Strenge Regeln
Sogar die Unterhosen müssen gleich sein: Wie Japan staatliche Kleidervorschriften ad absurdum führt

In Japan sollen Kinder neuerdings einheitliche Unterwäsche tragen. Das geht selbst vielen konservativen Lehrern zu weit. Einige werfen den Behörden Menschenrechtsverletzung vor.

Felix Lill aus Tokio
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Schülerinnen und Schüler sollen mit den neuen Regeln vor sich selber geschützt werden.

Schülerinnen und Schüler sollen mit den neuen Regeln vor sich selber geschützt werden.

Bild: Getty Images

Selbst wenn Schüler den Sinn einer Regel anzweifeln, können sie nichts dagegen tun. Denn vom Lehrpersonal wird ihnen gesagt: Das wird sich auf dein Zeugnis auswirken. Die Drohung lässt aufhorchen. Denn diese Zu­sammenfassung der «Fukuoka-ken ­bengoshikai» (die Anwaltsvereinigung der Präfektur Fukuoka) bezieht sich nicht etwa auf die mündliche Mitar­beit oder das Sozialverhalten von Schülern. Vielmehr geht es um Vorschriften, die die Juristen als «Ver­letzung der Menschenrechte» bezeichnen.

Über Monate hatte die Anwaltsvereinigung aus der südwestjapanischen Präfektur Informationen über die Hausregeln an den Schulen der Metropole Fukuoka gesammelt. Demnach geben mehr als 80 Prozent der Mittelschulen der Stadt die Farbe der Unterwäsche von Schülern vor. Ausserdem bestimmen die meisten Hausordnungen, wie Haar und Augenbrauen auszusehen haben. Generell gilt: Für alle Schülerinnen und Schüler sollen die gleichen Vorgaben gelten, Individualität ist unerwünscht.

Seit diese Informationen Ende Dezember öffentlich gemacht worden sind, spricht man im ostasiatischen Land einmal mehr über die Grenzen dessen, was eine Schule darf und was nicht. Nicht nur in Fukuoka. Die Tageszeitung «Mainichi Shimbun» schreibt:

«Der Report beschreibt, wie Schülerinnen gezwungen werden, ihre Unterwäsche noch in der Schule zu wechseln, und dazu gebracht werden, ihr Haar zu waschen, wenn darin Stylingprodukte gefunden wurden.»

Auf der populären Nachrichtenseite «Yahoo Japan» fragt Ryo Uchida, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Nagoya, in einem Gastbeitrag: «Warum ändern sich diese unangemessenen Regeln nicht?» Und der öffentliche Rundfunksender NHK berichtet von «Forderungen, die Regeln zu überprüfen».

Die japanische Gesellschaft ist bis heute sehr konservativ.

Die japanische Gesellschaft ist bis heute sehr konservativ.

Keystone

Dabei ist das Thema kein neues. «Mich hat das alles nicht überrascht», sagt etwa Chika Tsuda, Lehrerin im zentraljapanischen Kobe. Die gegenwärtigen Diskussionen kennt sie gut.

«Solche Regeln sind üblich in Japan. Es gibt genaue Vorgaben zur Länge der Röcke von Schülerinnen. Auffällige Ketten und andere Accessoires dürfen meistens nicht getragen werden.»

Vor einigen Jahrzehnten mussten Jungs sogar – ähnlich, wie man es im Militär gewohnt ist – ihr Haar kurz rasieren. Bunte Haarfarben sind in der Regel auch heute noch verboten.

Die Devise für japanische Schüler: Ja nicht anders sein als der Rest!

Die Devise für japanische Schüler: Ja nicht anders sein als der Rest!

