Unbekannte Geschichte
Wie Zürcher Warenhäuser vor dem Weltkrieg unter dubiosen Umständen den Besitzer wechselten

Spätestens seit dem Fall Bührle wissen wir: Mit Fluchtkunst zu handeln, ist problematisch. Doch wie stehts mit Immobilien? Zwei Käufe aus der Zürcher Warenhauswelt um 1940 geben Einblick in das Geschäftsklima von damals und in die bis heute herrschende Doppelmoral.

Karl Lüönd
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Das Warenhaus Brann, Bahnhofstrasse in Zürich 1926. Die Besitzerin hat entschieden, es in «Swiss Life Brannhof» umzubenennen.

Das Warenhaus Brann, Bahnhofstrasse in Zürich 1926. Die Besitzerin hat entschieden, es in «Swiss Life Brannhof» umzubenennen.

Bild: Wilhelm Pleyer

Zürich streitet um die im neuen Kunsthaus ausgestellte Sammlung Bührle. Im aufgeregten Disput werden die höchsten Töne angeschlagen und nebenbei noch ein paar alte Rechnungen erledigt. Wie immer erliegen viele Gefechts­teilnehmer der Versuchung, die damaligen Verhältnisse (1938–1945) «ex nunc» (d.h. mit dem Wissensstand und dem moralischen Gepäck von heute) zu beurteilen. Während die damals Verantwortlichen «ex tunc» handeln mussten, das heisst mit dem Wissen und dem Horizont, der ihnen damals zur Verfügung stand: in einem von Nazimächten eingeschlossenen Kleinstaat mit begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten ins Ausland und mit der Faust der Erpresser im Nacken.

Damals entschieden die Nazi­verbrecher, wie viel Getreide und Kohle die eingeschlossene Schweiz erhielt und was diese dafür zu leisten hatte. Schon frühere historische Studien haben gezeigt, dass der geschäftstüchtige Emil Bührle seine Kanonen nicht aus der Schweiz nach Nazideutschland ­geschmuggelt, sondern sie mit Wissen, Billigung und zeitweilig mit Ermutigung der damaligen Schweizer Regierung exportiert hat.

Millionen von Fluchtgut im Handel

Zur gleichen Zeit, als Emil Bührle aktiv war, haben sich mitten in Zürich, an bester Citylage, um die Warenhäuser Brann und Jelmoli Tragödien abgespielt, die bis heute nur in der historischen Fachliteratur wahrgenommen worden sind. Die Tatsachen sind vergleichbar. Doch niemand hat sich empört, niemand hat Fragen gestellt. Wie bei Bührle geht es um Fluchtgut.

Seit mehr als einem Jahr werden die Liegenschaften Bahnhofstrasse 75 und 79 umgebaut. Ihre Besitzerin ist seit 2001 Swiss Life, die frühere Renten­anstalt. Die grösste private Grundeigentümerin im Lande hat beschlossen, das früher «Oscar Weber» genannte Warenhaus in Zukunft «Swiss Life Brannhof» zu nennen. Bis 2023 soll ein über 100 Millionen Franken schweres Erneuerungsprogramm realisiert werden.

Mit der neuen Benennung wird an den Kaufmann Julius Brann (1875–1961) erinnert, der 1896 in Zürich am Talacker sein erstes «Engros-Lager» eröffnete.

Erfolgreicher Kaufmann im Fadenkreuz der Politik: Julius Brann (1875–1961).

Erfolgreicher Kaufmann im Fadenkreuz der Politik: Julius Brann (1875–1961).

Bild: zvg

Der am 23. Juni 2021 von Swiss Life veröffentlichte Pressetext zeigt, dass die Bauherrschaft über den brisanten zeitgeschichtlichen Hintergrund durchaus im Bilde ist, diesen aber verschweigt. Statt klarer Informationen bietet der Pressetext nur Geschwurbel an:

«Dieses historische Erbe dient als Inspiration für den ‹Swiss Life Brannhof›, der den Pioniergeist aus der Gründerzeit mit in die Gegenwart und die Zukunft der Zürcher Bahnhofstrasse nimmt.»

