Die Afrikanische Schweinepest nähert sich der Schweiz. Sie ist für den Menschen ungefährlich, aber für Haus- und Wildschweine verläuft die hochansteckende Virusinfektion meistens tödlich. Das Virus hatte sich bisher entlang europäischer Schnellstrassen von Osteuropa in Richtung Westen ausgebreitet, vermutlich vor allem durch Fleischabfälle, die von Menschen liegen gelassen wurden.

Letzten September ist der Erreger nach Belgien gesprungen, fernab bisheriger Ausbruchsherde – ein sicheres Indiz dafür, dass Reisende ihn dort eingeschleppt hatten, womöglich durch die Einfuhr von infizierten Fleischwaren wie Schinken oder Salami.

Dennoch soll es nach der Forderung verschiedener europäischer Bauernverbände und des Schweizer Branchenverbandes Suisseporcs nun Wildschweinen an den Kragen gehen, die massiv und gezielt geschossen werden sollen. In der «Sonntagszeitung» forderte Meinrad Pfister, Präsident von Suisseporcs, schon letzten Oktober, dass die lokalen Bestände «massiv reduziert» werden müssten.

Schaden für Schweinezüchter

Lange aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden, wurde die Keulung – also die vorsorgliche Tötung von Tieren – in den vergangenen Jahren wieder oft zur Eindämmung von Tierkrankheiten diskutiert.

Vor allem die Angst vor dem Wildschwein ist unter Züchtern verbreitet, denn auch über die Afrikanische Schweinepest hinaus sind die Hausschweine für die gleichen Krankheitserreger empfänglich wie ihre wilden Cousins. Und sie können sich gegenseitig anstecken, wie eine Studie der Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Bern und Zürich bestätigt.

Da es gegen die Afrikanische Schweinepest keinen Impfstoff gibt, müssen Behörden auf Methoden wie Sperrgebiete, Ex-und Importbann mit Grenzkontrollen und vor allem auf die Tötung von Schweinen zurückgreifen – sowohl von infizierten als auch von gesunden. «Das bedeutet eine massive kommerzielle Bedrohung für Schweinezüchter», sagt Linda Dixon, Zellbiologin am britischen Pirbright Institute, das auf die Erforschung von Virenkrankheiten bei Tieren spezialisiert ist.

Denn bei einem Ausbruch der Krankheit dürfen Schweine nicht mehr transportiert und Schweinprodukte nicht mehr exportiert werden. Auch wenn es gar nicht zu einer Ansteckung zwischen Wild- und Hausschweinen gekommen war. «Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es Jahre dauern kann, ehe ein Land mit Schweinepest wieder Zugang zum internationalen Markt erlangt», sagt Dixon.

Dennoch: «Das Wildschwein gehört zu unserer einheimischen Fauna und fördert die Biodiversität in Wäldern», sagt Marie-Pierre Ryser-Degiorgis, Mitautorin der Vetsuisse-Studie. «Schon seit mindestens einem Jahrzehnt betreibt die Schweiz eine aktive Kontrolle der Wildschwein-Bestände.» So werden die Tiere hierzulande seit Jahren stärker bejagt und auch weniger gefüttert als zum Beispiel in Deutschland.

Ohnehin hängen die wirtschaftlichen Gefahren für die Schweinezüchter nicht mit der Anzahl von Wildschweinen zusammen, sagt Sven Herzog, Wildökologe von der Technischen Universität Dresden. Er sieht das Problem vielmehr in infizierten Lebensmittelresten, die durch den Menschen verbreitet werden.

Um dies zu verhindern, müssten die Behörden laut Herzog zunächst mit Aufklärung der Menschen und Massnahmen gegen die Verbreitung verseuchter Lebensmittel beginnen: «Zum Beispiel mit Grenzkontrollen für Fleischprodukte oder Zäunen um Autobahnparkplätze, damit Wildschweine nicht an infizierte Essensreste gelangen», so der Wildökologe.

Hinzu kommen nach Herzogs Einschätzung andere Probleme, die den Sinn einer Wildschwein-Keulung infrage stellen: die Gefahr, dass durch Jagd aufgeschreckte kranke Tiere das Virus stärker verbreiten oder dass bei solchen Massnahmen vor allem gesunde Wildschweine getötet werden, welche die genetische Widerstandskraft der Tierart erhöhen könnten. «Ausserdem stresst die Jagd noch gesunde Tiere. Das schwächt deren Immunsystem und dann infizieren sie sich leichter.»

In England werden Dachse gekeult

Solche Argumente für und gegen die Tötung als Mittel zur Eindämmung von Tierseuchen werden nicht nur in Mitteleuropa ausgetauscht. So stehen natürliche und regelmässig vorkommende Tierseuchen immer öfter in Konflikt mit dem Wohl und besonders den Interessen des Menschen.

In England etwa werden wilde Dachse für einen Anstieg von Rindertuberkulose unter Zuchtvieh verantwortlich gemacht. Dort ist deswegen seit 2013 eine massive Dachs-Keulung im Gange. Doch auch hier gibt es keine verlässlichen Erfolgsmeldungen. 2016 konnte in nur fünf Prozent der erlegten Tiere die Krankheit nachgewiesen werden – in den meisten Fällen stecken sich Rinder untereinander an.

Im afrikanischen Sambia wurde in den vergangenen Jahren der Verzehr von Flusspferd-Fleisch mit Milzbrand-Ausbrüchen unter Menschen in Verbindung gebracht. Nun möchte die Regierung dort internationale Trophäenjäger dazu einladen, die Zahl der Flusspferde zu reduzieren, um so angeblich die Menschen vor Milzbrand zu schützen.

Was Forschende indessen beklagen, ist eine steigende Zahl von Fällen, in denen vorsorgliche Tötungen unzureichend untersucht wurden und wissenschaftlich schwach begründet sind.

Ohne wissenschaftliche Studien, die eine Prognose zu den Folgen der Tötung der Tiere erlauben, helfe ein solcher Eingriff kaum, sagt Sven Herzog. «Erst wenn wir diese Hausaufgaben erledigt haben, können wir vielleicht über eine intensivere Bejagung nachdenken.»

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