Keystone

Eltern geben die Verantwortung an die Schule ab

Mit strengen Regeln an sich haben längst nicht alle Beteiligten in Japan ein Problem. «Gerade in den ersten Schuljahren steht nicht die Bildung per se, sondern die Erziehung im Vordergrund», erklärt der Japanologe Vincent Lesch, der vor kurzem an der Universität Hamburg über das japanische Schulwesen promoviert hat. «Es soll beigebracht werden, wie man ein guter Bürger wird. Eltern wollen oft, dass es die Schule ihren Kindern ermöglicht, entweder auf eine angesehene Universität zu gehen oder einen guten Job zu finden. Wie man dahin kommt, wird den Lehrern überlassen.»

Die Lehrer wiederum wollten einerseits produktive Mitglieder der Gesellschaft erziehen und andererseits in einem ohnehin arbeitsintensiven ­Umfeld nicht zusätzlich unter Überarbeitung leiden. So sei es aus ihrer Sicht erfolgversprechender, von oben vorgegebene Regeln einfach zu erzwingen. Zudem erkennen viele Lehrerinnen zumindest hinter einigen Regeln auch einen Sinn.

«Die Unterhosen zu regulieren, finde ich unnötig. Die darf man ja sowieso nicht sehen», sagt Lehrerin Chika Tsuda. «Aber ich finde es richtig, die ­Länge der Röcke von Mädchen zu kontrollieren. Sonst passiert es schnell, dass sie sexualisiert werden, entweder auf dem Weg zur Schule oder in der Schule selbst.» Bei anderen Verboten gehe es oft darum, die Kinder und Jugendlichen vor sich selbst zu schützen.

«Sonst ­kaufen sie sich mit dem Geld ihrer Nebenjobs teure Sachen, um damit in der Schule zu prahlen.»

Dafür wolle die Schule keine Plattform sein. «Trotzdem sehe ich es als Mutter oft nicht so eng. Wenn sich mein Sohn das Haar färben wollte, könnte er das meinetwegen tun.»

Auch Kei Tsuda, der Sohn der Lehrerin, hat sich über die Verbote in der Schule schon geärgert. So mag er, wie viele seiner Mitschüler, schon die verpflichtenden Uniformen überhaupt nicht. «Ich würde lieber in meiner eigenen Kleidung zur Schule gehen. Und ich will damit nicht angeben», sagt der Neunjährige.

«Ich finde es auch doof, dass wir nicht aussuchen dürfen, ob wir die lange oder die kurze Hose der Uniform anziehen. Bis Ende Oktober müssen wir immer in kurzer Hose kommen. Dann ist es aber schon kalt.»

Sein Haar färben will Kei im Moment nicht – «noch nicht».

In Tokio müssen Schüler ihr Haar nicht mehr schwarz färben

Dabei gibt es in Japan auch immer wieder junge Menschen, die ihrem modischen Geschmack Ausdruck verleihen. Gerade in den sozialen Medien sind häufig Fotos von Frisuren zu sehen, die voller Haargel, Färbemittel oder Dauerwellen sind.

Ebenso ist die Jugend eine wichtige Zielgruppe für die Modebranche. Nur: In der Schule erscheinen die allermeisten jungen Personen dann doch im vorgeschriebenen Look.

Dabei wird seit Jahren über die Verbote gestritten, vermehrt in Form von Gerichtsprozessen. Für die Hauptstadt Tokio entschied das dortige Bildungsministerium im Herbst 2019, dass Schulen ihre Schülerinnen und Schüler nicht mehr zwingen dürften, ihr Haar schwarz zu färben, sofern sie natürlicherweise eine andere Haarfarbe haben. Viele andere Verbote bleiben aber bestehen.

Die aktuellen Diskussionen über die Schulregeln haben auch im südwestlichen Fukuoka dazu geführt, dass die städtische Bildungsbehörde die Schulen aufgefordert hat, ihre Regeln zunächst selbst zu überprüfen. Und für den Fall, dass weiterhin Menschenrechtsverletzungen bestehen, behält sich die Politik vor, entsprechende ­Verbote in Zukunft ihrerseits zu ver­bieten.