Pandemie

Schweizer Pass verliert wegen Corona an Wert – plötzlich sind wir im Ausland nicht mehr willkommen

Die Schweiz plötzlich Risikogebiet. Und wir ungebetene Gäste.

Die Schweiz plötzlich Risikogebiet. Und wir ungebetene Gäste.

Schweizer genossen lange die ultimative Freiheit. Jetzt haben wir beim Reisen einen zweiten Lockdown. Und uns dämmert: Unsere Privilegien sind dahin.

Die Realität einer geschlossenen Grenze kenne ich nicht. Natürlich, ich habe Gegenden im Kopf, in die ich nicht reisen will, weil sie für mich als Frau problematisch sind. Für mich als weissen Menschen gefährlich. Solche Dinge.

Doch sonst? Stand mir die Welt offen.

Der rote Pass, den ich in meinen Händen halte, in einer Selbstverständlichkeit, ist mir seit je ein galanter Türöffner in fremde Welten. Lange war ich mir dieser Tatsache gar nicht so recht bewusst. Vor ein paar Jahren sagte eine Freundin zu mir, die von Zürich nach Tel Aviv zog: «Alle fragen mich, wie ich es aushalte, in einem unsicheren Land wie Israel zu wohnen. Dabei realisieren sie nicht: Das ist nicht wirklich gefährlich. Weil ich mit meinem Schweizer Pass immer zurückkann. Das ist meine grösste Versicherung. Mit diesem Ding in der Hand bist du auf der ganzen Welt zu Hause.»

© Keystone

Die Schweiz hat sich viele Freiheiten erarbeitet. Unsere Neutralität, wie moralisch korrekt sie auch sein mag, hat uns politische und wirtschaftliche Stabilität eingebracht. Und einen guten Ruf. Das Ausland mag uns. Nicht nur aus politischen Gründen. Auch weil unser Zuhause schön anmutet. Unser Auftreten bekömmlich.

Wohin wir auch kommen, werden wir in aller Regel mit offenen Armen empfangen. Weniger laut und rabiat als die Deutschen, die morgens um acht schon ihre Liegen am Pool reservieren. Weniger betrunken als die Engländer. Am Buffet nicht so gierig wie die Russen. Nach Sonnenuntergang nicht so laut wie die Spanier. Immer genug Geld in der Tasche. Oftmals mehrerer Sprachen mächtig. Gebildet. Arbeitsam. Verlässlich.

Wir sitzen im goldenen Käfig namens Schweiz

Wer Schokolade aus der Schweiz nach Hause bringt, in Asien, in Afrika, bringt den Daheimgebliebenen etwas Kostbares mit. Etwas, für das man lange gereist ist. Etwas aus dem Paradies. Wo die Berge noch mit Schnee bedeckt sind und die Wälder rauschen und das Wasser überall so klar und rein ist, dass man bedenkenlos davon trinken kann.

Wir können uns nicht vorstellen, wie es sein muss, aufgrund unserer nationalen Zugehörigkeit nicht gern gesehen zu sein. Denn niemand scheint sich vor jemandem wie uns schützen zu müssen.

Doch jetzt ist Corona. Die Schweiz plötzlich Risikogebiet. Und wir ungebetene Gäste. Andere Länder lassen uns nicht mehr einreisen, in vielen müssten wir, wenn wir es doch können, in mehrtägige Quarantäne oder einen negativen Coronatest vorweisen.

Weil plötzlich ein unsichtbares Virus über unsere Attraktivität als Reisende bestimmt. Ansteckungszahlen. Und die Frage, wie unkontrolliert und unkontrollierbar wir als Land und als Individuen scheinen. Die Sicherheit, die wir über Jahrzehnte ausstrahlten, unser Image des Felsens in der Brandung, erodiert.

Mobilität als Instrument von Privileg oder Strafe

Und so sitzen wir in unserem goldenen Käfig namens Schweiz. Die ersten Monate waren noch in Ordnung, es kam der Sommer, wir haben die wunderschönen Bergseen und Flora und Fauna, Nationalpärke, viel Grün. Doch nun, ein paar Monate später, dämmert uns: Die Aussicht, wieder wirklich wegzukommen, wird mit jedem Tag trüber. Kommt ein zweiter Lockdown bei anhaltend grauem Himmel, ohne Aussicht darauf, wieder mehr Sonne und mehr Ferne zu spüren, werden die Tage länger und härter.

