Sprachliche Marotten
Wann wird der Opi salonfähig?

Ältere Frauen werden immer häufiger Grosi genannt, obwohl sie gar keine Kinder haben. Doch alte Männer wie US-Präsident Biden werden in der Öffentlichkeit kaum je als «Opi» bezeichnet.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Je nach Geschlecht werden für alte Menschen Bezeichnungen mit ganz unterschiedlicher Konnotation verwendet.

Je nach Geschlecht werden für alte Menschen Bezeichnungen mit ganz unterschiedlicher Konnotation verwendet.

Bild: Keystone

Vor hundert Jahren kam Friedrich Dürrenmatt zur Welt und vor fünfundsechzig Jahren wurde sein berühmtes Stück «Der Besuch der alten Dame» in Zürich uraufgeführt. Heute könnte man ein Theaterstück vermutlich nicht mehr so betiteln, scheint es doch augenfällig, dass im gegenwärtigen Sprachgebrauch kaum jemand noch weiss, was eine alte Dame ist. Auch eine «ältere Dame», eine «alte Frau», eine «bejahrte Dame», eine «Rentnerin» oder eine «Frau gesetzteren Alters» sind in der alltäglichen Sprache ersetzt worden durch das eine, immer etwas flapsig und gedankenlos hingeworfene Wort «Grosi».

Sobald eine Frau graue Haare hat, in Rente ist oder auch schon nur erste Anzeichen der Alterung zeigt, wird sie hierzulande in Werbung, Presse, Funk und Fernsehen als Grosi bezeichnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob die so bezeichnete Frau tatsächlich Enkelkinder hat. Und falls sie doch Enkelkinder hat, spielt es keine Rolle, ob sie vielleicht nur von ihren Enkelkindern Grossmama, Oma, Nonna, Nani oder Grosi genannt werden möchte.

Die Gefühle oder Gedanken zur Selbstwahrnehmung der älteren Frauen interessieren niemanden. Sie sind einfach die Grosis. Ein Grosi ist sächlich, lieb, arbeitsam und praktisch. Man kann es fast immer für fast alles brauchen und es begehrt nicht auf.

Das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich lanciert mit anderen Partnern die Kampagne «Grosi an Bord», um das Verkehrsklima zu verbessern. Die Leute sollen immer Auto fahren, «wie wenn das Grosi dabei wäre».

«Rabiates Grosi sorgt für Verkehrschaos im Süden Chinas», schreibt eine Zeitung zu einem Videoclip, das zeigt, wie eine Frau unbestimmten Alters eine Verkehrsleitplanke aus dem Weg räumt, um eine dicht befahrene Strasse zu überqueren. Ein Schweizer Messerhändler nennt sein edles Universalmesser «Grosi-Küchenmesser», wohl um klarzumachen, dass selbst erfahrene Köchinnen auf dieses praktische Messer vertrauen.

Beim Grossverteiler unseres Vertrauens finden wir eine Schokoladenkuchen mit Namen «Grosis Schoggi-Cake», und ein bekannter Rezeptanbieter erklärt uns, wie wir «Grosis Hackbraten» nachkochen können. Und natürlich bekam die damals 86-jährige Friedensaktivistin, die 2017 in Bern eine Parole gegen Waffen auf eine Bauwand sprayte, in den Medien schnell einmal den Ehrennamen «Sprayer-Grosi».

Vielleicht ist das ja aber alles gar kein Problem und vielleicht mögen es die meisten älteren Frauen sogar, immer und überall pauschal als Grosis bezeichnet zu werden. Allerdings wäre es dann wohl an der Zeit, dass wir im Sinne der Geschlechtergleichheit auch die älteren Männer als Opis zu bezeichnen beginnen. Dann bräuchte es vermehrt Schlagzeilen wie «Opi Biden für Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan kritisiert» oder «Opi Maurer konnte nicht wissen, was so ein Trychler-Hemd symbolisiert» oder «Wird bei der nächsten Papstwahl wieder ein Opi berücksichtigt?», wobei der letztgenannte Opi selbstverständlich nur im übertragenen Sinn als Opi bezeichnet werden würde.

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