Reisen
Schon Dutzende Male vorbeigefahren und doch nie ausgestiegen: Diese Schweizer Städtchen sind einen Besuch wert

An verlängerten Wochenenden lockten bisher Städtereisen nach Rom, Barcelona oder London. Aber in Coronazeiten ist alles etwas kompliziert. Wieso nicht mal auf einem Tagesausflug neue Schweizer Kleinstädtchen entdecken?

Silvia Schaub
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Lichtensteig SG

Bild: Shutterstock

Diesem Ort haben wir die Sekunde zu verdanken beziehungsweise seinem einstigen Einwohner Jost Bürgi (1552–1632). Dem Uhrmacher und Entwickler der ersten astronomisch genutzten Sekundenuhr begegnet man in Lichtensteig auf Schritt und Tritt – zum Beispiel am Schabeggweg, wo sein Denkmal steht, oder an der Hintergasse, wo er seine Lehre absolvierte.

Ebenfalls an der Hintergasse stösst man auf die Gall’schen Offizin im Erdgeschoss des «Schmalzhauses». Das ist nicht nur ein Museum, sondern stellt noch heute mit antiken Geräten und Schriftsätzen Urkunden und Karten her. Es lohnt sich unbedingt, auch ein paar Schritte ausserhalb des historischen Städtchens mit seinen gepflegten Häusern und hübschen Restaurants zu tun. An der Uttenwilderstrasse ist nämlich Willi Schmid zu Hause. Was er in seiner Städtlichäsi herstellt, hat Weltrenommee und schmeckt vorzüglich.

Verpflegung:
Café Conditorei Huber mit Terrasse und Take-away (tägl. geöffnet), Postgasse 2, Lichtensteig, www.cafe-huber.ch

Umgebung:
Rund 10 Kilometer entfernt liegt der Baumwipfelpfad in Mogelsberg. Auf einem 500 Meter langen Pfad ist man auf Augenhöhe mit den Baumkronen und erfährt viel Wissenswertes über Wald und Natur. www.baumwipfelpfad.ch

Romont FR

Bild: Fribourg Region

Schon Dutzende Male sind wir auf dem Weg an den Genfersee daran vorbeigefahren, haben das mittelalterliche Städtchen auf dem Hügelzug bewundert und sind doch nie ausgestiegen. Dabei erreicht man die Altstadt mit ihrer breiten Grand-Rue (leider nicht autofrei) in ein paar Gehminuten vom Bahnhof. Flanieren kann man dennoch. Boutiquen wie «Histoires de …» oder «Au bocal du coin» laden dazu ein.

Das Freiburger Städtchen ist auch die Stadt der Glaskunst. Also hinauf zur Kollegiatkirche, die einen Überblick über die Geschichte der Glasmalerei vom Mittelalter bis zur Neuzeit gibt. Daneben im Schloss ist das Vitromusée mit seiner umfangreichen Sammlung an Glasfenstern und Hinterglasmalerei. Doch Romont hat noch einen Höhepunkt zu bieten: die heilige Marguerite Bays, die 2019 vom Papst heiliggesprochen wurde. Ein Weg zu ihren Ehren führt von der L’Abbaye de la Fille-Dieu gleich unterhalb des Städtchens nach Siviriez und La Pierraz, wo Marguerite Bays aufgewachsen ist.

Verpflegung:
Crêperie La Colline mit Terrasse (tägl. geöffnet), Grand-Rue 30, Romont, auch Take-away.

Umgebung:
Rund 12 Kilometer von Romont entfernt liegt Rue, das sich als das kleinste Städtchen Europas betitelt. Klein ist es wirklich, die Runde durch die Gassen und auf den Schlosshügel ist schnell gemacht. Rund 20 Gehminuten entfernt locken die bezaubernden Wasserfälle Chutes de Chavanettes.

