Leserbeitrag
Wem nützt die Stärkung der Zentren Aarau und Baden?

Alex Schneider
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Die IG zur Stärkung der Zentren Aarau und Baden behauptet, dass sich nur starke Zentren in der Schweiz durchsetzen können. Das ist lediglich ein Schein- oder Prestigeargument. Die Bedeutung der Zentren Aarau und Baden bemisst sich nach der Bedeutung ihres Einzugsgebiets. Dies gilt für das Passagieraufkommen an den Zentrumsbahnhöfen, die Kundenfrequenz in den Kernstädten und den Besuch von Kultur- und Sportveranstaltungen. Ob wir in der Rangliste der grössten Schweizer Städte mit Gemeindefusionen weiter nach vorne rücken ist höchstens für das Prestige relevant. Raum-, Siedlungs- und Verkehrsprobleme sowie die Finanzierung von Wahlinfrastruktur lassen sich selbstverständlich in einer fusionierten Grossgemeinde einfacher lösen, es fragt sich nur auf wessen Kosten.

Eine Gemeindefusion anstreben sollen jene Gemeinden, welche keine Behördenmitglieder mehr finden; keine besonderen Qualitäten zu verteidigen haben; finanziell an die Wand gefahren wurden; ihre Orts- und Verkehrsplanung nicht mehr selbständig bestimmen wollen; keine Energie mehr für Zusammenarbeitslösungen mit den Nachbargemeinden aufbringen; von grösseren Gemeinden majorisiert werden wollen oder auf die kurzfristig wirkende Unterstützung von Gemeindefusionen durch den Kanton hereinfallen.

Übrigens: Die geringsten Gemeindeausgaben pro Kopf haben im Aargau Gemeinden zwischen 2'000 bis 3'000 Einwohnern!

Aarau respektive der Kanton haben es in jüngster Vergangenheit ein paar Mal verpasst, die urbane Qualität der Stadt zu stärken: 1. Mit der Ablehnung eines Hochschulstandorts Ende der 60er-Jahre. 2. Mit der Auslagerung von wichtigen Detailhandelsanbietern an die Peripherie (Buchs, Unterentfelden, Wöschnau). 3. Mit dem Standortentscheid Brugg-Windisch für die Fachhochschule.

Mit Zusammenarbeitslösungen kann versucht werden, die Agglomerationsgemeinden für gemeinsame Infrastrukturen zu gewinnen. Vielleicht ist aber das Bedürfnis dieser Gemeinden dafür gar nicht so gross.

Die Stadt Aarau hat bei geringen Baulandreserven und geringer Überbauungsdichte die Chance zu zeigen, wie mit planerischen Massnahmen die notwendige Urbanität auch auf bereits überbautem Bauland geschaffen werden kann. Vielversprechende Ansätze dazu sind ja bereits vorhanden (Bahnhof, Torfeld, Schachen).

Zur Stärkung der Identität einer Agglomerationsgemeinde braucht es keine Fusion mit der Kernstadt; es genügt, wenn sich eine Agglomerationsgemeinde selbständig mit gestalterischen Planungsmassnahmen ein ihrer Struktur und Funktion entsprechendes identitätsstiftendes Gesicht gibt.

Zur Mitfinanzierung der Zentrumsleistungen: Natürlich profitiert die Bevölkerung der Aussengemeinden von den Zentrumsleistungen der Kernstadt. Sie kann aber bei deren Angebot nicht mitbestimmen. Und wenn sie bei einer fusionierten Gemeinde mitbestimmen könnte, bestände die Gefahr, dass sie von der Kernstadt majorisiert wird. Die Bevölkerungsstruktur der Kernstadt ist urban, jene der Agglomerationsgemeinden meist noch ländlich. In der Kernstadt gibt es neben einer alteingesessenen Elite einen grossen A-Bevölkerungsanteil (Arme, Arbeitslose, Auszubildende), der wenig Steuern bezahlt, sich aber gerne einen Wahlbedarf leistet, insbesondere im Bereich Sport und Kultur. Im Übrigen werden heute schon für einige Zentrumsleistungen Rechnungen an die Aussengemeinden geschickt.

Zu den Erschliessungskosten (inkl. Betrieb und Unterhalt): Schauen Sie sich einmal die Grossstudie “Infrastrukturkosten in der Kommunalplanung” der Herren Gilgen/Kemper des Instituts für Raumentwicklung der HSR 1999-2004 an. Sie werden staunen, wie hoch die Erschliessungskosten von verdichteten Siedlungen im Vergleich zu den Kosten in dünn besiedelten Gebieten sind.

Die Agglomerationsgemeinden mit strukturellen Qualitäten hüten sich zu Recht, sich über eine Fusion mit der Kernstadt deren Verdichtungsprobleme aufzwingen zu lassen.

Der Bezirk Baden erhielt bei den Nationalratswahlen 8 von 15 Sitzen (53 Prozent), hat aber im Aargau nur einen Bevölkerungsanteil von 22 Prozent. Im Ständerat haben wir sogar eine 100-prozentige Dominanz des Bezirks Baden! Genauso würden die Aussengemeinden von Aarau von der Kernstadt Aarau politisch dominiert werden, wenn der Aarauer Traum vom „Gross-Aarau“ verwirklicht würde. Wollen wir uns in den Aussengemeinden von der massiv grösseren Stimmbürgerschaft von Aarau vorschreiben lassen, wie unsere Bau- und Zonenordnung aussehen soll? Wollen wir unsere noch schönen Landschaften im finanziellen Interesse der urban geprägten Gemeinden noch weiter überbauen lassen? Wollen wir unsere Autonomie in Schul-, Sport- und Finanzfragen durch eine Grossfusion aufs Spiel setzen? Meines Erachtens genügt eine verstärkte Zusammenarbeit der Aussengemeinden mit der Stadt in Teilbereichen vollauf. Die Aussengemeinden sollen ihre politische Autonomie nicht aufgeben!

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