Leserbeitrag
Religionen am gemeinsamen Tisch

Aarau: Anlässlich der Woche der Religionen teilten Frauen und Männer aus Judentum, Christentum, dem Islam, dem Hinduismus und der Baha'i Kulinarisches und Geistig/Geistliches.

Marcel Siegrist
Drucken

Ist Jesus für euch auch ein Vorbild? Aber er ass doch auch kein Schweinefleisch?? An festlicher Tafel türmen sich nicht nur Leckereien aus aller Welt, sondern liebevolle Neckereien und ernsthafte Nachfragen bieten neben allerlei Kulinarischem auch geistig-geistliche Nahrung.
2. November, abends im Gemeinschaftszentrum Telli, Aarau: Eine frohe bunte Schar sitzt um einen langen Gemeinschaftstisch. Frau und Mann kostet, schnabuliert, tauscht Rezepte, diskutiert angeregt. Anlässlich der ?Woche der Religionen? lud der Aargauer interreligiöse Arbeitskreis des Kantons Aargau ?airak? zu Tisch; gut 50 Interessierte aus dem Aargau und aus angrenzenden Nachbarkantonen folgten der Einladung zur "geistigen und kulinarischen Begegnungsreise".
Liebe geht durch den Magen. Will sagen, Emotionen, Erinnerungen, das sprichwörtliche "Bauchgefühl" - sie alle haben auch zu tun mit Gerüchen, mit Geschmack, mit dem, was auf den Tisch kommt. Und so geht gewissermassen eben nicht nur die Liebe durch den Magen, sondern auch die Religion. Der Duft des Fastenbrechenes durchzog den Raum, wenn eine Frau schilderte, wie in ihrem Ursprungsland einzelne Daten verbunden sind mit speziellen Düften und Traditionen. Nicht anders als hierzulande, wenn auch bei uns die allgegenwärtige Kommerzialisierung manchen Festkalender durcheinander bringt. Ostereier, ursprünglich eben erst nach Ostern zu geniessen, werden heute just in der vorösterlichen Fastenzeit vermarktet.
Die unterschiedlichen Düfte und Geschmacksrichtungen sind aber selten religionsspezifisch, sondern haben mehr zu tun mit Kultur und Mentalität. Verschiedene leckere persische Reisgerichte verströmten entsprechend mehr den Duft grosser, alter Kultur - nicht anders als wie christliche Osterzöpfe aus dem Balkan plötzlich als jüdisches Festgebäck wiedererkannt wurde.
Auch Religion also geht sozusagen durch den Magen. Das zeigt sich, dass die meisten Religionen Regeln und Gesetze kennen, im Umgang mit den Speisen. Exemplarisch erklärte dies ein Jude für seine Tradition.
Ähnlich und doch ganz anders im Hinduismus. Dort ist vor allem der Fleischverzehr selten, die meisten Hindus sind Vegetarier ? und wenn es auch Ausnahmen gibt, Rindfleisch bleibt absolut tabu. Ja, wie ist das denn nun mit dem Schweinefleisch? Jesus ass bekanntlich selber keines. Und Petrus musste gleichsam mit einer Vision nachgeholfen werden. Nie wär es ihm in den Sinn gekommen, nicht koscher zu essen.
Pikant: Nach seiner Vision in Joppe, dass alles zu essen erlaubt sei, setzt er sich nicht zu Tisch, sondern begibt sich zum heidnischen Kornelius. Nicht WAS ich esse, ist entscheidend, sondern mit WEM ich Tischgemeinschaft pflege. Nicht was der Mensch zu sich nimmt, sondern was er von sich gibt (in Worten und Werken), das bleibt letztlich entscheidend. Ein achtsamer Umgang mit den Speisen kann uns dabei sensibler machen.
Die reichgedeckte Tafel, Gespräche und Austausch quer durch Religionen und Kulturen, bereichert durch kurze Impulse aus den religionen Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Baha'i, dies alles war ein gelungenes Beispiel für verbindende Tischgemeinschaft.
Es funktioniert übrigens auch weniger festlich, mit einer schlichten Karaffe Wasser: Immer am 15. des Monats am interreligiösen Stammtisch in Aarau, oder am 16. in Baden. Infos unter www.airak.ch

(thomas markus meier)

Aktuelle Nachrichten