Bremgarten AG

Bild: Rob Lewis

Tritt man unter dem Spittelturm mit der astronomischen Uhr hindurch, ist das fast wie eine Zeitreise. Ist man nun in einer Filmkulisse gelandet? Die lieblichen Gässchen mit den teilweise alten Beschriftungen an den Geschäften wären perfekt geeignet. Und auch die kleinen Plätzchen, die sich hinter der nächsten Ecke eröffnen. Das historische Städtchen, das von der Reuss umarmt wird, ist ein Kleinod an hübschen Geschäften (unsere Favoriten: T&O Meisterflorist und Städtlimärt) und geschichtsträchtigen Häusern, wie jenes an der Antonigasse, wo einst Prinz Louis-Philippe von Orléans, der spätere König der Franzosen, wohnte.

Ein weiterer Bekannter läuft uns über den Weg: Reformator Heinrich Bullinger. An der Marktgasse 22 (heute Hollywood Pub) ist der berühmteste Bremgarter Bürger aufgewachsen. Unten an der Reuss beim Katzenturm erfahren wir die Geschichte über die mysteriöse «weisse Frauengestalt», die in den Reussfluten verschwand, just als Bullinger mit Zwingli 1531 die Stadt durchs Katzentörli verliess. Ein schlechtes Omen für den baldigen Tod Zwinglis in der Schlacht bei Kappel?

Verpflegung:
Restaurant Bijou mit Terrasse an der Reuss (Montag geschlossen), Reussweg 2, mit Take-away, www.bijou-bremgarten.ch.

Umgebung:
Eine rund dreistündige Wanderung führt von Bremgarten zum Flachsee bei Rottenschwil und wieder zurück. Das Naturschutzgebiet ist ein Hotspot für Vogelbeobachter.

Orbe VD

Bild: OTV

Viel ist nicht mehr übrig von der Festung der Herren von Montfaucon, die einst das Schloss auf dem Hügel von Orbe erbauten. Nur der Rundturm und ein viereckiger Turm sind noch zu sehen. Dafür gibt es heute einen grossen Vorplatz mit Kastanienbäumen, von wo aus man einen schönen Blick auf das mittelalterliche Städtchen und das Waadtländer Mittelland geniesst.

Zuvor sind wir über die malerische Pont du Moulinet von der Neuf-Bourg hinauf zur Vieux-Bourg durch die teilweise engen Gässchen ­flaniert. Wir sind am Marktplatz vorbeigekommen und zur Abtei spaziert, wo einst die erste orthopädische Klinik der Welt untergebracht war, und lassen uns von den kleinen Boutiquen bezaubern. Etwas nördlich von Orbe schauen wir uns auch die berühmten römischen ­Mosaike bei Bos­céaz an. Sie stammen aus der Zeit um 200 bis 230 nach Christus und zählen zu den bedeutendsten nördlich der Alpen.

Verpflegung:
Restaurant La Croix d’Or (Mi geschl.) mit Terrasse, Place du marché 3, Orbe, www.restaurantlacroixdor.ch.

Umgebung:
Ein Abstecher lohnt sich unbedingt ins zehn Kilometer von Orbe entfernte Romainmôtier. Die Abteikirche im Klosterstädtchen ist eines der ältesten romanischen Gebäude der Schweiz.

Büren a. d. Aare BE

Bild: Tourismus Büren

Ein wahrer Augenschmaus ist der Spaziergang durch das Altstädtchen von Büren an der Aare mit seinen bunten Fassaden. Das ist kein Zufall. Die Farben wurden 1978 nach einem Farbrichtplan des Bürener Malers, Plastikers und Grafikers Peter Travaglini gewählt. Doch da lockt auch die Aare. Während auf der Holzbrücke die Autos dominieren, herrscht am Wasser Ruhe und Beschaulichkeit. Kaum vorzustellen, dass Büren einst ein bedeutender Warenumschlagplatz war: Salz aus dem Burgund, Käse aus Brienz, Wein aus der Waadt.

