Leserbeitrag
Als Hebamme im Herzen von Afrika

Anita Panzer
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Sabrina Schipani

Gespannt schauen 44 Augenpaare auf die Leinwand, auf der ein Kurzfilm gezeigt werden soll. Die Technik funktioniert nicht, wie sie sollte. Für die Hebamme Sabrina Schipani ist improvisieren kein Fremdwort: Sie bittet die Anwesenden kurzerhand zu sich und so sitzt, kniet und steht eine aufmerksame Gästeschar um ihren Tisch und schaut sich den angesagten Film im Kleinformat auf dem Laptop-Bildschirm an.

Was ist hier falsch?
Die beschriebene Situation hat sich nicht am Afrikanischen Einsatzort der von Médecins sans frontières MSF engagierten Hebamme abgespielt, sondern an einer vom Katholischen Frauenbund Aarau KFA organisierten Veranstaltung im Kirchensaal an der Poststrasse in Aarau. Zwar entsprechen Aus- und Weiterbildungen des Entbindungspersonals einem wichtigen Aufgabengebiet von MSF. Damit tragen alle MSF-Projekte der Tatsache Rechnung, dass in vielen Krisengebieten – ob chronischen oder akuten – Mutter und Kind besonders gefährdet sind. Die Dienstleistung eines Laptops hingegen wäre in Gety untauglich, gibt es doch für die rund 10‘000 dort Lebenden weder ein Stromnetz noch fliessendes Wasser. Die Technik im Aarauer Kirchensaal hatte sich in der Zwischenzeit ergeben, sodass die Anwesenden zu den spannenden Ausführungen von Frau Schipani auf Stühlen sitzend den Bildern auf der Leinwand folgen konnten.

Die Hebamme arbeitete mit einer Kinderärztin und einer Pflegefachfrau zusammen. Das medizinische Team war in Gety, im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, für vier regional stationierte Gesundheitszentren und die Geburtsabteilung des Regionalspitals zuständig. Eines der Gesundheitszentren war zu Fuss erreichbar, für die anderen mussten Autofahrten von mindestens einer halben bis eineinhalb Stunden pro Weg eingerechnet werden. Die Dauer der Fahrt war nicht zuletzt auch von ungeteerten, in Bachbette verwandelten und umgestürzten Bäumen belegten Strassen abhängig. Zum Glück konnte sich das Team auf gewissenhafte und ortskundige Chauffeure verlassen!

Zu jedem ärztlichen Team gehören auch die Logistiker von MSF: Sie kommen dann zum Einsatz, wenn bauliche Massnahmen angegangen werden müssen. Wenn beispielsweise gereinigte Operationsinstrumente auf einem Tisch unter freiem Himmel für die Sterilisation mit dem angewehten Sand verpackt werden, ist der Sand nach der Sterilisation zwar keimfrei, eignet sich jedoch nicht unbedingt als Zugabe beim Operieren. In diesem Fall haben die Logistiker den Bau eines von Wind und Wetter geschützten Häuschen veranlasst. Oder den Bau von Zweitritten aus Holz: Damit die eher klein gewachsenen Kongolesinnen ohne Schwierigkeiten auf die vorhandenen, aber wegen ihrer Grösse kaum benutzten Gebärstühle steigen können!

Dies ein winziger Ausschnitt aus 100 Minuten Hebammenalltag in der DR Kongo. Einem riesigen Vielvölkerstaat, der - bedingt durch jahrzehntelange Rohstoff-Ausbeutung und anhaltende Bürgerkriege - heute zu einem der ärmsten Länder der Welt gehört. Eine eindrucksvolle, bewegende Veranstaltung, die die Besuchenden mit 500 Franken verdankten, die der Katholische Frauenbund Aarau KFA für die not-wendende Arbeit an MSF überweisen kann.

Text: Arlette Marti-Gertiser, Präsidentin Katholischer Frauenbund Aarau KFA