Streit bei Netflix
Kontroverse um Aussagen von Comedian Dave Chappelle: Darf Satire sich über Transmenschen lustig machen?

Der Comedian Dave Chappelle machte sich in einer Show über Transmenschen lustig. Nun hagelt es für den Streaming-Riesen Kritik.

Renzo Ruf, Washington
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Seit drei Jahrzehnten unterhält der Afroamerikaner Dave Chappelle das Publikum mit scharfzüngigen Beobachtungen. Ging er diesmal zu weit?

Seit drei Jahrzehnten unterhält der Afroamerikaner Dave Chappelle das Publikum mit scharfzüngigen Beobachtungen. Ging er diesmal zu weit?

Bild: Imago

Die amerikanische Filmindustrie sieht sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei der verlängerte Arm der politischen Linken. Konservative Inhalte hätten es in Hollywood schwer, Political Correctness würde hochgehalten. An Netflix prallte diese Kritik bisher ab, obwohl der Mediendienst doch zum Beispiel exklusiv die Produktionen von demokratischen Aushängeschildern wie Barack und Michelle Obama zeigt. Doch nun gerät auch Netflix unter Beschuss.

Im Zentrum steht eine Show des Comedians Dave Chappelle. Seit drei Jahrzehnten bringt der Afroamerikaner mit scharfzüngigen Beobachtungen über die amerikanische Gesellschaft sein Publikum zum Lachen. Dabei kennt der 48-Jährige keine Tabus; seine Witze drehen sich bevorzugt um das hochkomplexe Verhältnis zwischen Weissen und Schwarzen sowie um Sexualität.

Damit sorgt der Comedian stets für Aufregung. Aber Chappelle ist eben auch beliebt, und zwar nicht nur unter Afroamerikanern. Netflix ist die Popularität angeblich mehr als 20 Millionen Dollar wert – pro Sendung. So hoch soll das Honorar ausgefallen sein, das der Internetdienst dem Comedian jeweils für ein Special bezahlte.

Die neuste Sendung – ein Programm mit Namen «The Closer», aufgenommen im August in Detroit vor einem Livepublikum – ging Anfang Okto­ber online. Und einmal mehr nimmt sich Chappelle in den gut 70 Minuten des Specials «die Freiheit, krass zu sein», ohne dabei als Arsch zu ­wirken, wie es ein TV-Kritiker der ­Zeitschrift «New York» formulierte. Und dabei geht Chappelle, wie schon so oft, weit, vielleicht gar zu weit, zumindest in den Augen der LGTBQ-Community.

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Aktivistinnen und Aktivisten kritisierten den Komiker in scharfen Worten, weil er mit seinen Bemerkungen Menschen verletzte und beleidigte, die bereits am Rande der Gesellschaft stünden. In der Kritik schwang mit, dass Chappelle es eigentlich besser ­wissen müsste als Mitglied einer Be­völkerungsminderheit. Der Comedian kennt den Vorwurf. In «The Closer» sagt er dazu:

«Wir Schwarzen, wir schauen auf die Schwulenbewegung und sagen: ‹Verflucht! Schaut euch an, wie gut es dieser Bewegung geht!›»

Dass es in Amerika auch dunkelhäu­tige Homosexuelle gibt, scheint ihm egal zu sein.

Netflix wurde auf dem falschen Fuss erwischt

Die Kontroverse um das Special eskalierte in Windeseile, auch weil sich Millionen von Menschen «The Closer» anschauten. Ted Sarandos, der Co-CEO von Netflix, verteidigte einen seiner grössten Stars anfänglich – indem er auf die kreative Freiheit verwies, die Künstlerinnen und Künstler, die Sachen mit Netflix machen, häufig geniessen. Auch stritt er ab, dass Chappelles Witze in der «echten Welt» negative Auswirkungen auf Transsexuelle haben könnten.

Ted Sarandos, Co-CEO von Netflix (links), verteidigte Comedian Dave Chappelle (rechts) anfänglich - ruderte dann aber zurück.

Ted Sarandos, Co-CEO von Netflix (links), verteidigte Comedian Dave Chappelle (rechts) anfänglich - ruderte dann aber zurück.

Bild: Keystone

Damit heizte die Netflix-Chefetage die Kontroverse nur weiter an. Interne Kritikerinnen und Kritiker meldeten sich öffentlich zu Wort, obwohl das Unternehmen eigentlich stolz darauf ist, Kontroversen hinter verschlossenen Türen auszufechten. Es kam gar zu Arbeitsniederlegungen von Netflix-Angestellten.

Ted Sarandos wurde von der starken Gegenreaktion auf dem falschen Fuss erwischt. Noch vor den Protesten der Belegschaft hatte er «The Wall Street Journal» in einem Interview anvertraut, dass er «Mist gebaut» habe. Seine Reaktion auf die Kontroverse sei falsch gewesen. Natürlich hätten Hollywood-Fantasien Auswirkungen auf den Alltag, sagte Sarandos. Und er räumte ein, dass es zwischen kreativer Freiheit, gerade von Komikern wie Dave Chappelle, und der Einbindung gesellschaftlicher Minderheiten gewisse Reibungspunkte gebe.

Chappelle wiederum gibt sich ungerührt. Er werde sich nicht verbiegen lassen, sagte er voriges Wochenende in Nashville. Natürlich sei er bereit, sich mit der LGTBQ-Community zu treffen – sofern sie seine Bedingung erfüllten. Eine der Vorgaben: Seine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner müssten sich «The Closer» anschauen, «von Anfang bis Ende».

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