Ausbildung

Die Volkshochschule stillt auch während Corona Wissensdurst

Trotz Corona, trotz Internet: Die Kurse der Volkshochschule Zürich sind noch immer gefragt. Wie macht sie das?

«Ein lernbegierig Volk»: So lautete 1950 der Titel eines Zeitungsartikels über die Volkshochschule Zürich. Und so heisst nun auch das Buch der Historikerin Ruth Wiederkehr, das die 100-jährige Geschichte der Institution beschreibt. Die Idee der «Bildung für alle» hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus Dänemark über ganz Europa verbreitet. Nach dem Ersten Weltkrieg verlangten die Demokratien nach aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern, die moderne Industriegesellschaft nach gebildetem Personal. Jeder Mann und jede Frau sollte Zugang zur Bildung haben – nicht nur Akademiker.

In den Kursen der Volkshochschule Zürich waren anfangs zwei Drittel der Teilnehmenden weiblich. Vorlesungen zum Thema Hormone lockten über 800 Interessierte in den Hörsaal. Beliebt waren auch Exkursionen, sie führten etwa nach Pompeji und Paris. Auch in der Schweiz stieg die Zahl der Volkshochschulen rasant. 1919 machten Basel und Bern den Anfang. 1920 folgte Zürich. Es entstanden Ableger im ganzen Kanton. 37 Filialen gab es im Jahr 1950. 

Eine erste Zäsur erfolgte in den 1970er-Jahren, als das Fernsehen und die Migros mit der Klubschule ihre Bildungsangebote verstärkten. Und nachdem die Volkshochschule 2006 die Verselbstständigung der Filialen im Kanton Zürich beschlossen hatte, gingen vor allem kleinere Ableger auf dem Land ein. Geblieben sind 11 Standorte.

Bildung zur Mündigkeit soll gefördert werden

Dass Wissen heute praktisch für jeden und erst noch gratis im Internet verfügbar ist, scheint der Volkshochschule nicht gross zu schaden. Kurse mit Titeln wie «Über das Zerlegen von Polygonen und Polyedern» oder «Liebe, Sex und Allah» sind noch immer gefragt.

Das Erfolgsrezept ist für Volkshochschul-Direktor Pius Knüsel die Grundidee der Schule, der sie auch in Krisenjahren treu geblieben ist: der Gedanke, nicht bloss Wissen zu vermitteln, sondern die Bildung zur Mündigkeit zu fördern. Die Teilnehmenden zu befähigen, die Welt zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu handeln. «Das funktioniert nur im Kollektiv», sagt Knüsel. Deshalb sei man auch zurückhaltend mit digitalem Unterricht. 

Nichtsdestotrotz beschäftige sich die Volkshochschule schon länger mit der Digitalisierung und ihren Möglichkeiten. Und der Lockdown habe dem digitalen Unterricht einen unfreiwilligen Schub verliehen. Weil Corona-bedingt nur 50 Schülerinnen und Schüler in den Hörsaal der Uni Zürich dürfen, werden Ringvorlesungen teilweise zusätzlich via Zoom übertragen, etwa jene mit dem Titel «Vom guten Altern» oder «Die zwei Gesichter der USA». Sprachkurse, Pilates oder Zeichenkurse seien dagegen nur in analoger Form sinnvoll, sagt Knüsel. Die Nachfrage sei allgemein gross. «Wir sind am Limit. Viele Interessierte müssen wir vertrösten, weil die Teilnehmerzahl aufgrund der Schutzmassnahmen eingeschränkt ist.» Das wirkt sich auch finanziell auf das Schuljahr 2019/2020 aus. Der Umsatz ist um 30 Prozent eingebrochen. 

Im nächsten Semester werden Verluste erwartet

Die Volkshochschule rechnet mit einem Minus von einer halben Million Franken. Weitere Verluste sind auch im kommenden Wintersemester zu erwarten. «Weil wir seit 2013 nicht mehr subventioniert werden, müssen wir selber aus dem Schlamassel finden», sagt Knüsel.

Die gemeinnützige AG, deren einzige Aktionärin die Stiftung der Volkshochschule Kanton Zürich ist, finanziert sich zu 95 Prozent mit den Kurseinnahmen. Trotzdem blickt Verwaltungsratspräsident Paul Frauenfelder positiv in die Zukunft. Hilfe sei bereits zugesichert worden, durch Gelder der Mutterstiftung (275'000 Franken), des Fördervereins (50'000 Franken) sowie Beiträge aus der Nothilfe des Kantons (225'000 Franken) und Crowdfunding (100'000 Franken). Auch dank Sparmassnahmen (250'000 Franken) will man über die Runden kommen. 

«Wieso unsere Kurse etwas kosten, werden wir ganz selten gefragt»

Vor allem geht Knüsel aber davon aus, dass der Wissensdurst der Volkshochschul-Anhänger ungebremst bleibt. «Wir haben ein sehr loyales Publikum», sagt er – intrinsisch motivierte Leute, die bereit seien, etwas für die oft auch anspruchsvollen Kurse zu bezahlen. «Wieso unsere Kurse etwas kosten, werden wir ganz selten gefragt», sagt Knüsel. 

In Zürich finden die Vorlesungen und Kurse an der Universität Zürich, aber auch an Kantonsschulen und weiteren Bildungseinrichtungen statt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden liegt bei 65 Jahren. Die jüngsten sind in den Bewegungs- und Gesundheitskursen anzutreffen (40–60), die ältesten im wissenschaftlichen Unterricht (55–75).

Im Vergleich zu früher werden die Kurse heute von etwa gleich vielen Männern wie Frauen belegt, wobei die naturwissenschaftlichen Angebote noch immer eher von Teilnehmern besucht werden und die Kurse über Kunst und Musik von Teilnehmerinnen.

Den grössten Zulauf haben Lehrgänge zum Thema Psychologie. Aber auch die Philosophie scheint viele zu interessieren. Wer will, kann sich an nicht weniger als 70 Abenden mit Hegel, Kant und Nietzsche befassen. Das Buch «Ein lernbegierig Volk. Geschichte der Volkshochschule Zürich» von Ruth Wiederkehr ist im Limmat-Verlag erschienen. Der Festakt zum 100-Jahr-Jubiläum findet am 1. November an der Uni Zürich statt.

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