Wo Katholiken neben Muslimen ruhen

In der ehemaligen französischen Kolonie wird Toleranz grossgeschrieben. Muslimische Kinder werden an katholischen Schulen unterrichtet, und am Ende ihres Lebens werden die Menschen unabhängig vom Glauben nebeneinander bestattet. Am Schnittpunkt zwischen Magreb und Schwarzafrika bieten sich Europäern ungeahnte Begegnungen.

Eva Novak
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Auf dem Friedhof auf der Nebeninsel von Fadiouth liegen alle Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander. (Bild: Eva Novak)
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Ideal zum Entschleunigen: Hotelschiff Bou El Mogdad. (Bild: Sabine Biedermann)
Saint Louis, die älteste Stadt Afrikas. (Bild: Sabine Biedermann)
Stets ein Lächeln auf den Lippen: Frauen in Saint Louis. (Bild: Sabine Biedermann)

Auf dem Friedhof auf der Nebeninsel von Fadiouth liegen alle Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander. (Bild: Eva Novak)

Mein «Bonjour» lässt er unbeantwortet, der ältere Mann, der im Flugzeug nach Dakar auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Die tiefschwarze Haut kontrastiert mit dem weissen, nachthemdartigen ­Gewand und der grünen Strickmütze. Er schlürft seine Cola und scheint zu ­missbilligen, dass ich mit meinem Wein gleich verfahre. Bis sein Nebenmann an ihm vorbei will. Der Mürrische weiss nicht wohin mit seinem Getränk. Ich biete per Handzeichen den Platz neben dem Weinbecher auf meinem Klapptisch an. Da verzieht sich der Mund zu einem ­Lächeln, aus dem düsteren Gesicht strahlen mich perlweisse Zähne an.

Wir kommen ins Gespräch. Ich oute mich als Journalistin, er sich als «Marabu». Das ist nicht einfach ein Vogel, wie ich bis dahin glaubte, sondern auch und vor allem ein Geistlicher. Dieser kommt aus dem dschungelbewachsenen Süden Senegals. Und wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal schneebedeckte Berge zu sehen. Er sagt das in abgehacktem Französisch, bei dem ich bei jedem zweiten Satz nachfragen muss. Trotzdem erfahre ich viel – etwa, wie man auf dem Landweg, über Wasser oder in der Luft in den Süden gelangt. Bei der Landung sind wir die besten Freunde.

Der Flughafen bestätigt so ziemlich jedes Vorurteil. Chaos pur, nichts rührt sich. Es sieht aus, als werde es Stunden dauern. Weit gefehlt. Unser Schweizer Reiseleiter schafft es mit seiner jahrzehntelangen Afrikaerfahrung – und vermutlich mit der richtigen Menge Bakschisch, platziert am richtigen Ort –, dass wir zehn Minuten später draussen stehen. Mein neuer Freund betreibt derweil mit einem Akazienzweig Zahnpflege. Dass ich den schrägen schwarzen Vogel im weissen Gewand nochmals sehen würde, weiss ich da noch nicht.

Sein Ziel ist tropengrün, unseres im trockeneren Norden des Landes eine Mischung aus Beige, Ockergelb, Rostbraun und Grau. Die dezente Komposition in Naturfarben ergibt den idealen Hintergrund, um die knalligen Kleider der Frauen (und am Freitag der Männer) so richtig zur Geltung kommen zu lassen.

Vom Turngerät bis zum Sessel: Neues Leben für alte Reifen

Wir können uns nicht sattsehen. Fahren an Menschen vorbei, die auf alten Reifen sitzen, welche nach dem xten Aufgummieren nicht mehr für den ihnen ursprünglich zugedachten Einsatz taugen. Also werden sie eingegraben, um als Absperrung zur Fahrbahn zu dienen. Als Turngerät für Kinder, als Sessel für morgendliche Frauenkränzchen. Der senegalesischen Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt.

In Afrika wird nichts weggeworfen, in Afrika wird alles repariert, klärt uns Reiseleiter Mohamed auf, der eine Zeit lang in Genf gelebt hat. Er kehrte zurück in sein Land, das – selten genug in Afrika – über keine Kriegstradition verfügt. Weder einen Bürgerkrieg noch Religionskriege gab es in Senegal. Vielleicht, weil sich die Leute beim Ringkampf abreagieren, dem senegalesischen Nationalsport. Oder weil viele der Moslems, die 95 Prozent der Bevölkerung stellen, ihre Kinder in die Schulen der katholischen Minderheit schicken, die als seriöser gelten.

