Geschichte

Sie haben alle das gleiche Geburtsjahr: die drei Grossen aus Musik, Poesie und Philosophie feiern 250-Jahre-Jubiläum

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Hölderlin, Hegel und Beethoven haben dasselbe Geburtsjahr 1770. Sie stehen für eine Wende in ihren jeweiligen Fachgebieten, die so nie mehr stattfand.

Das Geburtsjahr 1770 hat an sich nichts Besonderes. Bedeutung erlangt es durch das epochale Ereignis: die Französische Revolution 1789. Hölderlin, Hegel und Beethoven haben die Vorgänge in Frankreich aufmerksam mitverfolgt. Ein Dichter, ein Philosoph und ein Musiker – und 1800 sind sie 30 Jahre alt und reagieren auf 1789. Wie sie das tun, verdient Beachtung über das zufällige Geburtsdatum hinaus.

Sie waren entschiedene Befürworter der Errungenschaften der Französischen Revolution, Freiheit war ihr Zentralbegriff. Dies in ihren Werken offen auszusprechen, verhinderten die politischen Umstände. Dass die Werke von Hölderlin und Beethoven von späteren Ideologen arg missbraucht werden konnten, hängt damit zusammen.

Die Französische Revolution markiert den Zeitpunkt, an dem erstmals in der westlichen Geschichte persönliche Freiheit von einer Denkmöglichkeit zu einer rechtlich-politischen Tatsache wurde. Es war zu Beginn vor allem turbulent. Was nach den Revolutionen in Europa passierte, lässt sich ungefähr vergleichen mit dem, was sich seit Ende 2010 im Nahen Osten abspielt und zu Beginn «Arabischer Frühling» genannt wurde. Aufstände – mehr oder weniger erfolgreich niedergeschlagene – und dann eine endlos anmutende Serie von Kriegen mit wechselnden Koalitionen.

Menschenrechte, Freiheit und Nation in Deutschland

In Frankreich war Napoleon seit 1799 erster Konsul der Republik und ab 1804 Kaiser. Die Revolution hatte er zwar offiziell für beendet erklärt, aber in den deutschen Gebieten hielten ihn viele noch für einen Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit. Denn die Adelsprivilegien blieben in Frankreich abgeschafft und die Rechtsgleichheit blieb bestehen.

Die europäischen Monarchien führten weiter Krieg gegen das napoleonische Frankreich. Das war nicht einfach für deutsche Intellektuelle, denn «Deutschland» gab es nicht: Hiess «Patriot sein» an den Sieg der Monarchien zu glauben oder eher an ihre Niederlage?

Eugène Delacroix’ «Die Freiheit führt das Volk» 1830, gemünzt  auf die Juliaufstände, wurde zur Ikone der Französischen Revolution.

Eugène Delacroix’ «Die Freiheit führt das Volk» 1830, gemünzt auf die Juliaufstände, wurde zur Ikone der Französischen Revolution.

Während die französischen Kulturschaffenden Ziel und Adressat ihrer Kunst vor Augen hatten: die französische Nation; blieb die Situation für die deutschen Kollegen diffus. Die französischen Dichter und Komponisten hatten ihr Publikum und ihre Aufgabe.

Sie konnten die «Lehrer und Erzieher ihrer Nation» sein. Im deutschen Sprachraum bildete sich hingegen heraus, was man später das «Ideen-Kunstwerk» nennen sollte. Eine Art Propaganda für «schöne Ideen» an das bürgerliche Individuum gerichtet. Natürlich redete man vom «Vaterland» oder der «Deutschen Nation», an die der Philosoph Fichte seine Reden richtete, aber dies waren – wie jedermann wusste – Popanze, keine realen Entitäten.

Die historisch einmalige Chance wurde verpasst

Klar war nur, dass etwas Neues begonnen hatte. Man hatte das Gefühl einer historischen Chance. Die Tür zu Freiheit und Gerechtigkeit war aufgegangen. Wenn nicht jetzt diesen Träumen zum Durchbruch verhelfen, wann dann? Aber die Deutschen schienen die Chance verstreichen zu lassen.

seien sie, schimpfte Hölderlin. In seinem Roman «Hyperion» fand er noch deutlichere Worte. Denn – das ahnte nicht nur Hölderlin, sondern durchaus auch sein Studienkollege Hegel und der Musiker Beethoven im fernen Wien, nebst vielen anderen – es ging nicht nur um die Freiheit.

Der technische Wandel, Industrialisierung und Industriekapitalismus warfen ihre Schatten voraus. Auch Arbeitsteilung und Konkurrenzdenken führen zu Vereinzelung oder – wie es bereits Rousseau genannt hatte – zu Entfremdung.

Den Aufstieg des Individuums bezahlte man mit Vereinzelung und dem Verlust von Gemeinschaft. Max Weber sollte es später die «Entzauberung der Welt» nennen. Im Tübinger Stift stellten sich Hölderlin, Hegel und das fünf Jahre jüngere Genie Schelling die Aufgabe, das Getrennte wieder zusammenzudenken.

