Maske arbeiten zu gehen, wie der «Blick» vergangene Woche berichtete.

Die Ausnahmeregelung stellt das Gesundheitswesen vor schwierige Entscheide. In der Pflege arbeiten viele Angestellte aus Balkanstaaten, die jetzt gerne in ihre Heimatländer reisen würden. Heime und Spitäler möchten nicht auf sie verzichten. Gleichzeitig will niemand das Risiko eingehen, das Virus in seinem Haus einzuschleppen. Denn diese Woche hat sich in einem privaten Altersheim in Männedorf erneut gezeigt, wie schnell und mit welchen drastischen Folgen sich das Coronavirus verbreiten kann.

«Wir hätten uns gewünscht, dass die Ausnahmeregelung nicht geschaffen worden wäre», sagt eine Verantwortliche eines Alterszentrums im Kanton Zürich. «Dann wäre es gar nicht erst möglich, darauf zurückzugreifen.»

Die Frau – sie ist Mitglied der Geschäftsleitung – rechnet damit, dass in den nächsten Wochen auch in ihrer Institution Personal ausfallen wird. Trotzdem wolle man an der Quarantäne festhalten. «Kleinere Heime werden das aber nicht können. Ich frage mich, wie sie das dann lösen werden.»

Behörden erhalten viele Anfragen

Mit dieser Frage ist die Mitverantwortliche des Alterszentrums nicht alleine. Der Kantonsärztliche Dienst und Curaviva, der Verband der Heime im Kanton Zürich, haben mehrere Anfragen erhalten, wie Recherchen zeigen. Curaviva hat deshalb reagiert und diese Woche ein Schreiben an die Betriebsleitungen der Alters- und Pflegeheime verschickt, das dieser Zeitung vorliegt.

Im Schreiben gibt Curaviva die Haltung des Kantonsärztlichen Dienstes wieder. «Unserer Meinung nach kann niemand von der Quarantänepflicht befreit werden, weil wir die Ansteckungsgefahr im Risikogebiet für alle gleich gross halten», hält dieser fest. Und wenig später heisst es dann: «Wir erwarten, dass die Quarantänepflicht nicht leichtfertig aufgehoben wird, sondern zuerst alle Möglichkeiten geprüft werden, die betreffende Person zu ersetzen.»

Zu einer Klärung trägt das Schreiben aus Sicht des Geschäftsleitungsmitglieds des besagten Alterszentrums aber nicht viel bei. Grund dafür ist eine weitere Aussage des Kantonsärztlichen Dienstes, wonach Rückkehrer aus Risikoländern die Quarantäne «höchstens für bestimmte Tätigkeiten» nicht einhalten müssten. Dann gelte es aber Schutzmassnahmen zu treffen.

Nur ohne Symptome zur Arbeit

Was dies für die Praxis bedeutet, ist den Verantwortlichen des Alterszentrums unklar. Das GL-Mitglied fragt sich, was denn eine betroffene Person aus Sicht der Behörden konkret arbeiten dürfte. «Soll sie Schreibarbeiten erledigen oder Medikamente herrichten?»

Wie so oft während der Coronakrise werde es den einzelnen Betrieben überlassen, wie sie neue Bestimmungen umsetzen müssten. Angaben dazu würden vom Bundesamt für Gesundheit, von der kantonalen Gesundheitsdirektion und vom Verband erst mit Verzögerung erfolgen. Und oft müsse man sich die nötigen Informationen selbst beschaffen. Ähnliche Stimmen sind aus einem grösseren Spital zu vernehmen.

Auf eine Anfrage dieser Zeitung zum Umgang mit der Einreise-Quarantäne schreibt die Gesundheitsdirektion, sie stehe «in engem Kontakt mit den Heimen, um das Vorgehen festzulegen, falls sich die Lage bezüglich den Coronarisikogebieten ändern würde».

Konkreter wird André Müller, der Präsident von Curaviva des Kantons Zürich. Er rechne damit, dass die Ausnahmeregelung zur Einreise-Quarantäne kaum angewendet werden müsse. «Da müsste sehr viel passieren – es müsste einen wirklichen Notstand geben.»

In einem solchen Fall bräuchte es keine Diskussion darüber, welche Arbeiten eine Person ausführen dürfte, die eigentlich in der Quarantäne sein müsste, sagt der Curaviva-Präsident weiter. «Wenn es tatsächlich einen Notstand gibt und die Bewohner ansonsten nicht mehr adäquat versorgt werden könnten, müssten die betroffenen Mitarbeiter auch pflegerische Aufgaben ausüben – und nicht andere Tätigkeiten im Hintergrund wie administrative Arbeiten.»

Voraussetzung dafür sei aber, dass die Ferienrückkehrer keine Symptome hätten. Und sie müssten ihre Aufgaben «voll ausgerüstet mit Schutzmaterial» wahrnehmen. Anders verhalte es sich, wenn jemand nach der Rückkehr aus einem Risikoland positiv getestet worden sei, sagt Müller: «Dann ist die Person krank und sie arbeitet nicht.»

Es drohen Konsequenzen

Die Gesundheitsorganisationen im Kanton hoffen, dass sie gar nicht erst in diese Situation kommen. Sie haben ihre Angestellten dazu aufgerufen, diesen Sommer nicht in Risikoländer zu reisen. Vielerorts mussten diese ihre Ferienpläne offenlegen. Einige Arbeitgeber drohen zudem mit personalrechtlichen Sanktionen, falls ein Mitarbeiter sie anlügen sollte. Verbieten können sie aber Reisen in Risikoländer nicht. Deshalb wissen sie erst mit dem Ende der Sommerferien, wie sehr die Einreise-Quarantäne ihre Personalplanung durchkreuzen wird.

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