Hitparade der Namen

Wir heissen nicht Mia oder Lea: Wie es sich als Odilia, Hansruedi und Doris lebt – unsere Redaktoren erzählen

Weich und rund mit vielen Vokalen kommen aktuell die meisten Kindernamen daher.

Weich und rund mit vielen Vokalen kommen aktuell die meisten Kindernamen daher.

Liam, Emma und Mia dominieren die Namenshitparade seit Jahren. Doch wie lebt es sich mit Namen, die weniger eingängig sind?

Alle Jahre wieder klingen die Babynamen so schön, wenn das Bundesamt für Statistik verkündet, welche Vornamen Neugeborenen besonders gerne verpasst werden. Liam und Mia, Sophia und Matteo, Lara und Luca, Lina und Leo, Anna und Louis sind auch dieses Jahr unter den Top Ten.

Alles Namen so rund wie kurz. Sanft in ihrem Klang, voller As, Es, Ms und vor allem Ls. Die Nullerjahre haben die Kindernamen weich gewaschen wie einen Babystrampler. Der Li-La-Launebär, Prinzessin Lillifee und Lars der kleine Eisbär haben ihre Spuren hinterlassen.

© CH Media

Pippi und Annika sind gerade nicht so angesagt. Die eckigen und kantigen Buchstaben sind aus der Statistik fast verschwunden. Weit und breit kein Christian, keine Karin. Dafür L-Namen im Überfluss. Und das seit mehr als zehn Jahren. Zwar mussten Luca, Lara, Levin und Laura ihre Spitzenplätze abgeben, aber das L schwingt trotzdem noch obenauf. Auch M- und A-Namen gewinnen an Beliebtheit.

Denn Schweizer Eltern geben ihren Kindern gerne geschmeidige, dem Zeitgeist angepasste und einfach auszusprechende und zu schreibende Namen. Macht ja alles Sinn.

Dass Mann und Frau aber auch sehr glücklich werden kann mit einem Namen, der etwas aneckt, anders klingt oder von dem niemand weiss, wie man ihn schreibt, davon erzählen fünf Redaktoren und Redaktorinnen.

Doris: Zu jung für den eigenen Namen

Doris Kleck.

Doris Kleck.

«Hast du unter deinem Namen gelitten?», die Frage einer Bekannten machte mich baff. «Nein», sagte ich. Und liess es dabei bleiben. Und doch geht mir diese Frage nicht mehr aus dem Kopf. Als Kind fand ich meinen Namen zwar nicht schön, ich hätte auch lieber Sandra geheissen oder Andrea oder Martina. Wie man eben in den 80er-Jahren hiess. Aber weitere Gedanken habe ich mir nicht darüber gemacht.

Der Vorname ist schliesslich die Wahl der Eltern und man gewöhnt sich einfach daran. Klar, Leute sind erstaunt, wenn sie mich das erste Mal treffen. Sie erwarten eine deutlich ältere Person, so um die 60. Schliesslich erlebte Doris seinen Höhepunkt 1959, 606 Mädchen erhielten damals diesen Namen. Danach ging es drastisch runter. In meinem Geburtsjahr waren es noch 96, und seit 13 Jahren erhielt kein einziges Mädchen mehr diesen Namen.

Klar verrät mein Name auch: Ich komme vom Land und aus einem konservativen Elternhaus. Ich finde aber: Doris Kleck tönt stimmig, kurz und prägnant. Und ich muss meinen Vornamen mit fast niemandem teilen. Immerhin hat mich mein altertümlicher Vorname davor bewahrt, meinem ältesten Sohn einen L-Namen zu geben. Doris & Loris im gleichen Haushalt? Nein, das geht gar nicht. Mein Sohn wird es mir noch danken. Oder meinen Eltern.

Federico: Der Drang zum zusätzlichen R

Federico Gagliano.

Federico Gagliano.

Ich zucke immer leicht zusammen, wenn ich in einem Mail, Brief oder im Gespräch mit «Frederico» angesprochen werde. Ich verstehe ja, woher der Drang zum zusätzlichen R kommt – schliesslich ist mein Name, Federico, ja nur die italienische Version von Friedrich. Und Frederico ist auch keine Schweizer Eigenkreation – sondern die portugiesische Version des Namens. Alles Jacke wie Hose also? Für mich nicht.