Hegel wird bei der Philosophie bleiben, ziemlich unbeirrbar. Er knetet das Instrument der Unterscheidung und Unterteilung, den kategorialen Begriff. Das geht dann so: Sein und Nichts seien dasselbe, erklärt er in einer berühmten Stelle aus der «Wissenschaft der Logik».

Das reine Sein ist so rein, dass nichts in ihm angeschaut werden kann, weil das etwas von ihm Unterschiedenes sein müsste. Beim reinen Nichts verhält es sich ähnlich. Auch hier «Bestimmungslosigkeit», also dasselbe wie das reine Sein. Es gibt allerdings Übergänge und Hegel kommt so auf «das Werden».

Das ist Hegels grosse Einsicht. Dass es in der Welt gar nichts absolut Getrenntes gibt, sondern dass die Begriffe, mit denen das Denken operiert, dynamisch aufgefasst werden müssen. Die Vernunft will ein Ganzes, hatte Kant erklärt, während der Verstand unterscheidet und trennt. Hegel nennt dann den vernünftigen Verstand oder die verständige Vernunft «Geist».

Alles ist im Werden. Wer über «das Wirkliche» nachdenkt, betrachtet eine eigentlich schon überwundene Gestalt, denn wenn man es begreift, ist man schon weiter. Der Geist «verwirklicht» sich in der Geschichte, indem er alles «Wirkliche» als Gewordenes begreift und damit hinter sich lässt.

Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit

Hegels Einsicht eröffnet eine andere Sicht auf die Geschichte. Es geht nicht um alte Dinge, die vergangen sind, sondern sie macht sensibel für Dinge, die sich anbahnen. Beethoven ärgert sich über Goethe, der 1812 beim gemeinsamen Spaziergang im Badeort Teplitz buckelnd auf die Seite tritt, wenn ein paar Hochwohlgeborene entgegenkommen, während er unbeirrt einfach weitergeht.

, lässt Hölderlin seine Dramenfigur Empedokles sagen. Hegel beschliesst im September 1806 seine Vorlesung so:

1806 war Beethoven schon praktisch taub. Im Oktober erscheint seine 3. Symphonie, die «Eroica», im Druck. Er hatte sie ursprünglich «auf Bonaparte geschrieben», die Zeile aber später ausradiert. Man hat spekuliert, das sei aus Zorn, weil sich Napoleon zum Kaiser krönte, geschehen. Wahrscheinlicher ist, dass er sie insgeheim dem von ihm hochgeschätzten preussischen Prinzen Louis Ferdinand zugedacht hat, der am 10. Oktober 1806 gefallen war. Gewidmet wurde sie dem Fürsten Lobkowitz, einem grosszügigen Sponsor, dem man aber als kaisertreuem Adeligen den Feind auf dem Titelblatt nicht zumuten konnte.

Konzipiert hat Beethoven sie als Inszenierung des Prometheus-Mythos. Prometheus (= Napoleon) bringt den Menschen das Feuer, die Technik und – wie man annehmen muss – die Demokratie. Der Prometheus-Stoff wird vor allem im ersten Satz umgesetzt, im Trauermarsch (zweiter Satz) erkennen kundige Hörer Motive französischer Revolutionsmusik. Gegen den Schluss wird das musikalische Geschehen «patriotisch-deutsch». Die vielen Fugen sind eine Verneigung vor dem Altmeister Bach, und Choralmotive erinnern daran, dass, wenn die Freiheit nicht durch den «fremden» Napoleon zustande kommt, dann durch eigene Kräfte realisiert werden muss.

Beethoven dachte bei der Aufführung seiner Symphonien (etablierte Konzertsäle und Orchester gab es noch nicht) an eine Volksversammlung mit Musik. Ähnliches schwebte Hölderlin vor. Götteranwesenheit, das ist für ihn das Fest, bei dem Gemeinschaft fühlbar wird. Das Vorbild seiner Spätdichtung sind die Preisgedichte Pindars für heimkehrende Olympiasieger. Diese Epinikien handeln nicht nur vom Empfang eines Olympioniken, sondern greifen aus in Vergangenheit und Zukunft und feiern die Gemeinschaft der Stadt.

Inszenierte Gemeinschaft und Deutschland im Schicksalskampf

Inszenierte (Volks-)Gemeinschaft, das hatten auch Nazis und andere Nationale im Sinn. So landete Hölderlin im Tornister und Beethoven durfte mit dem Führer Geburtstag feiern. Beide schaffen Kunst, die ihren Entstehungsprozess abbildet: Bei Beethoven scheinen sich die Themen aus der Musik zu entwickeln – der Komponist zwingt sie dem Orchester auf; und Hölderlins elegische Grundstimmung beschwört die Gegenwart seines Gedichts, indem er es in eine verklärte griechische Vergangenheit zurückprojiziert. Dieses prozessuale Komponieren und Dichten hat Beethovens Musik und Hölderlins Gedichten aber auch eine zeitungebundene Aktualität verliehen – bis heute.

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