Wohnen
Vintage und Shabby-Chic: Gewohnt wird heute im Gestern

Die Nostalgie hat Hochkonjunktur. Die aktuellen Einrichtungen orientieren sich an vergangenen Zeiten mit Vintage- und Shabby-Chic-Möbeln. Was unsere Mütter und Grossmütter in ihren Wohnungen schon schätzten, ist wieder voll im Trend.

Silvia Schaub
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Das gute Gefühl der Nostalgie hat Hochkonjunktur. Wir kochen nach den Rezepten unserer Mütter und Grossmütter, finden Schwingen und Trachten wieder populär und blättern in Zeitschriften wie «Landlust» oder «Landliebe».

Und darum herum hat sich eine richtiggehende Vergangenheitsindustrie gebildet. Am stärksten drückt sich dies im Wohnbereich aus.

Wirft man einen Blick in die aktuellen Einrichtungskataloge, stösst man überall auf Altbekanntes. Tischchen, Stühle, Lampen und Regale erinnern an Stücke unserer Eltern, die wir bis vor kurzem noch als altmodisch und bieder betrachteten und nun plötzlich wieder ganz apart finden. So zukunftsorientiert wir ansonsten auch leben: Gewohnt wird heute im Gestern.

Ausstellungen

Neue Räume 13 Internationale Interior Design Messe, ABB Event Halle 550, Zürich Oerlikon, bis 1.12., Fr 12-21 Uhr, Sa 10-21 Uhr, So 10-18 Uhr.
Design+Design - Salon für Vintage-
Möbel, Kunsthaus Zürich, grosser
Vortragssaal, Sa, 30.11., 10-20 Uhr,
So, 1.12., 10-17 Uhr.
Vintage - Design mit bewegter Vergangenheit, Museum für Gestaltung
Zürich, bis 6. April 2014.

Vintage hat viele Gesichter

Auch ein Gang über die aktuelle Interior-Messe «Neue Räume 13» in Zürich zeigt, dass Möbelklassiker wieder zuhauf neu aufgelegt werden und Formen aus den 50er- und 60er-Jahren gefragt sind: Nierentischchen, Ohrensessel, liebliche Sofas.

Sie alle sind nicht mehr wuchtig, sondern kommen abgespeckt daher und passen deshalb wieder in ganz normale Wohnungen. Die hellen nordischen Hölzer werden durch Walnuss, Kastanie oder Eiche abgelöst.

Während man sich in den 90ern noch vorwiegend mit minimalistischer Neuware ausstattete, taucht in den letzten Jahren immer häufiger der Begriff Vintage auf. Vintage hat viele Gesichter und ist schon lange nicht mehr nur eine Bezeichnung für einen guten Weinjahrgang.

Als Adjektiv versteht man darunter altmodisch, traditionell, aber auch erlesen. Vintage steht für eine Wertsteigerung, die ein Objekt durch Alterung, Selektion und eine daraus resultierende Verknappung erfährt.

Das Neue also darf alt und gebraucht sein – oder soll zumindest so aussehen. Kratzer und Gebrauchsspuren sind willkommen und gelten nicht mehr als Makel. Statt properen, aalglatten Aussehens und ewiger Jugend sollen die Stücke eine Geschichte erzählen.

Möbel werden künstlich gealtert

Und dort, wo keine vorhanden ist, lässt man die Möbel eben künstlich altern. Das ist heute alles industriell möglich. Schränke sehen aus, als ob sie schon bei der Urgrossmutter im Zimmer gestanden hätten.

Die Vorhangstangen werden so rostig gemacht, als hätte man sie jahrelang im Regen stehen gelassen.

Die Ausstellung «Vintage» im Zürcher Museum für Gestaltung zeigt in einem Film, wie neu hergestellte Alltagsprodukte in aufwendiger Handarbeit einen sogenannten Used-Look erhalten und so zum Shabby Chic werden.

Anfangs waren die Designklassiker mit Patina noch Liebhaberobjekte einzelner Sammler und Spezialisten.

Wer das richtige Auge hatte, fand solche Trouvaillen auf Flohmärkten, in Secondhandläden oder im Sperrmüll. Mittlerweile hat sich daraus eine ganze Branche entwickelt, die alte Klassiker zu Preisen verkauft, die nicht selten diejenigen von neuen Möbeln übersteigen. Sammler tauschen sich über Plattformen wie www.designaddict.com oder www.retrostrat.com aus.

Mit Geschichte auseinandersetzen

Es geht den Käufern nicht nur ums Objekt an sich, sie zelebrieren damit auch einen konsumkritischen und geschichtsbewussten Umgang mit Designerware.

«Diese Entwicklung folgt einem Megatrend: dem Streben nach materieller, aber auch ästhetischer Nachhaltigkeit», stellt Joan Billing fest.

Die Designerin und Trendberaterin hat mit ihrem Partner Samuel Eberli vor bald zehn Jahren den Vintage-Salon Design + Design ins Leben gerufen.

«Vintage-Möbel bieten auch die Möglichkeit, sich auf eine lebendige Art mit Kultur und Geschichte auseinanderzusetzen.»

Unsere Gesellschaft scheint geradezu süchtig nach dieser Reise in die Vergangenheit.

Wohl auch deshalb, um der undurchschaubaren Gegenwart etwas entgegenzusetzen. Da will man definitiv keine seelenlose Dutzendware, sondern etwas, das schon seit Jahren Bestand hat.

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