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Wunderbares Wasser

Anja Kroll
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(chm)

Trinkwasser – wie selbstverständlich fliesst es aus dem Hahn. Dahinter steckt allerdings einiges: Hundertausende von Jahren geologischer Prozesse beeinflussen unser Wasser ebenso wie die aktuelle Landnutzung. Die Grünstadtwanderung von Anfang Mai beleuchtete die Fakten und bot Raum für kontroverse Diskussionen.

Text: Stefan Zantop, Fotos: Marion Sonderegger

Rund dreissig Interessierte fanden sich am Niederlenzer Waldrand zum Start der kurzen, erhellenden Wanderung ein. Bestes Wetter begleitete den Anlass am Samstagnachmittag. Nach einer kurzen Einführung durch die Organisierenden erläuterte Dr. Daniel Schaub die geologischen Hintergründe und bot Einblicke in die verborgenen Grundwasserströme. Diese folgen den voreiszeitlichen Flusstälern und sind teils von mächtigen Kiesschichten bedeckt. «Grundwasser fliesst langsam, kaum einige Meter pro Tag», so Schaub. Dies wird bei der Festsetzung der Schutzzonen rund um die Fassungen berücksichtigt. «Auf Havarien, beispielsweise einen Ölunfall, kann somit noch rechtzeitig reagiert werden.» Die Anreicherung des Grundwassers geschieht vor allem im Winter, da während der Vegetationsperiode die Pflanzen das anfallende Regenwasser grösstenteils direkt wieder aufnehmen.

Während Schaubs Referat zu keinen grossen Diskussionen Anlass bot, standen die Erläuterungen von Dr. Irina Nüesch im Brennpunkt der aktuellen Kontroverse rund um die kommenden Abstimmungen zur landwirtschaftlichen Bodennutzung und zur Belastung des Trinkwassers mit Abbauprodukten von Chlorothalonil. Dieses Pflanzenschutzmittel ist seit 2020 in der Schweiz verboten. Noch werden ein paar Jahre verstreichen, bis die Substanz und deren Metaboliten ausgewaschen sein werden. Unser Trinkwasser bleibt also noch eine Weile belastet – wobei die Belastung in vielen Fällen zwar über dem Grenzwert, aber sehr weit unter der Wirkungsschwelle im menschlichen Körper liegt; dieser Wertebereich wird als Vorsorglichkeitsspanne bezeichnet. Kontrovers diskutiert wurde unter anderem die Frage, ob hochtechnische und nur noch für wenige Jahre nötige Massnahmen zur Reduktion bestimmter chemischer Spuren angemessen seien oder nicht. Spätestens an diesem Punkt wurde erkennbar, wie heikel eine Güterabwägung gerade rund um unser wichtigstes Lebensmittel ist, und die Diskussion erweiterte sich ins Gesellschaftspolitische. Irina Nüesch blieb bei ihrem Fach. Sie erläuterte die Qualitätsdimensionen, nach denen Trinkwasser beurteilt wird: Geruch, Geschmack, Aussehen, chemische und mikrobiologische Reinheit. Letztere, so Nüesch, ist am häufigsten gefährdet. Dennoch: Mehr als die Hälfte des in der Schweiz geförderten Grundwassers kann ohne jede Aufbereitung ins Netz eingespeist werden.

Patrick Steiger, bei den Städtischen Werken unter anderem zuständig für die Wasserversorgung, bot Einblick in das regionale Versorgungsnetz und ermöglichte den staunenden Gästen einen Blick in die Tiefen des Hardwaldes bis ins Grundwasser. Die Fassung Hard II, gleich neben dem Kantonsmittelpunkt gelegen, fördert bis zu 18’000 Liter Wasser pro Minute und ist damit eine der grösseren Anlagen schweizweit. 18’000 Liter: Das sind etwa 100 Badewannen pro Minute. Der Verbrauch in Lenzburg liegt bei etwa 4500 Kubikmetern täglich, wobei die Industrie die grösste Abnehmerin ist. «Eine Besonderheit von Hard II: Die Fassung besteht aus sternförmig angeordneten Horizontalfilterbrunnen. Dies ist eine seltene, aufwendige, aber besonders leistungsfähige Bauart», so Steiger.

Zum Schluss konnten drei sehr unterschiedliche Wässer degustiert werden: ein vollständig entmineralisiertes Wasser, ein «Durchschnittswasser» mittlerer Härte sowie ein hochmineralisiertes Quellwasser aus dem unteren Fricktal, welches einen höheren Salzgehalt aufwies als die meisten Mineralwässer. Erstaunlich, diese Unterschiede! Die Meinungen zur Geschmacksqualität waren geteilt; kein Wunder, prägt doch das in den ersten Lebensjahren konsumierte Wasser das Qualitätsempfinden massgeblich.

Immer wieder im Raum stand die Erkenntnis, wie wichtig ein intakter Boden ist für die Qualität des Trinkwassers. Abertausende Bakterien und Pilze bauen Schadstoffe ab, viel effizienter als jede technische Lösung dies könnte. Dem Boden widmet die nächste Grünstadtwanderung Aufmerksamkeit. Diese findet statt am Samstagnachmittag, 29. Mai. Nähere Informationen sind unter gruene-lenzburg.ch zu finden.