Aber ob Moslem oder ob Katholik, an die Naturreligion beziehungsweise den Animismus glauben beide. Egal, ob man sich die Liebe der Angebeteten sichern, eine Krankheit heilen oder den Nachbarn verwünschen will: Man geht zum Marabu. Selbst die Fussballmannschaft verfügt über ein spirituelles Budget.

Die gelebte Toleranz spüren wir auf Fadiouth, einer aus Muscheln erbauten Insel mit 6000 vorab katholischen Einwohnern, umgeben von Mangroven, in denen angeblich Seekühe leben, die sich aber leider nicht zeigen. Umso sichtbarer ist der Friedhof auf der Nebeninsel, auf dem jede Religion Platz findet. Auf den katholischen Gräbern steckt ein Kreuz, auf den muslimischen ein Halbmond. Wo beides fehlt und sich nur ein Hügel erhebt, liegt ein Anhänger der ­Naturreligion begraben, obwohl: «Auf Fadiouth sind wir alle Animisten», klärt uns Lamini auf. Der ehemalige Radiojournalist und jetzige Fremdenführer hat als Moslem keinerlei Berührungsängste mit der katholischen Kirche. Er gesteht, auch schon mal einen Gottesdienst ­besucht und eine Hostie gekostet zu ­haben, um die andere Religion besser zu verstehen.

Die Fahrt durchs Land bietet immer neue, ungewohnte Bilder. Mal beherrschen Akazien mit ihren fedrigen Ästen die Szene, mal reiht sich Baobab an ­Baobab. Der Nationalbaum Senegals – knorrig, bauchig, weich. Unverwechselbar. Südlich von Dakar, beim neuen Flughafen, wimmelt es nur so von diesen Affenbrotbäumen. Einige sollen über tausend Jahre alt sein. Gross genug, um hineinzuklettern, sind sie allemal. Andere dienen als stehende Särge für die Griots, die Sänger und Musiker Westafrikas.

Immer wieder Ziegen – auf den Strassen und mitten in der Stadt

Je südlicher wir kommen, desto röter wird die Erde, desto autoleerer die Autobahn. Dabei war schon rund um Dakar nicht viel los, denn die Autobahn kostet was, ganz wie bei der ehemaligen Kolonialherrin Frankreich. Am Strassenrand bieten Bauern Früchte und Erdnüsse in allen Varianten feil – geröstet, süss, salzig. Dazwischen immer wieder Ziegen, auf der Strasse, neben der Strasse, die abseits der Hauptachsen schon mal zur Piste wird. Auch mitten in Dakar, der Hauptstadt, die einer Baustelle gleicht. Wir Touristen fragen uns, ob gebaut oder abgerissen werde. Die Einheimischen wissen, dass es meist ersteres ist. Man schichtet Ziegel auf Ziegel, so lange das Geld reicht. Weitergebaut wird, wenn man Jahre später wieder liquid ist.

Highlight der Reise ist jedoch nicht Dakar. Auch nicht die Sanddünen in der Wüste, wo wir in Beduinenzelten übernachten und Kamele an Kaktusfeigen naschen. Weder die malerische Insel ­Gorée, von der Millionen Sklaven unter unvorstellbarem Leid nach Amerika verschifft wurden, noch die traumhaften Strände. Sondern Saint Louis.

Als wir uns der ältesten Kolonialstadt Afrikas nähern, lassen die Plastikabfälle Schlimmes erahnen. Der Berg an Unrat, der sich vor jeder senegalesischen Ortschaft häuft, ist hier besonders hoch. Eine schier endlose Reihe reich dekorierter Pirogen lenkt aber den Blick auf ­Malerischeres. Sie gehören zum Fischerviertel Guet N’dar, in dem sich auf einer Landzunge gegen 30 000 Menschen auf einem Viertel Quadratkilometer drängen. Frauen, Männer, Kinder, Esel, Ochsen, Ziegen, Schafe – dahinter Fischköpfe, Fischschwänze, ganze Fische, in Salz, in Öl, luftgetrocknet. Das Wort Dichtestress bekommt neue Bedeutung.

«Mobile Polygamie» als Lösung für Schlaf und Beischlaf

Der Regierung ist Guet N’dar ein Dorn im Auge. Den Bewohnern ist das egal. Sie richten sich mit Kind, Kegel und Schaf ein, und sind die Häuser noch so klein. Geschlafen wird im Schichtbetrieb, beigeschlafen nach dem System der mobilen Polygamie: Ein Mann hat vier Frauen, aber nur Platz für eine. Also wechseln sie sich ab. Eine Frau schläft ein, zwei Nächte bei ihrem Mann, den Rest der Woche verbringt sie im Elternhaus, dann kommt die nächste.