Vorbei am Egli-Egge (einst ein Hotspot zum Eglifischen) zieht es uns Richtung Naturschutzgebiet Häftli. Dabei kommen wir auch am Gedenkstein des einstigen Polenlagers vorbei. Ein spezielles Kapitel Schweizer Geschichte: Hier stand während des 2. Weltkrieges das grösste Internierungslager, das sogenannte «Concentrationslager». Bevor wir die rund dreistündige «Schloufe-Tour» unter die Füsse nehmen, schauen wir uns vom Beobachtungsturm einen Altwasserarm der Aare, der durch die Juragewässerkorrektion stillgelegt wurde, von oben an.

Verpflegung:
Il Grano mit Terrasse direkt an der Aare (Fr/Sa, 17–23 Uhr, So 10–19 Uhr), Ländte 38, Büren an der Aare, www.ilgrano.ch.

Umgebung:
Wer genügend Zeit hat, kann Büren an der Aare mit einer Schifffahrt von Biel oder Solothurn her besuchen: www.bielersee.ch.

Beromünster LU

Bild: zvg

Jüngeren Semestern mag der Ortsname nichts sagen, ältere hingegen wissen genau, dass sich in Beromünster einst der Landessender befand. Er steht immer noch weitherum sichtbar, der Blosenbergturm. Nur ist er seit 2008 abgeschaltet. Aber den Radioweg (rund 45 Minuten ab Dorf) mit diversen Hörstationen über dessen Geschichte sollte man unbedingt abwandern.

Falls man denn nicht im Stiftsbezirk hängen bleibt und dort gleich eine Führung besucht. Es ist ein architektonisches Gesamtkunstwerk – die Propstei, die Kustorei, das Stiftstheater, die Schol und die mehr als 30 Chorhöfe. Allein die Stiftskirche mit den Wappen der verstorbenen Chorherren am Eingang und die Deckengemälde und geschnitzten Figuren im Chorgestühl sind beeindruckend. Dank Namensgeber Graf Bero von Lenzburg wurde der «Fläcke» zwischen Baldegger- und Sempachersee schon im 10. Jahrhundert auf die Landkarte gesetzt. Er ist mit seinen Bürgerhäusern und dem Schlossmuseum immer noch sehenswert.

Verpflegung:
Gasthaus Hotel Hirschen (Mo-Sa ab 8 Uhr, So und Feiertage, ab 9.30 Uhr), Hirschenplatz 1, Beromünster, www.hirschenhotel.ch.

Umgebung:
Westlich von der Stiftskirche erreicht man in zehn Gehminuten ein einzigartiges Bauwerk: die Waldkathedrale, eine barocke Parkanlage mit Alleen aus Hainbuchen und Rosskastanien.

Biasca TI

Bild: Shutterstock

Dank dem Treno Gottardo gibt es eine gute Alternative zu den oft etwas überfüllten Tessiner Städten Lugano und Locarno: Biasca. Das Städtchen am Knotenpunkt der Täler Leventina, Blenio und Riviera hat nämlich einen kleinen, aber hübschen Kern. Grosszügig ist die Piazzetta, wo das Museo Casa Cavalier Pellanda steht. Ritter Giovan Battista Pellanda (1541–1615) liess sich dieses Haus bauen, wo er Persönlichkeiten wie Kardinal Federico Borromeo und den Erzherzog von Österreich zu Gast hatte. Nur ein paar Schritte entfernt beeindruckt die Steinkirche San Carlo mit ihrer imposanten, kreuzförmigen Architektur. Auf unserem Rundgang steigen wir weiter zur Pfarrkirche San Pietro e Paolo hinauf und geniessen den Ausblick über Biasca.

Verpflegung:
Hotel Ristorante Al Giardinetto mit Terrasse (11.45-14 Uhr und 18-21.30 Uhr, Pizza: 14-18 Uhr), Via A. Pini 21, Biasca, www.algiardinetto.ch

Umgebung:
In knapp 30 Gehminuten gelangt man von der Pfarrkirche San Pietro e Paolo auf einem Kapellenweg zum Wasserfall Santa Petronilla und dem gleichnamigen Kirchlein.