Frederico ist schlicht und einfach nicht mein Name. Als Kind habe ich mich deshalb immer furchtbar aufgeregt, wenn ich mit dem verhassten «Frederico» angesprochen wurde – was meist zum noch verhassteren Spitznamen «Fredi» führte. Mit Fredi habe ich mich noch heute nicht angefreundet, was meine Bekannten nur allzu gut wissen (ich höre sie schon rufen!). Doch inzwischen lasse ich gelegentlich ein «Frederico» durchgehen – natürlich nicht, ohne leicht zusammenzuzucken.

Odilia: Ein Name mit Würde und Bürde

Odilia Hiller.

Odilia Hiller.

Einen Vornamen – diesen Vornamen – zu tragen, den es nur ganz selten gibt, erachte ich als Privileg. Ich kann meinen Eltern dafür nur ein Kränzlein winden. Auch weil ich weiss, wie viele Gedanken sich vor allem meine Mutter darum gemacht hatte. Sie erklärte mir, Odilia enthalte den althochdeutschen Wortstamm «Od», was so viel bedeute wie «kostbares Geschenk».

Als spätgeborene Nachzüglerin fand ich das eine nette Geste, mich so zu bezeichnen. Obwohl es als Kind Würde und Bürde bedeutet, sich ständig als solches zu erweisen. Auch wie die Prinzessin im Märchen, in dem meine Mutter dem Namen begegnete, fühle ich mich bis heute nicht durchgehend. Oder nicht wie die Heilige Odilia, die als Schutzheilige über dem Elsass wacht, einen bösen Vater hatte und ein Kloster gründete.

Was ich aber weiss: Anlässlich der Wahl meines Vornamens wurde auf Melodie, Klang und Rhythmus im Zusammenspiel mit dem Nachnamen geachtet. Ein Umstand, dem nicht alle Eltern Rechnung tragen, die sich zu exotischen Namen versteigen. Und einer der Gründe, weshalb ich lieber sterben würde, als meinen Vor- oder Nachnamen aufzugeben. Bis heute ist mir niemand begegnet, der genauso heisst wie ich. Dass vor meiner Geburt auf dem Weg ins Spital angeblich noch gewerweisst wurde, ob ich Claudia oder Odilia heissen sollte, zeigt, dass ich in vieler Hinsicht ein Glückspilz bin.

Hansruedi: Der Bünzli mit der Familienehre im Namen

Hansruedi Kugler.

Hansruedi Kugler.

In der Romandie bin ich Ans oder Jean, in Deutschland der Rudi, und wenn es ganz schlimm kommt, der Hansi. Mein Vorname ist der Inbegriff herziger Biederkeit: Hansruedi – so heissen doch nur Schweizer Bünzlis! Will doch niemand sein, als Jugendlicher auf Identitätssuche schon gar nicht! Dachte ich früher, litt darunter und war recht böse über die Einfältigkeit meiner Eltern. Denn deren Fantasie war bei der Namensgebung des Viertgeborenen aufgebraucht.

Ihnen fiel nichts Besseres mehr ein, als die Vornamen von Grossvater und Vater zusammenzukleben. Hans und Ruedi, ha, und fertig ist der neue Name. Lieber wäre ich ein cool-charmanter Alex, ein witzig-rauhbeiniger Sven – oder leicht exotisch: ein Ramon, mindestens aber ein Francois gewesen. Eben: pubertäre Selbstzweifel in der Selbstfindungsphase, in der sowieso alles falsch scheint. Und in der man noch an die unheilvolle Magie und den vermeintlichen Zement von Zuschreibungen und Wörtern glaubt. Als Hansruedi – lebenslang eingeschlossen ins Bünzlitum?