Am Markt N’dar Toute gleich daneben ertönt aus einem Uralt-Verstärker Reggae, vom Minarett ruft via Lautsprecher der Muezzin. Und da ist er plötzlich wieder, «mein» Marabu. Sein Foto hängt, umrahmt von Schuhen, bei einem Erdnuss- und Sandalenverkäufer an der Wand. Als ich ihn fotografieren will, wird der Besitzer ungehalten und verjagt mich. Später bereut er das bitterlich, als er erfährt, dass ich sein Idol nicht nur getroffen, sondern auch einen Flug lang mit ihm gesprochen und am Ende sogar seine Hand geschüttelt habe. Diese Hand möchte er unbedingt berühren.

Afrika für Einsteiger – und Fortgeschrittene

(eno.)Im Senegal trifft der Maghreb auf Schwarzafrika. Ideal für Reisende, die all diese Facetten erleben, sich auf Französisch verständigen und dabei sicher fühlen wollen – gerade auch für Afrika-Einsteiger. Grossraubtiere in freier Wildbahn sucht man zwar vergeblich. Ansonsten hat das Land aber kulturell, kulinarisch und landschaftlich enorm viel zu bieten.
Beste Reisezeit: Spätherbst und Frühling bis April, danach kann es im Landes­innern schwülheiss werden. Badeferien sind das ganze Jahr möglich, zum Beispiel in den Bungalows des «Ocean ­Savane Lodge & Camp» in Tare oder im «Lamantin Beach» in Saly, einem Hotel der gehobenen Klasse mit geschmackvoll eingerichteten Bungalows im afrikanischen Rundhüttenstil.
Souvenirs: Afrikanische Masken, Kultgegenstände, sowie Holz- und Messingfiguren aller Art bieten sich an. Egal ob neu, alt oder auf alt gemacht: Sie kosten einen Bruchteil des Vergleichbaren im touristisch weit stärker entwickelten Ostafrika. Auf dem Markt von Saint Louis kann man sich für vergleichsweise wenig Geld und innert kürzester Zeit afrikanische Gewänder schneidern lassen.
Essen: Die Küche zeichnet sich durch gut gewürzte, schmackhafte Speisen aus, insbesondere Fisch und Meeresfrüchte. In allen Formen auf den Tisch kommen Süsskartoffeln – sei es als Brei, als Pommes frites oder als Chips.
Sicherheit: Attentate gab es im Senegal noch keine. Dennoch ist es ratsam, Zeit für Sicherheitskontrollen einzuplanen.
Diese sind omnipräsent und für unsere Begriffe nicht besonders effizient, immerhin bleiben die Sicherheitsleute stets freundlich.
Anreise: Sehr gute Flugverbindungen ab Zürich oder Genf bietet Royal Air Maroc über Casablanca. Ebenfalls bedient wird Dakar von Iberia über Madrid, Brussels Airlines via Brüssel und Tap Air Portugal über Lissabon. Die Gesamtreisezeit beträgt rund neun Stunden. Direktflüge von der Schweiz aus gibt es nicht. 

Doch die ist mit ihrer Trägerin längst an Bord der «Bou el Mogdad», einem Hotelschiff, das auf dem Senegal, dem Grenzfluss zu Mauretanien, gemächlich in Richtung Landesinneres tuckert. Links mauretanisches Schilf, rechts senegalesisches Schilf. Entschleunigende, beruhigende Monotonität. Ich schlürfe meinen Drink und wähne mich auf ­Humphrey Bogarts «African Queen». ­Irgendwie auch in der Ostsee, wäre da nicht hin und da ein Reisfeld.

Eine gute Gelegenheit, um Vorurteile zu hinterfragen. Wie jenes, dass nichts klappe auf dem schwarzen Kontinent. Auf unserer Reise durch Senegal hat alles, aber auch wirklich alles geklappt. Selbst das Einloggen ins WLan funktionierte auf Anhieb. Die Menschen arbeiteten so speditiv, als sässe ihnen ein Schweizer Vorarbeiter im Nacken. Uns Europäern begegneten sie stets mit einem Lächeln auf den Lippen, ob nun ein «Bonjour, comment allez-vous» rauskam oder ein «Salam aleikum». ­ So, denke ich, müsste Afrika sein.

Die Reise wurde von Let’s Go Tours, dem Schweizer Afrika-Spezialisten, unterstützt.

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