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Vom Sande verweht: In den malerischen Fischerdörfern der Kurischen Nehrung

Die Dünen der Kurischen Nehrung vor Litauen wurden einst ostpreussische Sahara genannt und zogen Künstlerinnen und Literaten an. Heute erkunden Nostalgiker und Naturliebhaberinnen die bedrohte Idylle rund um das Haff.

Win Schumacher
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Alfonsas Kaunec­kis mit seiner Enkelin Jovita: Der 83-jährige Fischer steuert heute noch seinen Kutter bei Sonnenaufgang aufs Meer.

Alfonsas Kaunec­kis mit seiner Enkelin Jovita: Der 83-jährige Fischer steuert heute noch seinen Kutter bei Sonnenaufgang aufs Meer.

Ethan Reubens

Alfonsas Kauneckis blickt über das stille Wasser und sagt mit einem Lächeln: «Eigentlich wollte ich gar kein Fischer werden.» Er sitzt auf der Kurischen Nehrung, einem schmalen Stück Land, das ein Haff vom offenen Meer abtrennt. Der alte Mann kramt in seinen Erinnerungen. «Es war eine der wenigen Möglichkeiten, um nach dem Militärdienst nicht in die Kolchose geschickt zu werden.» Mit seiner unvorhersehbaren Berufung gehadert hat der Litauer nie. «Da draussen bist du frei.» Der Urgrossvater ist mit 83 Jahren der Älteste auf der Kurischen Nehrung, der noch heute bei Sonnenaufgang zum Fischfang hinausfährt.

Die Welt war eine andere, als Kauneckis 1938 auf der anderen Seite des Haffs geboren wurde. Damals lebten hier Litauer, Deutsche und Kuren zusammen, und in den Fischerdörfern bestimmte das Gemisch ihrer Sprachen den Alltag. Die letzten Nehrungskuren, die einst in der Region lebten, flohen am Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Deutschen vor der vorrückenden Roten Armee. Mit ihnen verschwand die Sprache der Fischer und Seeleute, die über Jahrhunderte hier zu Hause war. Der letzte Muttersprachler starb wohl 2007 in Heidelberg.

Epoche der Künstler und Literaten

Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird von vielen Nehrung-Touristen noch immer als Epoche der Künstler und Literaten verklärt. Thomas Mann, der in Nidden ein Sommerhaus hatte und hier an seiner Roman-Tetralogie «Josef und seine Brüder» schrieb, floh 1933 von München nach Sanary-sur-Mer und kehrte nie mehr auf die Kurische Nehrung zurück. Die Künstlerkolonie von Nidden, die Maler wie Lovis Corinth, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff angezogen hatte, verlor an Bedeutung.

Heute leben nur noch wenige Einheimische vom Fischfang.

Heute leben nur noch wenige Einheimische vom Fischfang.

Ethan Reubens

Kauneckis nimmt Platz in seinem Gasthof Žuvelė am Uferweg von Juodkrantė: «Das Leben der Fischer hat sich gewaltig verändert», sagt er und lässt sich eine Fischsuppe servieren. «In den 60ern haben wir an einem Tag 300 bis 400 Aale gefangen. Heute sind es drei oder vier.» Von einst 30 Fischern in Juodkrantė sind nur drei übrig geblieben.

Kauneckis wurde nach der Unabhängigkeit Litauens vom Fischverkäufer zum Restaurantbesitzer. Noch immer fährt der Urgrossvater regelmässig aufs Meer hinaus, auch nach einer im Winter überstandenen Corona-Erkrankung. «Wenn ich auf das Meer hinausfahre, atme ich das Leben jetzt wieder in vollen Zügen.»

Die schmucken Fischerhäuschen der früheren Künstlerkolonie Nidden.

Die schmucken Fischerhäuschen der früheren Künstlerkolonie Nidden.

Ethan Reubens

In den Wanderdünen leben seltene Tier- und Pflanzenarten

Die Pandemie hat den Alltag auf der Kurischen Nehrung verändert. «Früher kamen sehr viele Deutsche», sagt Lina Dikšaite, «jetzt haben wir fast nur Litauer.» Die stellvertretende Direktorin des Nationalparks Kurische Nehrung ist gerade auf dem Nagliai-Wanderpfad in den Toten Dünen bei Pervalka unterwegs.

Es ist ein ungewöhnlich heisser Sommertag. Trotz einer frischen Brise fühlt man sich zwischen den fast vegetationslosen Sandhügeln wie auf einer Wüstenwanderung. Am Wegrand weist Dikšaite auf vom Treibsand begrabene Reste einer Siedlung hin. Das Dorf Nagliai wurde immer wieder von Wanderdünen überrollt und musste wie einige andere Siedlungen der Kuren schliesslich aufgegeben werden. Lägen am Ende des Wegs nicht die sattgrünen Kiefernwälder und das dunkelblaue Haff in Sicht, man wähnte sich auf einem anderen Kontinent. Ostpreussische Sahara wurden die Dünen der Kurischen Nehrung einst genannt.

