Kriminalität
Nach 50 Jahren wurde die zweite Botschaft des Zodiac-Killers entschlüsselt - der Serienmöder aber bleibt weiter ein Phantom

Ab 1969 hielt ein Serienmörder die Gegend um San Francisco in Atem. Er schickte Zeitungen chiffrierte Botschaften, in denen – so versprach er, – Hinweise auf seine Identität verborgen wären. Leider fand sich nach sehr aufwändiger Dechiffrierung auch in der zweiten Nachricht nichts dergleichen.

christoph bopp
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Zwei Phantombilder des Mannes, der sich «Zodiac-Killer» nannte.

Zwei Phantombilder des Mannes, der sich «Zodiac-Killer» nannte.

Getty

Im November 1968 begann in der San Francisco Bay Area eine Serie von Morden. Täter war ein Psychopath, der in der Folge ein perverses Hasch-mich-Spiel mit der Polizei begann. Seine ersten Opfer waren ein junges Paar, das an einer abgelegenen Stelle sein Auto geparkt hatte. Im Sommer 1969 schlug er wieder zu. Dieses Mal auf einem Parkplatz, ein paar Kilometer entfernt vom Schauplatz des ersten Verbrechens. Das Paar, eine 22-jährige Frau und ein 19-jähriger Mann, sass im Auto, als der Mörder neben ihnen parkte. Dann fuhr er wieder weg. Nach zehn Minuten kam er zurück und schoss auf die jungen Menschen. Die Frau starb, der Mann überlebte schwer verletzt. Er hatte den Täter flüchtig gesehen, einen Weissen mit Brille und militärischem Haarschnitt.

Das war am 4. Juli 1969. Am 31. Juli 1969 erhielten drei Regionalzeitungen in San Francisco je einen rätselhaften Brief. Er bestand aus einem Schreiben, in dem der Mörder Polizei und Öffentlichkeit verhöhnte, und einer chiffrierten Nachricht. Aus dem Klartext ging hervor, dass der Absender der Täter sein musste, denn er enthielt Details, die nur der Mörder wissen konnte. Unterzeichnet war das Schreiben mit «Zodiac». So heisst der Kreis, in dem die Sternzeichen der Astrologie angeordnet sind.

Der Narzissmus half beim Entschlüsseln

Diese erste Botschaft wurden vom Ehepaar Bettye und Donald Harden relativ schnell geknackt. Der Zodiac-Killer hatte eine homophone Chiffre verwendet. Das ist eine kompliziertere Variante der gewöhnlich verwendeten Substitutionsmethode. Mit ihr werden die Buchstaben des Klartexts mit anderen Buchstaben oder Zeichen ersetzt. Der homophone Code soll die erste Angriffsmethode abwehren, das Zählen der Buchstaben. Die Verteilung der Buchstaben in einer Sprache folgt statistischen Regelmässigkeiten. Im Englischen kommen zum Beispiel E und T sehr häufig vor. Für diese Buchstaben benutzt der homophone Code verschiedene Zeichen, damit aus der Häufigkeit keine Schlüsse gezogen werden können.

Der Zodiac-Killer benutzte in seiner ersten Nachricht ein Alphabet von 52 Zeichen, für das E benutzte er sieben, für A sechs und für I vier verschiedene Zeichen. Hilfreich für den Entzifferer ist auch, wenn man die Worttrennungen erkennt. Diesen Fehler beging der Zodiac-Killer nicht. Dafür einen anderen. Betty Harden vermutete, dass der psychopathische Absender seine Nachricht womöglich mit «Ich» (I) begonnen hatte und dass das Wort «KILL» häufig vorkommen könnte. Sie suchte nach Kombinationen mit "I" gefolgt von einem Doppelzeichen. Damit hatte sie den Schlüssel. Denn die Nachricht begann mit «I LIKE KILLING . . .»

Eine chiffrierte Nachricht des «Zodiac-Killers».

Eine chiffrierte Nachricht des «Zodiac-Killers».

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Die Polizei versuchte, den Zodiac-Killer zu provozieren und setzte ein Inserat in die Zeitungen mit einer auf ähnliche Weise verschlüsselten Nachricht, er solle eine bestimmte Nummer anrufen. Nach seinem zweiten Mord hatte er nämlich selber bei der Polizei angerufen. Stattdessen enthielt im November 1969 sein sechster Brief eine zweite verschlüsselte Nachricht. Sie war 340 Zeichen lang (und heisst deshalb Z-340). Und hier funktionierte der Angriff mit einer homophonen Chiffre nicht. Mehr als 50 Jahre später ist die Entzifferung nun geglückt.

Zwei raffinierte Programme knackten die Chiffre

Der Täter hatte nämlich zusätzlich eine zweite Chiffriermethode verwendet: das sogenannte Transpositionsverfahren. Die Buchstaben des Klartextes wurden systematisch durcheinandergewürfelt im Textblock verstreut. Sam Blake, ein australischer Mathematiker, hatte mit einem Programm über 600 000 Versionen des Chiffretextes erzeugt, die er anschliessend mit dem Dechiffrier-Programm des Belgiers Jarl van Eycke durchsuchte. Eine davon war mit dem charakteristischen Zug des Springers aus dem Schach gefertigt; Sie begann oben links und ging dann eine Zeile nach unten und zwei Zeichen nach rechts. Nach der ersten Diagonale ging es oben links weiter.

Dabei fand er erste Klartext-Blöcke. «CATCH ME . . .» oder «GAS CHAMBRE» zum Beispiel. Da wurde dem amerikanischen Software-Entwickler David Oranchak, einem anerkannten Zodiac-Experten, klar, dass sie auf der richtigen Spur waren. Der Zodiac-Killer bezog sich auf
eine TV-Sendung von damals, in der ein Anrufer behauptet hatte,
der Killer zu sein. «DAS IN DER TV-SENDUNG WAR NICHT ICH», kam bald zum Vorschein.

Kein Hinweis auf die Identität des Mörders

Leider enthielt auch diese Nachricht keine Hinweise auf den Täter, sondern nur ähnlich wirres Gerede über seine Opfer, die er als «Sklaven» bezeichnete, die ihm im «Paradies» zu Diensten stehen müssten. (Er schrieb «PARADICE» wie in der ersten Nachricht, diesmal allerdings rückwärts.). Insgesamt verschickte der Zodiac-Killer mindestens 20 Botschaften an verschiedene Empfänger und tätigte mehrere Telefonanrufe. Nach dem 24. April 1978 verstummte er.

Der Fall ist immer noch ungelöst. Und die erfolgreiche Entschlüsselung der zweiten längeren Nachricht half auch nicht weiter. Trotzdem: «Eine Meisterleistung der Code-Knacker» sei das gewesen, sagte der Kryptologie-Experte Klaus Schmeh (ein Blog-Eintrag von ihm hier) in einem Radio-Interview. Dies, obwohl die Verschlüsselungsmethode im Rückblick gar nicht besonders raffiniert gewesen war.

In einem anderen Schreiben hatte der Zodiac-Killer geschrieben: «Mein Name ist . . .» und dann folgten 13 Zeichen. Diese Botschaft widerstand bis jetzt allen Entzifferungsversuchen. Sie sei «nur mit viel Glück zu knacken», sagte Schmeh dazu. Denn der chiffrierte Text ist zu kurz. Allerdings würde ein Name als Hinweis genügen. denn DNA- und andere Spuren um ihn als Täter zu überführen, gibt es mittlerweile genug.