Wir leben in einem der schönsten Länder der Welt, das von üppiger Vielfalt geprägt ist. Wir haben grossartige Kulinarik, Kultur, Sprachreichtum, unberührte Natur. Und doch macht sich Müdigkeit breit. Wir fühlen die Enge, die uns umgibt. Was damit begann, sich ein paar Wochen zurückzunehmen und im eigenen Heim und Garten ein bisschen Hand anzulegen, wird plötzlich eine Alternativlosigkeit. Und der Mensch hasst nichts mehr, als keine Wahl zu haben.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität ist ein markanter Faktor der weltweiten Ungleichheit. Menschliche Mobilität war ein Instrument von Privileg oder Strafe, je nachdem, welche Art von Pass ein Mensch besitzt. Anfang Jahr konnten Schweizerinnen und Schweizer mit ihrem Pass noch 185 Destinationen ohne Visum bereisen. Die Schweiz lag laut «Henley & Partners Passport Index» damit weltweit auf dem siebten Platz. Ein Bürger Afghanistans muss für eine Einreise in ein anderes Land so gut wie immer ein Visum beantragen.

Die Schweiz spielte im Privilegienranking unter den bisherigen Umständen immer ganz vorne mit. Und wir haben diesen Umstand nie hinterfragt. Was menschlich ist. Erst wenn wir den uns zugeschriebenen Status zu verlieren drohen, wird uns bewusst, was fehlt. «Damit einhergeht eine neue Erfahrung der Statusverschiebung,» sagt Katja Rost, Soziologieprofessorin an der Universität Zürich. Nationalität bildet Statusgruppen.

Billigairlines machten Fernreisen erschwinglich

Denn als reiche Schweiz sind wir es gewohnt, Raum und Zeit überwinden zu können. Global gesehen ein charakteristisches Merkmal von sozialer Privilegiertheit, sagt Rost. Weltweit gesehen ist das bei den wenigsten so. Auch bei uns ist die niederschwellige Erreichbarkeit der Welt noch gar nicht lange etwas, das sich vergleichsweise viele Schweizerinnen und Schweizer leisten. Vor ein paar Jahrzehnten noch waren die Sprachaufenthalte im Welschland oder Tessin die Normalität oder die Sommerreise mit dem Auto nach Italien an den Strand.

Billigairlines trugen ihren Teil zur Demokratisierung des Flugverkehrs bei, und das Internet brachte uns die entferntesten Dinge über einen Bildschirm in unser Wohnzimmer. Vielleicht schmerzt es auch deshalb plötzlich so sehr, dass wir hier festhocken, obwohl uns doch sonst scheinbar alles so direkt und schnell zur Verfügung steht. Da sind plötzlich Grenzen, die sonst nicht sind, und da sind plötzlich andere, die Nein sagen.

Was nicht einfach ist. Weil die Aussicht auf Reisen eine Aussicht ist auf Durchatmen. Eine Aussicht auf eine Pause von dem, was wir kennen. Auf zu neuen Ufern. Ein Sich-Herausschälen aus dem Bekannten, sich neu spüren in der Fremde. Darauf müssen wir verzichten. Und uns, zumindest temporär, an einen Zustand gewöhnen, der für die meisten Menschen auf der Welt seit je gilt: Das Leben findet hier statt, in einem Radius von ein paar Dutzend Kilometern.

Das mag auf unsere Psyche schlagen oder uns ein paar Ferienpläne durchkreuzen, ans Eingemachte geht es nach Rost aber nicht. Die Soziologieprofessorin erklärt:

Katja Rost Soziologieprofessorin an der Universität Zürich

Katja Rost Soziologieprofessorin an der Universität Zürich

Auch der Nationalstolz der Schweizerinnen und Schweizer ist noch nicht in Gefahr. Weil wir mit vielen anderen westlichen Ländern in einem Boot sitzen.

«Solange man nicht der einzige Verlierer einer Gruppe ist, muss man die Schuld auch nicht bei sich suchen. Das erleichtert einiges», sagt Rost. Und erklärt:

Und weil Pass-Privilegien auf langjährigen diplomatischen Beziehungen beruhen und sie nicht über Nacht verschwinden.

Bis dahin sitzen wir im selben Boot mit dem grössten Teil der Welt, welcher die Art Freiheit der Bewegung, wie wir sie kennen, auch ohne Corona fremd ist.

Als sich die Schweiz mit dem Lockdown im März abschottete, hat sich der Fotograf Jan Sulzer mit einer Kamera auf Streifzug begeben und die Grenzübergänge fotografiert. Die Bilder finden sich im Buch «abgeriegelt».

Als sich die Schweiz mit dem Lockdown im März abschottete, hat sich der Fotograf Jan Sulzer mit einer Kamera auf Streifzug begeben und die Grenzübergänge fotografiert. Die Bilder finden sich im Buch «abgeriegelt».

© Jan Sulzer
© Jan Sulzer

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