In einem unscheinbaren Nebenraum hat das Kunsthaus Zürich gestern eine Ausstellung mit einem unscheinbarem Titel eröffnet: «Provenienzen im Fokus – die Erwerbungen der Grafischen Sammlung 1933 bis 1950» heisst sie – und läuft bis 22. September. So unscheinbar die Aufmachung auch erscheinen mag, es geht um eines der brisantesten Themen des Kunstbetriebs: den Handel mit Werken von Künstlern und Kunstsammlern, die zur Zeit des Naziterrors in Deutschland in Ungnade fielen und/oder fliehen mussten – weil sie als Juden verfolgt wurden oder weil ihre Kunst den Nationalsozialisten als «entartet» galt.

Zürich war damals zum einen Zufluchtsort für Verfolgte; zum andern wurde von hier aus auch Geschäfte mit Nazideutschland gemacht. Ein Paradebeispiel für Letzteres ist der Industrielle Georg Bührle, der mit Waffenlieferungen aus Oerliker Fabrikation an Deutschland damals ein Vermögen machte – und daraus unter anderem eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen finanzierte. Wenn 2021 der Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich eröffnet wird, soll die Sammlung Bührle eines der Prunkstücke darin sein.

«Kopf bei Kopf» von Edvard Munch: Das Kunsthaus kauft das Werk einem Zwischenhändler der Nazis ab.

«Kopf bei Kopf» von Edvard Munch: Das Kunsthaus kauft das Werk einem Zwischenhändler der Nazis ab.

In der gestern eröffneten Ausstellung geht es jedoch um andere Werke: Um solche nämlich, die das Kunsthaus Zürich während der Nazizeit und kurz danach erwarb. 4000 davon hat der Kunsthistoriker Joachim Sieber nun zusammen mit Silja Meyer und Simone-Tamara Nold untersucht. Das zweijährige Forschungsprojekt wurde mit Geldern des Bundesamts für Kultur finanziert. Die Resultate fasste Sieber so zusammen: «Wir haben keine Fälle von Nazi-Raubkunst, soweit unsere Recherchen betrieben werden konnten.» Zwei Drittel der Werke seien punkto Herkunft lückenlos erforscht und unbedenklich. Bei den restlichen Werken bestehe aber weiterer Forschungsbedarf. Das Forscherteam um Sieber zeigt dies in der Ausstellung an einigen Beispielen auf.

Da war etwa der norwegische Sammler Harald Holst Halvorsen. Als das Nazi-Regime im Rahmen der Aktion «Entartete Kunst» unter anderem Werke von Edvard Munch aus deutschen Museen beschlagnahmte, autorisierte es Halvorsen, diese im Ausland zu verkaufen. Fünf Jahre nach dem Untergang von Nazi-Deutschland kaufte das Kunsthaus Zürich Halvorsen die Munch-Grafik «Kopf bei Kopf» ab. Eine solche Grafik hatten die Nationalsozialisten im Rahmen der Aktion «Entartete Kunst» in der Kunsthalle Mannheim beschlagnahmt und an Halvorsen verkauft. Es könnte sich um den selben Abzug von «Kopf bei Kopf» handeln, den das Kunsthaus Zürich 1950 kaufte, hält das Forschungsteam um Sieber nun fest. Es gebe aber auch Indizien, die dagegen sprächen. «Mit dem aktuellen Recherchestand kann der Raubkunstverdacht weder ausgeräumt noch erhärtet werden», lautet ihr Fazit im Ausstellungskatalog.

«Der Teich» von Lovis Corinth: Die jüdische Witwe des Künstlers schenkte das Werk dem Kunsthaus Zürich 1935.

«Der Teich» von Lovis Corinth: Die jüdische Witwe des Künstlers schenkte das Werk dem Kunsthaus Zürich 1935.

Ein anderes Beispiel: 1941 erwarb die Zürcher Kunstgesellschaft eine umfangreiche Sammlung bei der Zürcher Galerie Neupert. Ursprünglich stammten die Bilder aus der Sammlung des jüdischen Unternehmers Otto Oppenheimer, der 1938 aus Deutschland in die Schweiz emigriert war und wenige Jahre später in die USA zog. In einem Brief beschreibt er das Geschäft mit Neupert. Er fühlte sich offenbar, um es mit einem heute allgemein verständlichen Wort zu sagen, verarscht: «Ein Züricher Kunsthändler hat mich in der Eile, es war kurz vor unserer Ausreise, noch schwer geuzt», heisst es nämlich im Brief. «Und die einzige Beruhigung ist mir heute noch: Der Kerl hat die Sammlung, wie ich später hörte, an die Kunsthalle Zürich weiter verkauft.» Gemeint ist das Kunsthaus Zürich. «Und dass sie dort ist, in dieser angesehenen Kunstgalerie, das freut mich.»

Die Beispiele zeigen: Das Kunsthaus Zürich profitierte wohl indirekt vom Naziterror, indem es Werke erwerben konnte, die ansonsten vielleicht nicht erhältlich gewesen wären. Gleichzeitig diente es auch als Helfer, der Verfolgten die Chance bot, ihren Besitz in Sicherheit zu bringen, wie aus dem folgenden Beispiel hervorgeht.

Vielschichtig verstrickt

Die jüdische Malerin Charlotte Berend-Corinth nutzte das Kunsthaus Zürich von 1933 bis 1939 als Lagerort für Werke ihres verstorbenen Ehemanns Lovis Corinth. Dies, nachdem der damalige Kunsthaus-Direktor Wilhelm Wartmann ihr nach einer Ausstellung angeboten hatte, die Bilder noch eine Zeit lang in der Schweiz zu behalten. Berend-Corinth willigte ein und fügte weiteres Frachtgut aus Deutschland hinzu – bis der ganze Nachlass ihres Gatten im Kunsthaus Zürich lagerte. Nachdem Berend-Corinth 1937 aus der Schweiz in die USA emigriert war, liess sie später die letzten Werke ihres verstorbenen Mannes 1939 aus Zürich nach New York verschiffen.

«Am Spiegel» von Otto Dix: Das Kunsthaus nahm das Geschenk nur widerwillig an.

«Am Spiegel» von Otto Dix: Das Kunsthaus nahm das Geschenk nur widerwillig an.

Kunsthistoriker Sieber, der seit April vom Kunsthaus als Provenienz-Beauftragter fest angestellt ist, weist wiederholt darauf hin, dass punkto Herkunft der Werke aus der Nazizeit noch viele Fragen offen sind. Exemplarisch dazu ist der Ausstellungstext zu Radierungen des als «entartet» verfemten Otto Dix. Das Kunsthaus erhielt sie 1942 vom Zürcher Architekten Alfred Debrunner geschenkt. Es nahm das Geschenk an, obwohl seine Sammlungskommission die Bilder als «nicht überragend und gegenständlich unerfreulich» bewertete. Zu sehen ist unter anderem eine Prostituierte in Reizwäsche vor dem Spiegel. Zu den offenen Fragen zählt laut Ausstellungstext auch jene, ob das Werk dieses «entarteten» Künstlers nicht mehr gesellschaftsfähig war – zumal Dix aufgrund des Prostituiertenbilds wegen Pornografie angeklagt war. Nahm das Kunsthaus auch deshalb das Geschenk nur widerwillig an?

Fazit nach dem Besuch dieser unscheinbaren Ausstellung: Das Kunsthaus Zürich war in die Wirren der Nazizeit wohl vielschichtiger verstrickt, als ihm lieb ist.