Durch die malerischen Dünen der Kurischen Nehrung lässt sich gut wandern – Saharagefühle inklusive.

Durch die malerischen Dünen der Kurischen Nehrung lässt sich gut wandern – Saharagefühle inklusive.

Ethan Reubens

«Viele Besucher hoffen wohl eher, Elche und Seeadler auf der Nehrung zu sehen», sagt Dikšaite, «aber auch die Dünen sind Heimat für seltene Arten.» Etwa Brachpieper, Dünen-Sand­lauf­käfer und Berg-Sandglöckchen. «Bei einer Million Touristen im Nationalpark pro Jahr ist es wichtig, die Besucherströme zu lenken und empfindliche Habitate zu schützen», sagt Dikšaite. Immer neue Bauprojekte machen der 46-Jährigen zu schaffen. «Die Nehrung ist sehr in Mode gekommen. Das zieht Investoren an und viel Geld. Damit steigt der Druck. Manche Einheimische müssen inzwischen schon wegziehen.»

Der aufstrebende Tourismus hat seinen Preis

Auf der gegenüberliegenden Seite der Nehrung packt Boris Belchev sein Fernrohr und seine Kamera in den Wagen. Der Natur-Guide macht sich auf zu einer Vogelbeobachtungstour entlang des Ostufers des Haffs ins Delta der Memel. Mehr als 320 Arten hat er bereits in der Region bestimmt. Auch der 35-jährige Bulgare sieht einige der jüngsten Entwicklungen in seiner Wahlheimat kritisch.

Gerade fuhr er am neuen Wassersport-Zentrum von Svencelė vorbei. An diesem Wochenende ist der Himmel voll mit den bunten Lenkdrachen der Kitesurfer. Wo sich früher seltene Vogelarten zum Brüten zurückzogen, wurde in den letzten Jahren ein schickes Container-Dorf für Surfer und Segler aus dem sumpfigen Boden gestampft. «Viele meiner Gäste kommen hierher, um seltene Arten wie den Seggenrohrsänger zu sehen», erzählt Belchev. Der spatzengraue Vogel ist einer der seltensten Europas. Weil fast überall die für seine Brut wichtigen Seggenwiesen und Moore verschwunden sind, blieben dem einst in weiten Teilen Mitteleuropas beheimateten Singvogel nur noch wenige Reviere in Osteuropa.

Gut zu wissen

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa (www.lufthansa.de) oder Air Baltic (www.airbaltic.com) nach Vilnius. Für den Besuch der Kurischen Nehrung und des Haffs empfiehlt sich ein Mietwagen.

Übernachten: Im ehemaligen Fischerdorf Juodkrantė gehört das Prie Ąžuolo zu den schönsten Unterkünften (www.prieazuolo.lt). Von der Vila Elvyra etwas ausserhalb von Nidden hat man eine traumhafte Aussicht auf das Kurische Haff (www.vilaelvyra.priejuros.lt).

Essen: Fisch probiert man am besten im Restaurant Žuvelė in Juodkrantė.

Vogeltouren: Mit «Alcedo Wildlife» bietet Boris Belchev geführte Vogel- und Naturtouren am Kuringischen Haff und im Memeldelta an, www.alcedowildlife.com

Weitere Informationen – auch zur Einreise und zur Coronasituation – finden sich unter: www.lithuania.travel

Biologe Belchev lebt seit 15 Jahren in Litauen und gehört zu den besten Vogelkennern des Landes. Kranich, Goldregenpfeifer und Doppelschnepfe – er weiss, wo man sie noch immer im Memeldelta aufspüren kann. Doch wird er immer wieder Zeuge, wie ihr Lebensraum vor seinen Augen verschwindet.

«Die Abholzung von Wäldern und die Zerstörung von Mooren geht einfach weiter», sagt er. Auch wenn viele mittlerweile um die Bedeutung der Moore als Kohlenstoffspeicher für den Klimaschutz wissen, werden sie in den baltischen Staaten noch immer zerstört. Die wenigsten Verbraucher ahnen, dass sie beim Anlegen ihrer Gemüsebeete oder schlicht beim alltäglichen Salatverzehr dazu beitragen, dass in den baltischen Ländern weitere Sumpfgebiete verschwinden. «In beinahe jeder spanischen Gewächshaustomate und in 99 Prozent aller in der EU verspeisten Salatköpfe steckt baltischer Torf in der Erzeugung», sagt Nerijus Zableckis vom litauischen Naturschutzfonds.

Nicht weit von den Seggenrohrsängern fliegt eine Schar Trauerseeschwalben auf. Auch sie sind selten geworden. «Lassen wir sie also in Ruhe brüten», sagt Biologe Belchev.

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