Pestizide

Präziser spritzen: Bauern hoffen auf neue Techniken, um Umweltschäden zu reduzieren

Weniger Herbizide durch gezielte Anwendung.

Weniger Herbizide durch gezielte Anwendung.

Jäten statt Vergiften und Spritzmittel gezielter einsetzen: Die Bauern hoffen auf neue Techniken, um die Umweltschäden zu reduzieren.

Die Bauern sind unter Druck: Pestizide im Trinkwasser, Insektensterben, schwindende Artenvielfalt – Umweltprobleme, für die sie verantwortlich gemacht werden. Mit politischen Vorstössen wie der Pestizidverbots-Initiative und der Trinkwasser-Initiative, die beim Einsatz von Pestiziden keine Subventionen mehr auszahlen will, drohen strenge Regulierungen. Nun soll’s die Technik richten. Mit dem Einsatz der neusten Geräte und Methoden wollen die Bauern den Chemieeinsatz um mindestens 25 Prozent senken. Dazu haben die Kantone Aargau, Thurgau und Zürich diesen Herbst das Projekt PFLOPF lanciert. Das Kürzel steht für «Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming» und wird finanziell zu 75 Prozent vom Bund getragen. Auf 60 Pilotbetrieben werden die Technologien zurzeit getestet.

Der Bauer kann bald zu Hause bleiben

Den grössten Reduzierungseffekt erhoffen sich die Landwirte von der mechanischen Unkrautbekämpfung. Statt unerwünschte Pflanzen mit Herbiziden abzutöten, geht man ihnen mit Hackgeräten zu Leibe. Sie kommen zum Beispiel bei Mais und Zuckerrüben zum Einsatz. Um die jungen Nutzpflanzen zu schützen, muss der Traktor sehr exakt durch die Reihen fahren. Dabei hilft eine Kamera, die mit einer automatischen Steuerung gekoppelt ist. Spitzige Hacken greifen dann in den Boden und reissen die unerwünschten Pflänzchen aus oder zerstören sie. Damit die Reihen einen gleichmässigen Abstand aufweisen, müssen sie bereits mit einem GPS-gesteuertem System angesät werden.

Die Aufgabe des Bauers auf dem Traktor bleibt dann die Überwachung des Systems. Analog zu den selbstfahrenden Autos werden wohl auch landwirtschaftliche Maschinen in Zukunft autonom über die Äcker fahren, stellt der Projektverantwortliche Christian Eggenberger in Aussicht. Und die Fahrzeuge werden nicht mehr so schwer sein wie heute. «Denn wenn der Bauer nicht mehr mitfahren muss, spielt die Zeit keine grosse Rolle mehr», erklärt Eggenberger. Dann könne die Aufgabe ein leichteres Fahrzeug mit geringerer Reichweite übernehmen.

Kurz vor der Marktreife steht bereits der Jätroboter des Yverdoner Start-ups Ecorobotics. Die solarbetriebene Maschine fährt autonom über die Felder, während ein beweglicher Arm Unkräuter mit einer kleinen Menge Herbizid besprüht. So soll die Menge um ein Mehrfaches reduziert werden. Eine Kamera registriert die schädlichen Pflanzen und eine Software unterscheidet sie von den Kulturpflanzen.Ein weiterer Entwicklungsschritt wird die rein mechanische Zerstörung mit einer kleinen Fräse sein.

GPS-gesteuerte Maschinen vermeiden Überlappungen und reduzieren so die Herbizide.

GPS-gesteuerte Maschinen vermeiden Überlappungen und reduzieren so die Herbizide.

Wo weiterhin Herbizide, Fungizide oder Insektizide gespritzt werden, wollen die Bauern künftig mit weniger auskommen. Eine GPS-Steuerung soll dafür sorgen, dass sich die Spritzdüsen exakt am Rande des Feldes abschalten. Dazu wird der Umriss des Ackers zuvor via Satellit eingelesen. Zudem würden so keine Flächen mehr doppelt bespritzt, erklärt Eggenberger. «Ohne die Vermessung und Steuerung kommt es zwischen den Saatreihen häufig zu Überlappungen von 15 bis 20 Zentimetern», weiss der Agronom. «Die Bauern wollen vermeiden, dass sie einen Teil des Feldes auslassen.»

Eine Wetterstation auf jedem Hof

Weitere Einsparungen an Pestiziden erhoffen sich die Landwirte von Systemen, die genaue Prognosen über den Schädlingsbefall erstellen, und zwar individuell auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten. Sie messen zum Beispiel die Niederschläge sowie die Feuchtigkeit im Boden und auf den Pflanzenblättern und errechnen daraus die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Pilzen, Bakterien oder Insekten. So soll der optimale Zeitpunkt für eine Behandlung besser bestimmt werden können. Denn spritzt etwa ein Winzer seine Reben zu früh gegen Mehltau oder ein Landwirt seine Kartoffeln gegen die Krautfäule – beides Pilzerkrankungen –, so muss er möglicherweise ein zweites Mal ausfahren. Mit genaueren Prognosen könne man jährlich wohl eine bis zwei Spritzungen von insgesamt acht bis zehn einsparen, schätzt Eggenberger.

Digitale Schädlingsfallen helfen zudem, die Anzahl Insekten festzustellen. Sie locken unerwünschte Tierchen durch Duftstoffe an, worauf lernfähige Algorithmen die Art bestimmen. Bei einer gewissen Anzahl schlagen sie Alarm. So will man etwa die Lauchmotte oder den Apfelwickler, der für wurmstichige Äpfel verantwortlich ist, gezielter bekämpfen. In Rebbergen sind zudem bereits Spritzdrohnen im Einsatz. In steilem Gelände können sie Helikopterflüge ersetzen. Zu einer bedeutenden Einsparung an Pestiziden haben die fliegenden Hilfsmittel bisher aber nicht geführt.

Das Precision-Farming-Projekt wird von Seiten der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope wissenschaftlich begleitet, um Aufschluss über das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu erhalten. Es dauert noch bis Ende 2024. Doch bereits im Januar wollen sich teilnehmende Bauern zu einem Austausch über ihre Erfahrungen treffen. Man wolle auch Weiterbildungen anbieten, um die Erkenntnisse zu multiplizieren, sagt Christian Eggenberger. Und nicht zuletzt müsse der sparsame Umgang mit Pestiziden auch in der landwirtschaftlichen Ausbildung stärker thematisiert werden.

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