Stil
Schlabberpulli, Schmuddelhose und Kinder-T-Shirt: Politiker verspielen mit peinlichen Kleidern viel Glaubwürdigkeit

Wenn es um adäquate Freizeitbekleidung für Politiker geht, ist der Grat schmal. Auch Olaf Scholz stürzt mit seinem Schlabberpulli definitiv ab.

Martina Bortolani
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Bundeskanzler Olaf Scholz fühlt sich pudelwohl im Oversize-Pulli. Zu einem coolen Hund macht ihn das nicht.

Bundeskanzler Olaf Scholz fühlt sich pudelwohl im Oversize-Pulli. Zu einem coolen Hund macht ihn das nicht.

Bild: DPA/Keystone

Er dachte praktisch. Und wie ein ganz normaler Mensch. Der es für sinnvoller betrachtet, nicht in einem steifen Anzug, einem weissen Hemd und einer Krawatte einen 10-stündigen, transatlantischen Flug anzutreten, sondern in verhältnismässig bequemer Kleidung. Doch genau solcherlei Überlegungen machen sich auch englische Touristen, wenn sie nach den Saufferien von Mallorca nach Birmingham zurückfliegen, exakt gleich gekleidet wie noch ein paar Stunden zuvor am Strand.

Sich aufzubretzeln, bevor man in ein Flugzeug steigt, aus grundsätzlichem Respekt vor den Errungenschaften der Aviatik, diese Zeiten waren mal. Heute fliegt (wenn überhaupt noch) jeder so, wie es ihm genehm und vor allem: bequem ist. Schade zum Ersten.

So wählte auch der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz den graumelierten Rundhalspullover. Scholz, der normalerweise die Grösse S trägt, ertrinkt ein bisschen im erwähnten Pulli, der mindestens eine M ist. Aber man sieht es ihm an, als er schelmisch lächelnd vor der Journaille und den Fotografen posiert: Er fühlt sich schampar wohl in seinem Outfit. Schade zum Zweiten.

Haben Frauen mehr Stil? Angela Merkel wäre das nie passiert

Kurz darauf geht das Bild viral. Und löst einen Debattensturm aus. Darf sich ein hochrangiger Politiker wie Scholz öffentlich in so einem Casual-Pullover zeigen? Er darf natürlich, aber sollte er auch? Nein. Er ist der deutsche Bundeskanzler. Auf einem offiziellen Flug von Berlin nach Washington. Auf dem Weg an ein Treffen mit dem US-Präsidenten Joe Biden. Es ziemt sich nicht als kleiner Herr Scholz, der die grosse Frau Merkel ablöst, die zwar stets etwas bieder, aber immer tadellos gekleidet, jahrelang und souverän dieses eminente Amt waltete.

Genauso, wie man als Frau nicht in Trainerhosen einen Elternabend in der Schule besucht oder als Mann nicht in kurzen Hosen zur Arbeit erscheint (ausser, man ist Bademeister), so sei auch einem Politiker dieses Formats ein wenig Etikette bei nicht-privaten Auftritten abverlangt. Denn Politiker, die via Garderobe Lässigkeit signalisieren wollen, wirken weder cool noch rock‘n’roll. Sie wirken pubertär, was nie gut ist als Mann.

Anderes Beispiel: Der britische Prime Minister Boris Johnson, der stets extra-zerzaust im Parlament erscheint. Dass ihn vieles nicht schert, beweist er auch, wenn er sich (womöglich extra) in clownesken Hipster-Outfits in London auf der Strasse zeigt.

Das Outfit ist nicht gerade staatsmännisch: Boris Johnson.

Das Outfit ist nicht gerade staatsmännisch: Boris Johnson.

Bild: Getty Images

Wenn der Regierungschef des Vereinigten Königreichs ad absurdum gekleidet joggen geht, so, als würde er gerade vor einem fürsorglichen Freiheitsentzug davonrennen, dann ist das weder funny noch rebellisch, sondern schmuddelig, sorry!

Und die Schweizer? Abgelatschte Turnschuhe oder Dandystil

Dito auch bei Balthasar Glättli, um ein Beispiel aus der Schweiz zu nennen. Als dieser vor einem Jahr als frischgewählter Parteichef der Grünen in trüben, ausgebeulten Jeans, zu kurzem Sakko und mit abgelatschten Turnschuhen vor die Partei tritt, dann mögen zwar seine Voten zur Reduzierung der Treibhausgase überzeugen, aber sein Verständnis für ein tenue correcte nicht.

Sogar Justin Trudeau, der höchste Kanadier, der in der Regel ziemlich stilsicher ist, zeigte sich dereinst auf einem Podium mit einem Statement T-Shirt, auf dem «Global Citizen» stand.

Der kanadische Premierminister mit Statement-Shirt: Geht nur für Kinder,

Der kanadische Premierminister mit Statement-Shirt: Geht nur für Kinder,

Bild: Getty Images

Faustregel Nummer eins für Erwachsene: Shirts, auf denen Botschaften prangen, gehen nur für Menschen unter 13 Jahren. Da ist uns Mister Coronakrise himself, Bundesrat Alain Berset, bei weitem lieber. Er nimmt den Dandy in ihm zwar etwas gar ernst, und auch die «Effektstöffli» seiner Anzüge sind nicht über alle Zweifel erhaben, aber Monsieur Berset hat Stil und strahlt in seiner Kleidung immer Präsenz und Glaubwürdigkeit aus.

Signalisiert angemessene Seriosität: Bundesrat Alain Berset.

Signalisiert angemessene Seriosität: Bundesrat Alain Berset.

Bild: Keystone

Doch zurück zu Olaf Scholz. Natürlich sei abschliessend erwähnt, dass wegen dieses unglücklich gewählten grauen Pullovers selbstverständlich keine Welt untergeht. Aber Scholz könnte daraus ja vielleicht etwas lernen: Man wird nicht von einem Tag auf den anderen einer der weltweit wichtigsten Politiker. Dafür braucht es einen respektablen Leistungsausweis und Ausdauer, und beides hat er. Aber man wird als Politiker eben auch nicht automatisch zu einem coolen Hund, wenn man sich in offizieller Mission ein bisschen zu pudelwohl fühlt.