Pestizid und Trinkwasser
Der Vergleich: So intensiv bauert die Schweiz

Die Abstimmungen vom Juni könnten die Landwirtschaft umkrempeln. Doch wo steht die Schweiz aktuell? Der Blick zu den Nachbarländern zeigt, dass wir besonders in einem Bereich hervorstechen.

Niklaus Salzmann
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Illustrationen: Leoni Tobia

Tiere: Schweiz am dichtesten

Nicht alles, was die Gewässer belastet, stammt aus Spritzmaschinen und Plastikbehältern. Auch Mist und Gülle können Seen und Flüssen zu schaffen machen. Und davon fällt in der Schweiz viel an. Wir halten pro Hektar Landwirtschaftsfläche fast doppelt so viele Tiere wie Frankreich, Italien und Österreich und die Hälfte mehr als Deutschland. Das hängt auch mit der Bevölkerungsdichte zusammen. In Österreich etwa leben annähernd gleich viele Leute wie in der Schweiz, aber das Land ist doppelt so gross, und damit steht pro Kopf weit mehr landwirtschaftliche Fläche zur Verfügung. Für die Schweiz gab das Bundesamt für Landwirtschaft 2016 die Tierdichte mit 1,71 Grossvieheinheiten pro Hektar an. Eine Grossvieheinheit entspricht ungefähr einem Rind.

Stickstoff, Phosphor: Schweiz zuoberst

Die hohe Tierdichte bringt mit sich, dass aus dieser Quelle bereits viele Nährstoffe anfallen. Hinzu kommt der Mineraldünger, der auf den Feldern ausgebracht wird. Insgesamt gelangt so in der Schweiz pro Hektar deutlich mehr Stickstoff und Phosphor auf die Felder als in den Nachbarländern. Beim Stickstoff sind es 15 Prozent mehr als in Deutschland und 90 Prozent mehr als in Österreich. Beim Phosphor sind die Unterschiede etwas kleiner, aber wir kommen doch auf 7 Prozent mehr als Deutschland und 30 Prozent mehr als Österreich und Italien.

Bio: Schweiz auf dem Podest

Besonders populär ist der Biolandbau in Österreich. Dort wird mehr als ein Viertel der Landwirtschaftsfläche biologisch bewirtschaftet. Höher ist der Anteil nur in Liechtenstein: 41 Prozent, das ist Weltrekord. Die Schweiz liegt mit 17 Prozent Biofläche ungefähr gleichauf mit Italien und immer noch weit über dem europäischen Schnitt. Deutschland kommt auf rund 10 Prozent. In Frankreich sind es 8 Prozent. Das Ziel, das Staatspräsident Emmanuel Macron einst angekündigt hatte, dürfte schwierig zu erreichen sein: 15 Prozent Biofläche bis 2022. In allen erwähnten Ländern nimmt der Bioanteil aber seit Jahren stetig zu.

Pestizide: Schweiz im Mittelfeld

Hier gibt es ein Nachbarland, das weit vor der Schweiz steht: Italien. Dort werden fast dreimal so viel Pflanzenschutzmittel eingesetzt wie bei uns. Laut einem vor drei Jahren erschienenen Bericht der italienischen Umweltbehörde wurden denn auch die Grenzwerte in fast jedem vierten Oberflächengewässer überschritten. In Italien findet sich aber auch die erste Gemeinde, die Pestizide verboten hat: Mals in Südtirol, an der Grenze zu Graubünden. Deutschland und Frankreich spritzen pro Hektar ungefähr gleich viel wie die Schweiz. Nur Österreich liegt um rund ein Drittel tiefer. Die Statistik sagt aber nichts darüber aus, welche Pestizide eingesetzt werden. Zudem ist ein Vergleich schwierig, weil nicht überall dieselben Pflanzen angebaut werden.

Glyphosat: Deutschland ist strenger

Kein Pestizid erhitzt die Gemüter so sehr wie Glyphosat. Ist es krebserregend oder nicht? In dieser Frage besteht bis heute keine Einigkeit. In der Schweiz gab es bereits diverse Vorstösse, das unter dem Namen Roundup verkaufte Herbizid zu verbieten. Bislang ist keiner im Parlament durchgekommen. Der Einsatz ist aber eingeschränkt: Es darf nur bei Pflanzen, die nicht geerntet werden, gespritzt werden. In der EU ist Glyphosat bis 2022 zugelassen. Ob die Zulassung verlängert wird, ist offen. Italien, Frankreich und Österreich hatten sich bereits 2017 gegen die Zulassung gestellt. Österreich hat 2019 ein Verbot beschlossen, machte dann aber einen Rückzieher. In Deutschland ist Glyphosat ab 2024 verboten. Frankreichs Präsident hat ein Verbot angekündigt, aber nicht umgesetzt.

Chlorothalonil: Entscheid steht aus

Das Fungizid Chlorothalonil wurde in der Schweiz per Anfang 2020 verboten, um das Trinkwasser zu schützen. Die Schweiz folgte damit der EU, die den Stoff 2019 verboten hatte, weil die Abbauprodukte im Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Inzwischen darf der Bund aber Chlorothalonil bis auf weiteres nicht mehr als «wahrscheinlich krebserregend» bezeichnen. Das erreichte Syngenta mit einer Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht. Ein endgültiger Entscheid über die Beschwerde steht aus.

Neonikotinoide: Es ist kompliziert

Neonikotinoide sind eine Klasse von Insektengiften, die schädlich für Bienen sind. In der Schweiz sind drei davon (Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam) seit Ende 2018 im Freiland verboten. Auch in der EU dürfen diese drei nur in Gewächshäusern angewendet werden, vor einem Jahr wurde zudem ein vierter Wirkstoff dieser Klasse, Thiacloprid, verboten. In Frankreich ist sogar ein fünfter Stoff, Acetamiprid, vom Verbot betroffen. Allerdings haben verschiedene EU-Länder, darunter Österreich und Deutschland, Notfallzulassungen von Neonikotinoiden vorgenommen, insbesondere für den Anbau von Zuckerrüben. Die Europäische Lebensmittelbehörde prüft derzeit, ob für diese Zulassungen ausreichende Gründe vorliegen.

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