Es hat ein paar Jahre gebraucht, bis ich das als Quatsch erkannt und als kleinen Baustein in der persönlichen Emanzipation überwunden habe. Und dem Zorn auf die Eltern einem grosszügigem Schmunzeln wich. Und namentlich Familienehre zu verkörpern, ist ja auch ganz nett. Viele Kulturen ehren die Ahnen allerdings mit dem zweiten Vornamen des eigenen Kindes. Finde ich dezenter und sympathischer. Macht man es später selber besser? Jedenfalls anders. Deshalb taufte ich meine jüngere Tochter Sofie, die Weise.

Janick: Es wäre möglich, den Namen richtig zu schreiben

Janick Wetterwald.

Janick Wetterwald.

Ganze 16 Schreibweisen listet Wikipedia zu meinem Vornamen auf. Ich fürchte, das ist Rekord, und darum verdient, wer meinen Vornamen beim ersten Mal richtig schreibt, meinen Respekt. Ich muss mit all den Varianten von Yanik, Yannik, Yannick, Janik über Jannick leben. Meine Eltern haben sich wohl keine grossen Gedanken gemacht, als sie mich so tauften. In den 1990er-Jahren erlebten wir Janicks ein Allzeithoch. Dass wir es nicht ganz nach vorne an die Tabelle geschafft haben, liegt wohl allein an unserem Variantenreichtum.

Besonders nerve ich mich ab einem «Hallo Janik» in der Anrede eines Email. Mein korrekt geschriebener Name steht doch in der E-Mail­ Adresse – nur schauen und abschreiben oder rauskopieren. Es geht noch schlimmer: Ein Kollege hat es geschafft, meinen Namen in der Autorenzeile zu einem meiner Texte falsch zu schreiben. Ich habe ihm verziehen. Es gibt aber Überraschungen: Vor kurzem war ich sehr erstaunt, als in einem Restaurant das Reservierungsschild ganz korrekt mit «Janick» angeschrieben war. Fazit: Es ist möglich, meinen Namen auf Anhieb richtig zu schreiben.

Anna: langweilig, aber gut

Anna Miller.

Anna Miller.

Mein Name ist Anna, ich bin damit ziemlich zufrieden. Er strahlt klassische Beständigkeit aus und ist doch kurz und simpel genug, dass er nicht altbacken wirkt. Alles, was die Kameraden in der Primarschule an Bosheit mit ihm anzufangen wussten, war die Frage: Was passiert, wenn man Anna unter die Dusche stellt? Sie wird Ananas! Die Kinder fanden das sehr lustig, ich weniger. Konnte mich aber damit trösten, dass es ein paar Bestseller in Buchform mit meinem Namen gibt: «Hallo Mister Gott, hier spricht Anna» etwa, und ein paar Kitschromane mit Annas, die gut tanzten und noch besser Klavier spielten. Insofern ganz in Ordnung.

Früher hätte mein Name mich sogar englische Königin werden lassen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wer heute etwas auf sich hält und sichergehen will, dass der eigene Nachwuchs auch in Zukunft in den Wirren der Aufmerksamkeitsindustrie Bestand hat, muss dem kleinen Menschen rechtzeitig einen grossen Namen geben. Beyoncé nennt ihre Tochter dann Blue Ivy, benannt nach einem Baum auf der kroatischen Adria-Insel Hvar. Kanye West und Kim Kardashian entscheiden sich mit dem Namen North für eine Himmelsrichtung, und Starkoch Jamie Oliver gibt seinen vier Kindern die Namen Petal Blossom Rainbow, Poppy Honey, Daisy Boo und Buddy Bear Maurice Oliver.

In der Schweiz wären sie wohl alle einen Kopf kleiner, sobald sie eingeschult werden. Hier gibt man sich gerne durchschnittlich, sogar, wenn man gar nicht müsste. Hier heissen die Berühmtesten Luca, Melanie oder Roger, wie die Kinder unserer Nachbarn, und deshalb mögen wir sie so gerne. Dann schauen wir Fernsehen und sagen: Schau, unser Roger, unser Luca, unsere Stars. Wir heissen alle gleich langweilig, aber das ist doch eigentlich sehr schön.

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Autor

Katja Fischer De Santi

Autor

Hansruedi Kugler

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