Die im Aufdecken sonst so eifrige Zürcher Lokalpresse war bis jetzt entweder zu unkundig oder zu faul, den ­offen zugänglichen Fakten nachzu­gehen. Soeben hat die Historikerin ­Angela Bhend die Wissenslücke in kompetenter und überzeugender Weise ausgefüllt. Im November ist ihre solide dokumentierte Doktorarbeit in Buchform erschienen. Nur zwei Zeitungen haben bis jetzt darüber berichtet.

Angela Bhend: Triumph der Moderne. Jüdische Gründer von Warenhäusern in der Schweiz 1890–1945, Chronos- Verlag, Zürich 2021

Angela Bhend:
Triumph der Moderne. Jüdische Gründer von Warenhäusern in der Schweiz 1890–1945, Chronos- Verlag, Zürich 2021

Dem Kaufmann Julius Brann widerfuhr am Ende der 1930er-Jahre nichts anderes als politische Willkür und schliesslich der Zwang, sein Eigentum unter dem Druck der bevorstehenden Flucht nach Amerika und bei denkbar schwierigen Marktverhältnissen «weit unter seinem Wert» zu verkaufen, wie die Autorin Bhend schreibt, ohne freilich Zahlen zu nennen. Gerüchteweise war immer wieder von vier Millionen Franken die Rede.

EPA löste antisemitische Schmutzkampagne aus

Zusätzlich zu seiner klassischen Warenhaus-Kette hatte Julius Brann 1930 in Zürich, Genf und Lausanne die Billig-Warenhäuser Einheitspreis AG (EPA) eröffnet, an der auch Maus Frères SA und die deutsche Karstadt AG beteiligt waren. Ihre aggressive Niedrigpreis-Politik hatte grossen Erfolg beim krisengeplagten und entsprechend preis­empfindlichen Publikum, was den Zorn der Kleinhändler erregte. Entsprechend heftig war deren Protest gegen die neue Konkurrenz. Politischen Rückenwind erhielten sie von Gewerbeverbänden und den dem Ständestaat zugeneigten Katholisch-Konservativen. Ein Teil der Sozialdemokratie schwieg mit Rücksicht auf die ihnen nahestehenden ­Konsumvereine.

Der auf Notrecht gegründete dringliche Bundesbeschluss vom 14. Oktober 1933 enthielt ein Verbot der Eröffnung und Erweiterung von Warenhäusern, Kaufhäusern und Einheitspreisgeschäften. Entgegen den lauten Warnungen von Persönlichkeiten wie dem Zürcher Ständerat Emil Klöti und dem Staatsrechtslehrer Zaccaria Giacometti erklärte das Parlament diesen Beschluss als dringlich und entzog ihn damit dem Referendum. 1938 wurde zusätzlich eine Sondersteuer für Warenhäuser von zwei und für Einheitspreisgeschäfte von drei Prozent vom Umsatz eingeführt. Der Warenhausbeschluss galt bis 1945.

Ein der gewerblich-konservativen grossen Koalition willkommener Nebeneffekt dieser politisch breit abgestützten Operation war, dass zugleich die 1925 von Gottlieb Duttweiler gegründete Migros getroffen werden konnte, die damals gerade zur Expansion in die Westschweiz ansetzte. Deshalb griff auch der wirtschaftsorientierte Freisinn nicht ein, denn ihm war es recht, wenn die markenartikelfeindliche Migros zurückgebunden wurde. Duttweiler hat später wiederholt erklärt, der Willkürakt der Parlamentsmehrheit habe ihn zuerst zum Einstieg in die Politik (Landesring, 1935) und nachher zur Expansion in andere Branchen gezwungen.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler wurde trotz Opposition Nationalrat – und später dann Ständerat.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler wurde trotz Opposition Nationalrat – und später dann Ständerat.

