Tiere

Wildkatze, Assel, Ölkäfer, Forelle: Dies sind die Influencer im Tierreich

Jahr für Jahr müssen Tiere und Pflanzen als Werbeträger für verschiedenste Interessen hinhalten.

Der Fisch des Jahres, die Forelle, hat viele Vorzüge. Er sieht appetitlich aus. Jede und jeder kennt ihn. Und er kommt in beinahe der ganzen Schweiz vor. Nun ist die Forelle also während eines Jahres Botschafterin für ... Ja, wofür eigentlich?

Laut dem Schweizerischen Fischereiverband steht die Forelle für die Vielfalt der Landschaften und Gewässer. Verbaute Ufer und Wasserkraftwerke beeinträchtigen den Lebensraum, und auch Gewässerverschmutzung und Klimawandel setzen diesen Fischen zu. Die Aktion «Fisch des Jahres 2020» wird sogar vom Bundesamt für Umwelt unterstützt. Das tönt nach hehren Zielen, nach Natur- und Landschaftsschutz.

Forellen gehören geschützt, Kormorane gejagt

Doch auf dem Faltblatt heisst es auch: «Eine Fischerei ohne Forellen ist undenkbar und trostlos.» Der Verband betrachtet laut Flyer die Zunahme der Bestände von Kormoran, Gänsesäger und Graureiher als Problem für die Forellen und engagiert sich dagegen.

Mit anderen Worten: Fischfressende Vögel sollen gejagt werden, damit mehr Forellen für den Menschen übrig bleiben. Der sie dann bevorzugt mit einem Glas «Wein zum Fisch des Jahres» serviert, einem Chardonnay, zu beziehen über den Schweizerischen Fischereiverbandes. Naturschutz ist das nicht. Vielmehr geht es darum, Publizität für die Anliegen der Fischerei zu schaffen.

Ob im Wasser, am Boden, oder in der Luft, so ziemlich in jedem Lebensraum tummeln sich Lebewesen des Jahres. In der Schweiz haben wir die Wildkatze als Tier des Jahres, gekürt von Pro Natura. Birdlife wird am 30. Januar den Vogel des Jahres bekannt geben. Gemeinsam mit Österreich und Deutschland würdigen wir den schwarzblauen Ölkäfer als Insekt sowie die Zauneidechse als Reptil des ­Jahres.

Deutschland hat seinen eigenen Fisch (die Nase), sein eigenes Wildtier (der Maulwurf), seinen eigenen Vogel (die Turteltaube), hinzu kommen die Auen-Schenkelbiene als Wildbiene, der grüne Zipfelfalter als Schmetterling, die Speer-Azurjungfer als Libelle, die gerandete Jagdspinne als Spinne, die Mauerassel als Höhlentier, der westfälische Kuhhund und das Pustertaler Rind als Nutztierrasse des Jahres. Mit Spannung erwartet wird die Kürung des Weichtiers des Jahres 2020.

Auch ausserhalb des Tierreichs gibt es Arten, die mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verdient hätten. Endlich steht der Dinoflagellat als Einzeller des Jahres mal im Rampenlicht – wenn ihn denn nicht Myxococcus xanthus, die Mikrobe des Jahres, in den Schatten stellt. Wildwuchs zeigt sich auch im Pflanzenreich, wo es unter anderem der Borstgrasrasen als Pflanzengesellschaft des Jahres aufs Podest geschafft hat.

Sex zieht auch im Reich der Pilze

Die Kriterien für die Ernennung sind unklar. Entscheidend ist wohl oft, welches Tier oder welche Pflanze am meisten Aufmerksamkeit schafft. Geeignet als temporäre Influencer sind deshalb Arten, die bekannt, beliebt und bedroht sind. Etwa die Wildkatze, die bereits 1993 und 2018 in Deutschland und 2019 in Österreich Tier des Jahres war, bevor sie es nun in der Schweiz geworden ist. Im Unterschied zur Forelle wird sie auch nicht von jenen, die sie gekürt haben, gejagt. Ihre Eignung zur Botschafterin für den Naturschutz steht ausser Frage.

In anderen Kategorien ist es schwieriger, valable Kandidaten zu finden. So will die deutsche Gesellschaft für Mykologie im Jahr 2020 mit der Gemeinen Stinkmorchel «den Blick der Öffentlichkeit auf die wichtige Bedeutung der Pilze für unser Ökosystem richten».

Tatsächlich zieht das Äussere dieses Pilzes die Blicke auf sich. Der lateinische Name beschreibt es, «Phallus impudicus» heisst «schamloser Phallus.» Es bleibt die Frage, ob wir beim Anblick eines Phallus an Ökosysteme denken.

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