Rückblick
Der Grossvater der Smileys verdiente an seiner Erfindung nur 45 Dollar – trotzdem blieb er ein Leben lang positiv

Harvey Ball, der Erfinder des Smiley, wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Reich wurde der Werbedesigner mit seinem Geistesblitz nicht.

Welf Grombacher
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Smiley-Erfinder Harvey Ball 1998 in seinem Atelier in Worcester.

Smiley-Erfinder Harvey Ball 1998 in seinem Atelier in Worcester.

Bild: AP/Keystone

Die einfachsten Ideen sind oft die besten. Ein treffendes Beispiel dafür lieferte der Amerikaner Harvey Ross Ball (1921–2001). Vier Jahre nachdem er in Worcester, einer Stadt in Massachusetts, seine kleine Firma mit dem Namen «Harvey Ball Advertising» gegründet hatte, erhielt der Werbedesigner 1963 von einer grossen Versicherungsgesellschaft den Auftrag, die Stimmung der Belegschaft aufzuheitern. Sie war am Boden, nachdem die State Mutual Life Assurance Company die kleinere Guarantee Mu­tual Company of Ohio in einer feindlichen Übernahme geschluckt hatte.

Die Angestellten befürchteten Entlassungen. Was also tun? Die Versicherungschefs planten, der Angst entgegenzuwirken, indem sie an die Arbeitnehmer hundert Ansteckbuttons, die für gute Laune sorgen sollten, verteilen lassen. Was darauf zu sehen sein sollte, das war Harvey Balls Job.

Ob er den Auftrag nicht ganz ernst genommen hat oder ob er der Meinung war, dass der erste Einfall immer der beste ist? Auf jeden Fall setzte sich Ball hin und zeichnete mit schnellen Strichen einen gelben Kreis mit zwei Punkten und einem Halbkreis darin. Keine zehn Minuten hatte er gebraucht, fertig war der Smiley. Die Anstecker mit dem gelben Grinsen wurden ein Erfolg. Nicht nur bei der Belegschaft. Bald wurden sie an Kunden verschenkt, und es gingen Bestellungen aus dem ganzen Land ein. Harvey Ball hatte einen Nerv getroffen und eine Ikone der Moderne erschaffen.

Symbol bei den Hippies und der Partyszene

Ende der 60er und Anfang der 70er trugen Hippies bei Anti-Vietnamkrieg-Demos die gelben Buttons. In den 80ern auf Acid-House-Partys waren bunte Ecstasy-Pillen mit dem Grinsegesicht bedruckt, sodass grössere Kaufhausketten aus Angst vor Imageschäden sämtliche Smiley-Produkte aus dem Sortiment nahmen.

Auf der ganzen Welt ist der Smiley eine beliebte form für Ecstasy-Pillen.

Auf der ganzen Welt ist der Smiley eine beliebte form für Ecstasy-Pillen.

Bild: Keystone

Und Ende der 90er, mit dem Aufkommen der Smartphones, bekamen Smileys Familienzuwachs in Form der Emojis. Gemäss Google gibt es heute mehr als 3000 dieser Zeichen. Die meisten gehen in irgendeiner Form auf die Smileys zurück. Mit gutem Recht kann Harvey Ball also auch als Grossvater der Emojis gelten.

In diesen Tagen wäre er 100 geworden. Schon als Kind verdiente er sich bei einem Schildermaler ein paar Cent zum Taschengeld dazu. Nach der Highschool studierte er Kunst an der Worcester Art Museum School. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er in Japan und kam als verdienter Veteran zurück. Er blieb ein paar Jahre beim Militär, bis er als Angestellter in einer Werbeagentur anheuerte und sich 1959 schliesslich selbstständig machte.

Ein einmaliges Honorar von 45 Dollar erhalten

Reich wurde Harvey Ball mit seinem Geniestreich im Übrigen nicht. Für seinen Entwurf des Smiley bekam er ganze 45 US-Dollar als Honorar. Weil er versäumt hatte, sich seine Erfindung patentieren zu lassen, blieb es dabei, während andere sich eine goldene Nase verdienten. Beispielsweise die Brüder Bernard und Murray Spain, die in den frühen 1970ern mehr als 50 Millionen Buttons und andere Produkte mit dem Smiley verkauften.

Oder der französische Journalist Franklin Loufrani, der positive Nachrichten in der Zeitung «France-Soir» mit Smileys kennzeichnete und, durch den Erfolg angestachelt, sich die kleinen Kerle patentieren liess. Um keinen gerichtlichen Streit mit dem Erfinder zu riskieren, änderte er deren Gesichter leicht ab.

Im historischen Museum in Worcester in den USA wird genau erklärt, wie man ein Original von Harvey Ball erkennt.

Im historischen Museum in Worcester in den USA wird genau erklärt, wie man ein Original von Harvey Ball erkennt.

Bild: Garchy at English Wikipedia

Renommierte Firmen wie Levi’s, oder Agfa zahlten beträchtliche Summen an Loufranis Firma The Smiley Company, die in mehr als 100 Ländern die Rechte besitzt. Laut dem «Spiegel» existierten 2011 etwa 400 Smiley-Lizenznehmer in mehr als 100 Ländern, deren jährliche Umsätze bei etwa 100 Millionen US-Dollar liegen. Harvey Ball schaute sich das lange an. «Ich kann nur ein Steak auf einmal essen und nur ein Auto auf einmal fahren», lautete seine Devise. Er sagte auch:

«Wenn ich meine Grundbedürfnisse erfüllt habe, will ich an die anderen denken, denen es nicht so gut geht.»

1999 gründete er seine World Smile Corporation und rief den jeweils im Oktober stattfindenden «World Smile Day» aus, ein Tag, der «dem Lächeln und freundlichen Taten» gewidmet sein soll. Die Einnahmen aus dem Verkauf seiner Smileys in den USA, wo Loufrani kein Copyright besitzt, stiftete er für wohltätige Zwecke. So war am Ende sein Lachen eben doch nicht käuflich.

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