Bild: Keystone

In der Folge wurden immer wieder die Fassaden und Schaufenster von EPA-Geschäften mit Hakenkreuzen und Klebern verschmiert, auf denen dasselbe stand wie draussen im Reich: «Kauft nicht bei Juden!» An einer Massenkundgebung im Februar 1937 forderten 4300 Händler und Handwerker in Lausanne die jüdischen Warenhausbesitzer ultimativ auf, ihre Einheitspreisgeschäfte «sofort zu liquidieren und wegzureisen».

Verängstigte Juden entschlossen sich zur Flucht

Die Angst auch in jüdischen Kreisen ging so weit, dass der damalige Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Saly Mayer, seine Glaubensgenossen Brann und Maus ermahnte, «sich zu mässigen und sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft bewusst zu werden». Julius Brann wies diese Zumutung zwar zurück, aber er fürchtete um sein Leben und das seiner Familie. Am Ende eines erfolgreichen Geschäfts­lebens musste er froh sein, überhaupt noch einen Käufer für seine Unternehmen zu finden. Es handelte sich um einen seiner prominenten Lieferanten: Oscar Weber (Metallwarenfabrik Zug, Verzinkerei Zug) fürchtete um seine wichtigsten Wiederverkaufsstellen.

Fast spiegelbildlich dasselbe Szenario ereignete sich wenig später um das Warenhaus Jelmoli, das 1919 in den Besitz jüdischer Zürcher Kaufleute (u.a. Silvain Brunschvig, Sigmund Jacob, Julius Wolf) übergegangen war. Auch diese Eigentümer mussten zuschauen, wie im benachbarten Deutschland Hunderte von jüdischen Betrieben «arisiert», d.h. enteignet wurden.

Als Erster floh Brunschvig, damals 64 Jahre alt, in die USA. Darauf verhafteten die Nazis in Holland und Deutschland seinen Schwiegersohn, seine zweite Tochter und deren Mann unter der Anklage von angeblichen Devisenvergehen. Das war ihr Standardverfahren. Über einen Schweizer Anwalt bezahlte Silvain Brunschvig ein Lösegeld von 50000 Dollar an ein «Devisenschutzkommando», worauf die drei Personen freigelassen wurden.

Der Jelmoli an der Zürcher Bahnhofstrasse war schon im Jahr 1940 gut besucht.

Der Jelmoli an der Zürcher Bahnhofstrasse war schon im Jahr 1940 gut besucht.

Bild: Keystone

Skrupellose Nutzniesser ?

Der Verleger Paul August Ringier (1876–1960) kannte die Jelmoli-Hauptaktionäre seit Jahren bestens; sie gehörten ja zu seinen besten Kunden. Entgegen dem allgemeinen Wirtschaftsverlauf hatte Ringier in der Krisenzeit Hochkonjunktur, u.a. weil Tausende von Abonnenten deutscher Illustrierter zu Schweizer Zeitschriften überliefen. Ringier kaufte in mehreren Schritten die Mehrheit von 51 Prozent an Jelmoli. Auch er wollte eine wichtige Kundenbeziehung schützen, denn der zweimal jährlich erscheinende Jelmoli-Versandkatalog war neben den Telefonbüchern der grösste Druckauftrag in der Schweiz und wurde seit 1910 von Ringier besorgt. Die anderen 49 Prozent von Jelmoli übernahm die Bankgesellschaft und parkte sie in ihren frühen Liegenschaftenfonds.

Schon 2010 haben die Historiker Peter Meier und Thomas Häussler die Vorgänge um Jelmoli in allen Details veröffentlicht. Die öffentliche Reaktion war auch in diesem Fall gleich null.

