Jugend

Zu hässlich, zu depressiv, zu dick: Jugendlichen geht es immer schlechter

Schlechte Ernährung und zu viel Stress: Die Zahl der übergewichtigen Jugendlichen nimmt zu.

Schlechte Ernährung und zu viel Stress: Die Zahl der übergewichtigen Jugendlichen nimmt zu.

Den Jugendlichen in ganz Europa scheint es gleich zu gehen. Zu viel Stress und zu viel Druck führen zu Übergewicht und Depressionen – die neuen Zahlen sind alarmierend.

Die vermeintliche Perfektion ist nur einen Klick entfernt. Was früher Modekataloge und Zeitschriften waren, sind heute Handy-Apps wie Instagram oder TikTok. Frauen und Männer sehen sich die Bilder und Videos auf den sozialen Medien an und denken: «Ich will so dünn sein», «Sie ist so hübsch, so werde ich nie aussehen», «Ich werde nie so eine hübsche Freundin haben» oder «Ich würde alles dafür tun, um so auszusehen». Doch kaum einer der Menschen auf diesen Bildern sagt, wie es wirklich ist. Dass sie verschiedene Apps benutzen, die beispielsweise die Nase kleiner, die Augen grösser und das Gesicht dünner machen. Vollere Lippen? Ein Klick entfernt. Längere Beine? Ein Klick entfernt. Sogar die Taille ist im Handumdrehen schmal. All das, um vermeintlich perfekt auszusehen. Um so auszusehen, wie im realen Leben keiner aussieht.

Doch das sehen pubertierende Jugendliche nicht. Sie vergleichen sich mit den Menschen auf diesen Bildern und Videos und finden sich selbst hässlich. Einer von vier Jugendlichen gibt an, in seinen Augen zu dick zu sein. Das sagt ein Bericht des Europabüros der Weltgesundheitsorganisation (WHO), für den die Gesundheit und das Sozialverhalten von rund 220'000 11- bis 15-jährigen Schulkindern aus 45 Ländern untersucht wurde.

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Jedes sechste Kind ist übergewichtig

Nicht nur das falsche Selbstbild ist Thema der Studie. Auch das wirkliche Gewicht der Jugendlichen wurde analysiert. Hierzulande gibt es verschiedene Studien, die zeigen, dass Jugendliche immer dicker werden. Gesundheitsförderung Schweiz etwa, hat die Angaben der schulärztlichen Dienste zum Body-Mass-Index (BMI) von über 14000 Kindern und Jugendlichen aus den Städten Basel, Bern und Zürich ausgewertet. Die Analyse zeigt, dass 17,6 Prozent aller im Schuljahr 2018/19 untersuchten Schülerinnen und Schüler übergewichtig sind – das entspricht ungefähr jedem sechsten Kind. Davon leiden 4,3 Prozent an Fettleibigkeit.

Das Essverhalten und die mentale Gesundheit der Jugendlichen scheinen Hand in Hand zu gehen: Laut der «Health Behaviour in School-aged Children»-Studie hat der Anteil übergewichtiger Jugendlicher zwischen 2002 und 2018 von 9,3 Prozent auf 11,8 Prozent zugenommen. Gleichzeitig hat in derselben Zeitperiode der Anteil von Jugendlichen, die unter regelmässiger Traurigkeit und Bedrücktheit leiden, von 13,3 Prozent auf 18,6 Prozent zugenommen. «Ob die Gründe für die Zunahme dieselben sind, wissen wir nicht», sagt Markus Landolt, Leitender Psychologe des Kinderspitals Zürich. Einen Zusammenhang sieht er trotzdem und er spricht von einem Teufelskreis: «Depressive Menschen bewegen sich weniger, ziehen sich zurück und können deshalb an Gewicht zunehmen. Umgekehrt führt auch Übergewicht dazu, dass man sich weniger bewegt, sozial eher ausgegrenzt wird, was wiederum die Depression fördert.»

Jugendliche fühlen sich nervös und sind verärgert

Die Zahl der Mädchen und Buben, die sich deprimiert, nervös oder verärgert fühlen, ist in den letzten Jahren in ganz Europa gestiegen. «Es geht uns alle etwas an», sagt WHO-Regionaldirektor Hans Kluge. Die Jugendlichen müssen Zugang zu mentaler Unterstützung haben  – das sei wichtig für die Gegenwart, aber auch für die künftigen Generationen.

Der Bericht zeigt, dass die mentale Gesundheit mit wachsendem Alter schlechter wird. Vor allem Mädchen seien betroffen. Eine von vier gibt an, mindestens einmal pro Woche nervös, traurig oder genervt zu sein. Auch Schlafstörungen plagen viele Jugendliche. Markus Landolt sieht verschiedene Gründe für diese Gefühle: höhere Leistungsanforderungen, mehr Schulstress, mehr Stress und Druck durch die sozialen Medien. «Auch die Eltern sind immer gestresster, was dazu führt, dass sie ihre Kinder weniger gut unterstützen und ihnen weniger Halt geben können, weil sie stark mit sich selbst beschäftigt sind.»

Auch er bemerkt in seinem Arbeitsalltag die gesundheitlichen Verschlechterungen der Jugendlichen. «Das Jugendalter war zwar immer ein schwieriges Alter, durch die vielen Anforderungen ist es für die Jugendlichen aber noch schwieriger geworden.» Landolt betont, dass es der Mehrheit der Jungen und Mädchen in der Schweiz gut gehe, trotzdem gäbe es aber eine bedeutende Minderheit, die an psychischen Beschwerden leide. «Es gibt viele Jugendliche, die depressive Symptome und Störungen aufweisen und teilweise auch nicht mehr leben wollen.»

Das zu behandeln, ist leichter gesagt als getan. Hier brauche es ein verständnisvolles Umfeld, weniger Stress zu Hause und in der Schule, guten Halt und eine klare erzieherische Linie, sagt Landolt. Sollte es trotzdem zu depressivem Verhalten kommen, sei frühzeitige Hilfe essenziell. «Wenn man Depressionen rechtzeitig erkennt, kann man sie auch gut behandeln.» Man müsse aber klar unterscheiden, ob es sich um normale Stimmungsschwankungen im Jugendalter handle oder um wirkliche Probleme. «Ersteres gehört zur Entwicklung dazu und geht zum Glück vorbei.»

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