Unwetter
Eine Hagelschneise zieht sich über die Schweiz und richtet grosse Schäden an

Tennisballgrosse Hagelkörner verbeulten am Montag Autos und schlugen Scheiben ein, was zu vielen Totalschäden führte. Beträchtliche Schäden entstanden auch an Gebäuden und in der Landwirtschaft. Auf dem Gemüsemarkt wird man die Folgen des Hagels bald spüren. Dieser Juni ist ein aussergewöhnlicher Gewittermonat.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen
Der Hagel am Montag hat in der Schweiz viele Autoscheiben zerschlagen, so wie hier in Bulle.

Der Hagel am Montag hat in der Schweiz viele Autoscheiben zerschlagen, so wie hier in Bulle.

Cyril Zingaro /Keystone

Der Hagel kommt plötzlich. Soeben erst hat sich am Montag der Himmel eingetrübt, schon prasseln die ersten Hagelkörner auf das Glasdach des Sitzplatzes. Der schweizweite Hagel vom Montag zieht sich über weite Teile der Schweiz und die Hagelexperten des Versicherers Axa melden riesige Schäden.

Sie schätzen, dass allein das montägliche Unwetter 15500 Schäden verursacht hat mit einem finanziellen Schaden von 73 Millionen Franken. Die bis zu tennisballgrossen Hagelkörner verbeulten Autos und schlugen Scheiben ein. Zudem entstanden auch beträchtliche Schäden an Gebäuden und an Hausrat, zum Beispiel durch überschwemmte Keller. In diesem Gewitterhaften Monat wird eine Schadensumme von 143 Millionen Franken erwartet.

Millionen-Schäden bei Obst und Gemüse

Schäden gibt es auch in der Landwirtschaft. «Bis gestern rechnet die Schweizer Hagelversicherung mit einer geschätzten Schadensumme an Kulturen von rund 2 Millionen Franken bei 250 Schadenmeldungen», sagt Beatrice Rüttimann vom Schweizer Obstverband. Da etliche Obstproduzenten ihre Kulturen nicht oder nur teilweise versichert haben, ist die Schadensumme effektiv höher.

Auch beim Gemüse sieht es nicht besser aus. «Die Situation ist je nach Region unterschiedlich», sagt Michael Amstalden vom Verband Schweizer Gemüseproduzenten. Es gibt vor allem im Seeland hohe Ausfälle bei Salate und Kohlgemüse, bei Blumenkohl, Broccoli, Kabis, Kohl und weiteren Gemüsen. Auch Langzeitkulturen wie Zwiebeln sind betroffen. «Auf dem Markt wird man die Konsequenzen der Unwetter in den nächsten Wochen spüren. Das gesamte Ausmass der Schäden kann noch nicht abgeschätzt werden», sagt Amstalden.

Aussergewöhnliche Gewittertätigkeit im Juni

Die Gewittertätigkeit im Juni ist gemäss Meteo Schweiz aussergewöhnlich. Was wohl auch damit zu tun hat, dass der Juni 2021 der viertwärmste seit Messbeginn 1864 ist. Seit dem 18. Juni ziehen besonders kräftige Gewitter mit Starkniederschlägen, Hagel und Sturmböen über die Schweiz. Schon am 20. Juni hat sich eine Hagelschneise durchs Land gezogen vom Genfer- bis zum Bodensee. Erfasst wurde nach Stephan Bader von Meteo Schweiz dabei eine Fläche von 4500 Quadratkilometern.

Flächenmässig gehöre dieses Ereignis somit zu den grossen Hagelereignissen. Dieses wurde am Montag nun aber noch mit einer grösseren Hagelfläche überboten. «Am Montag umfasste die Hagelfläche knapp 9000 km2. Damit war es flächenmässig das zweitgrösste Ereignis in der ab 2002 verfügbaren Datenreihe», sagt Bader.

Je höher die Gewitterwolke, desto grösser die Hagelkörner

Diesmal waren die Hagelkörner bis zu 7 Zentimeter gross. «Die Heftigkeit von Hagelschlägen hängt von den atmosphärischen Bedingungen ab», sagt Bader dazu und erklärt, wie es zu solchen grossen Hagelkörnern kommt. Je grösser der Temperaturunterschied zwischen der Luft an der Erdoberfläche und der höheren Atmosphäre ist, umso besser kann die Gewitterwolke wachsen. Je höher die Gewitterwolke in die Atmosphäre aufsteigt, um so kräftiger kann die Hagelbildung sein. In Höhen von 5 bis 12 Kilometern herrscht nämlich auch im Hochsommer eisiger Frost von 10 bis 50 Grad unter Null.

Werden nun die in grossen Höhen ursprünglich aus Eiskristallen entstandenen Hagelkörner mehrmals durch die kräftigen Gewitteraufwinde wieder in diese Frostzone emporgeschleudert, wachsen sie stetig und es können auch mehrere Hagelkörner zu grossen Klumpen zusammenfrieren. So wie das am Montag der Fall war. Diese Vorgänge können sich mehrmals wiederholen, bis die Hagelkörner so schwer geworden sind, dass sie der kräftige Aufwind nicht mehr zu tragen vermag und sie endgültig zu Boden prasseln. Bader sagt:

«Das grösste jemals gefundene Hagelkorn fiel laut historischen Quellen wohl am 2. August 1927 in Faustgrösse vom Schweizer Himmel – mit einem Durchmesser von etwa 13 Zentimetern.»

Hageltage sind in der Schweiz aber generell nichts Aussergewöhnliches. Durchschnittlich gibt etwa 33 Hageltage pro Sommerhalbjahr. Als Hageltag gilt, wenn schweizweit eine Fläche von mindestens 100 km2 betroffen ist. «In diesem Sommer gab es in der Schweiz bisher 13 Hageltage, die alle im Juni auftraten», sagt Bader. Letztmals mehr Hageltage im Juni lieferte das Jahr 2017 mit 14.

Da können dieses Jahr also noch einige dazukommen, denn Hagelsaison ist zwischen Juni und August. Ob es in den nächsten Wochen wieder starke Gewitter und Hagel gibt, kann der Meteorologe Bader nicht sagen. «Gewitterprognosen über eine so lange Zeit sind nicht möglich», sagt Bader.

Seltene Heftigkeit der Gewitter

Die Gewitter in diesem Monat waren aber auf jeden Fall stark. «Im Verlauf der anhaltenden Gewitterlage mit mildfeuchter Luft aus Südwesten ab dem 20. Juni gab es lokal innerhalb von 30 Minuten oder einer Stunde Regenmengen, die über lange Zeit betrachtet nur alle 30 bis 50 Jahre erreicht oder überschritten werden», erklärt der Klimatologe von Meteo Schweiz. Bei den Gewitterniederschlägen der letzten Tage handelte es lokal oder regional um nicht alltägliche Ereignisse. «Lokal ist ihre Heftigkeit durchaus als selten zu beurteilen», sagt Bader.

Aktuelle Nachrichten