Peter Meier/Thomas Häussler: Zwischen Masse, Markt und Macht. Das Medienunternehmen Ringier im Wandel (1833–2009) 2 Bände, Chronos-Verlag, Zürich 2010

Peter Meier/Thomas Häussler:
Zwischen Masse, Markt und Macht. Das Medienunternehmen Ringier im Wandel (1833–2009) 2 Bände, Chronos-Verlag, Zürich 2010

Waren Oscar Weber und Ringier demnach skrupellose Nutzniesser der Judenverfolgung? Auch aus heutiger Sicht lässt sich ein solches Pauschalurteil nicht vertreten. Man kann Weber und Ringier gut verstehen. Sie waren ja nicht bloss Kapitalisten, sondern auch Patrons, die sich für ihre Angestellten verantwortlich fühlten. Allein Brann beschäftigte rund 1000 Personen. Und ihre Unternehmerrisiken waren nicht gering, «denn die Warenhäuser waren in der breiten Bevölkerung so unpopulär, mitunter gar verhasst, dass daraus für Ringier unmittelbar ökonomische Folgen hätten erwachsen können». (Meier/Häussler). An den Finanz­märkten war die Warenhausbranche sowieso seit Jahr und Tag untendurch.

1970 wurde die Jelmoli-Beteiligung bei schlechter Börse für 150 Millionen Franken an die Schweizerische Kreditanstalt verkauft. Mit dem Erlös wurden die drei Töchter von Paul August Ringier ausbezahlt, sodass die Familie von Hans Ringier in der Folge die alleinige Kontrolle über das grösste Schweizer Druck- und Verlagshaus besass.

Auf lange Sicht war Ringiers Beteiligung an Jelmoli ein glänzendes Geschäft.

Swiss Life will die Geschichte dokumentieren

Vor zwanzig Jahren, als Swiss Life (ex Rentenanstalt) die Liegenschaften der Oscar Weber Holding übernahm, herrschte Freude. Der damalige CEO Manfred Zobl jubelte, es sei ein «einmaliger Glücksfall, so viele Liegenschaften an allerbester Lage erwerben zu können. Sie bedeuten eine einzigartige Verstärkung unseres bereits heute umfangreichen Immobilien- Portefeuilles.» Es waren 39 Liegenschaften in 23 Städten, alle an hervorragenden Zentrumslagen (Bellevue, Bahnhofstrasse, Sihlporte Zürich, Marktgasse Bern, Gerbergasse Basel usw.)

Jetzt wird der alte «Oscar Weber» an der Zürcher Bahnhofstrasse nach einem neuen Nutzungskonzept umgebaut und nach dem Gründer der gleichnamigen internationalen Warenhausgruppe «Brannhof» genannt. «Mit unserer Namensgebung wollen wir unsere Wertschätzung für seine Leistung als Unternehmer und Erbauer dieser tollen Immobilie zeigen,» sagt Christian Pfister, der oberste Kommunikationsleiter des Konzerns im vergangenen Juni. Er verlor aber kein Wort darüber, dass Julius Brann sein blühendes Unternehmen samt den  Liegenschaften verkauft hat, weil er aus Angst vor den Nazis nach USA fliehen wollte. «Die jüdische Herkunft des Warenhausgründers ist uns bekannt,» versichert Pfisterheute auf Anfrage . «Wir rückten diese aber nicht in den Fokus.»

Zunächst sah es so aus, als wollte Swiss Life die Tragik der Brann-Geschichte elegant umfahren.

Doch jetzt sagt Christian Pfister: «Wir sind möglicherweise historisch nicht gründlich genug gewesen und haben auch dank Ihrer Anfrage etwas gelernt. Derzeit diskutieren wir intern, wie wir die Hintergründe des damaligen Handels auch für die heutigen Besucher des Hauses angemessen dokumentieren können, nach wie vor in der Absicht, den Pioniergeist dieses Unternehmers zu ehren. Dafür bleibt noch ausreichend Zeit. Der Brannhof soll im Herbst 2023 eröffnet werden.

Bührles Bilder wurden argwöhnisch nach Provenienz abgeklopft. Die Transfers der Brann- und der Jelmoli-Liegenschaften ist dagegen in Zürich seit 80 Jahren kein Thema, obwohl die Fakten unschwer zu ermitteln sind, wie Angela Bhend mit ihrer Dissertation bewiesen hat. Eine halbe Stunde mit Google hätte genügt, um das Wichtigste zu erfahren. (K.L.)

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