In der Schweiz stillen Frauen nach einer künstlichen Befruchtung genau so oft wie andere

In vielen Ländern kann eine In-Vitro-Fertilisation ein Grund sein, dass das Stillen langfristig nicht gelingt. In der Schweiz lässt sich dies nicht beobachten. Das Problem ist ein medizinisches – die Lösung nicht.

Sabine Kuster
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Nicht immer ist Stillen so leicht, wie es den Anschein macht.

Nicht immer ist Stillen so leicht, wie es den Anschein macht.

(Bild: Keystone)

Eine künstliche Befruchtung hat manchmal Auswirkungen auf das Stillen: Denn bei Frauen, die nicht natürlich empfangen haben, kommt es durch häufigere Komplikationen während der Schwangerschaft und häufigeren Mehrlingsschwangerschaften zu mehr Frühgeburten und Kaiserschnitten. Beides macht den Start des Stillens schwerer: Zum Beispiel können zu früh Geborene noch nicht genug stark saugen oder die Milchproduktion nach einem Kaiserschnitt beginnt verzögert.

In Nachbarländern wie Italien, wo fast gleich häufig gestillt wird, stillen Frauen, die eine In-vitro-Fertilisation (IVF) hinter sich haben, deswegen seltener.

Innerschweizerisch-Bernische Gruppe aus Forscherinnen

In der Schweiz ist dies nicht der Fall, wie das Forschungsteam um Alexandra Kohl Schwartz und der Assistenzärztin Livia Purtschert vom Kantonsspital Nidwalden belegt. Kohl Schwartz ist seit September Leiterin der Abteilung für Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie am Kantonsspital Luzern. Davor war sie am Inselspital in Bern tätig.

Von dort stammen die 198 Beobachtungen von Frauen, die IVF-Behandlungen erhalten hatten. Sie wurden mit einer Kontrollgruppe von 1421 Frauen verglichen.

In der ersten Gruppe stillten zu Beginn 93 Prozent, in der Kontrollgruppe 95. Sechs Wochen nach der Geburt haben in der Schweiz noch 88 Prozent der IVF-Frauen gestillt und 87 der anderen. «Das hat uns positiv überrascht», so Kohl Schwartz. In Italien fällt die Stillrate von 89 Prozent nach der Geburt auf 69.

Die psychische Belastung wirkt sich aufs Stillen aus

Denn viele nähmen aus der In-vitro-Fertilisation die Angst mit, nicht zu genügen, sagt die Ärztin. «Einige Frauen wollen deshalb unbedingt natürlich gebären und stillen, aber vielen macht die hohe psychische Belastung vor der Befruchtung auch später noch zu schaffen.» Es brauche aber Kraft, die ersten Hürden zu überwinden und das Stillen durchzuziehen.

Dass sich die Schweiz hier von anderen Ländern unterscheidet, führt Kohl Schwartz auf die gute Unterstützung der stillenden Frauen zurück. Nicht nur wird in vielen Kliniken das Stillen gefördert, die Frauen bekommen auch danach durch die Wochenbett-Hebamme noch regelmässig Hilfe, wenn das Anlegen des Säuglings nicht klappen will oder immer wieder Entzündungen auftreten.

Studie: Purtschert et al. 2020 Acta Paediatrica