Wetter
Nach der Sibirischen Kälte folgen eisige Strassen und Lawinen

Der kälteste Punkt in diesem kurzen Jahr liegt in einem Kaltluftsee in der Ostschweiz. Nach den frostigen Temperaturen kommen nun verbreitet Schneeflocken bis in die Niederungen. Die Lawinengefahr wird gross.

Bruno Knellwolf
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Die Bäche, wie hier der Wissbach im Thurgau, frieren zu. Doch nun wird es wärmer.

Die Bäche, wie hier der Wissbach im Thurgau, frieren zu. Doch nun wird es wärmer.

Stephan Lendi

Die Kälte ist den Schweizerinnen und Schweizern durch Mark und Bein gefahren. Schon länger liegt Polarluft über der Schweiz, die vom Nordpol und aus Sibirien zu uns geführt worden ist. Nicht nur in die Schweiz, sondern deutlich weiter südlich bis nach Spanien, wie Andreas Stutz von Meteo Schweiz erklärt.

Die extreme Kälte zieht knapp an uns vorbei

Nun ist es nach Stutz mit der Kälte vorerst mal vorbei. Dabei hatten die Wettermodelle noch vor kurzem eine extreme Kälteperiode vorausgesagt für kommende Woche. Der aussergewöhnliche Kältestreifen zieht Mitte Januar nun aber östlich an uns vorbei und reicht dann von Russland bis in den Stiefel Italiens. Bei uns treffen eine Kalt- und eine Warmfront zusammen, was heute zuerst Schnee in tiefe Lagen bringt, der bald in Schneeregen und Regen übergeht. Wieviel und wie lange Schnee fällt, ist nach Stutz noch unsicher. Während heute die Schneefallgrenze auf 600 bis 1000 Meter ansteigt, wird es in der Nacht auf Donnerstag wahrscheinlich bis vor unsere Haustüren schneien.

Das Nass gefriert am Boden, der Schnee häuft sich

Gefährlich wird es schon am Mittwoch, wenn das Nass vom Himmel auf den kalten Oberflächen gefriert. Aufgrund des vielen Schnees wird sich diese Woche gemäss dem Schnee- und Lawinenforschungsinstitut SLF die Lawinensituation verschärfen. Am Mittwoch steigt die Lawinengefahr mit Neuschnee und Wind in der Nacht markant an. In den Hauptniederschlagsgebieten des Nordens und im Unterwallis sind spontane Lawinen zu erwarten. Auch tagsüber sind die Lawinenverhältnisse kritisch, Wintersportler können sehr leicht Lawinen auslösen. In der Nacht auf Donnerstag wird verbreitet die grösste Gefahrenstufe 4 erreicht werden.

Aussergewöhnlich ist diese Kälte im kältesten Monat des Jahres natürlich nicht, Jahrzehnte brauche man nicht zurückzugehen, um auf solche Winterkälte zu stossen, sagt deshalb Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz. «Aber in den letzten Jahren war es im Januar nur noch selten kalt», ergänzt Felix Blumer von SRF Meteo und schaut noch weiter zurück. Zwei grössere Kältewellen im Januar gab es gemäss dem SRF-Meteorologen Mitte der 1980er-Jahre. Im Januar 1985 und im Januar 1987 war es über Tage extrem kalt. «Am 12. Januar 1987 gab es beispielsweise im thurgauischen Tänikon einen Tiefstwert von -29,9 Grad», sagt Blumer.

Kälterekord ist 33 Jahre alt

Der offizielle Rekord in der Schweiz datiert auch von jenem Tag. Damals wurden in La Brévine im Jura -41,8 Grad gemessen. Dieser Wert wurde nachträglich sogar noch auf -42,5 Grad korrigiert, welcher sich mit den heutigen Messsystemen ergeben hätte. «Die letzte längere Kältewelle erlebten wir im Februar 2012. Damals gingen die Temperaturen im Mittelland in Tänikon zum Beispiel auf -22,7 Grad zurück», sagt Blumer.

Generell ist der Jahresbeginn also etwas milder, aber trotzdem kalt. Am besten spürt und misst man das in Kältelöchern, wo Meteorologen ihre Messgeräte aufstellen, um Kälterekorde zu jagen. Andreas Stutz von Meteo Schweiz bezeichnet Kältelöcher als Badewannen, in denen sich die absinkende kalte Luft sammelt.

Je grösser die Mulde ist und je geschlossener, desto besser eignet sie sich für einen Kaltluftsee. Felix Blumer sagt:

«Optimale Kältelöcher sind die Dolinen in Karstlandschaften mit einem unterirdischen Abfluss.»

Da kalte Luft schwerer ist als warme, fliesst diese immer an den tiefstmöglichen Punkt. «Im Jura gibt es also mehrere Kaltluftlöcher. In der Ostschweiz die immer wieder erwähnte Alp Hintergräppelen und auch der Sämtisersee, dann Samedan oder die Glattalp im Muotatal. In weniger extremer Form auch die Wetterstation Tänikon bei Aadorf im Thurgau, der Flughafen Kloten, Andermatt im Urserental oder Ulrichen im Goms.

La Brévine ist der Eisschrank der Nation

Als kältester Punkt der Schweiz gilt dabei das extreme Kälteloch La Brévine, das vor allem auch deshalb oft erwähnt wird, weil in der Senke gleich neben einem Dorf schon sehr lange eine Messstation steht. «In den letzten Tagen war aber nicht La Brévine der Eisschrank der Nation», sagt Felix Blumer. Erst heute Morgen sei das Kälteloch seinem Ruf gerecht geworden mit -28 Grad Celsius. «In diesem Jahr haben wir die bisher tiefste Temperatur in Sameden gemessen mit -28,3 °Grad am Sonntag», sagt Bader von Meteo Schweiz. Getoppt wurde das aber vom Kaltluftsee auf der Alp Hintergräppelen mit -33.1 Grad. Das ist allerdings kein Messwert des nationalen Wetterdienstes, sondern von einem Meterologen, der dort privat eine Messstation betreibt.