Auf jeder Packung Babynahrung steht es: «Stillen ist das Beste für Ihr Kind!» In Facebook-Gruppen tauschen sich Mütter deshalb rund ums Thema aus und suchen Rat bei Brustentzündungen, Milchstau oder Abpump-Schwierigkeiten. Eine dieser Gruppen nennt sich «Stillen Schweiz». Die Seite möchte ein Forum für den Austausch rund ums Stillen sein – verunsichert in ihren radikalen Ansichten aber junge Mütter.

Melanie, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, berichtet, sich durch die Ratschläge stark unter Druck gesetzt zu haben. «Ich hatte dank dieser Gruppe einen Horror-Start in die Elternschaft. Das Stillen hat bei mir gar nicht funktioniert. Wochenlang habe ich mir in der Still-Gruppe anhören müssen, dass jede Frau stillen könne und mich dementsprechend enorm unter Druck gesetzt», erzählt sie.

Erst als sie einen Schlussstrich gezogen hatte, habe sich auch das Verhältnis zu ihrem Baby normalisiert. «Es fühlte sich an wie endlich zueinander zu finden. Meine Kleine genoss das Schöppelen und ihre entspanntere Mama.»  

Für Annette Saloma-Huber, eine der Administratorinnen der Gruppe, ist klar, dass man in der Facebook-Gruppe eine klare Pro-Haltung vertritt: «Wir sind eine Still-Gruppe und setzen uns für das Stillen ein.» Das stehe auch ganz klar in den Gruppenregeln. «Foren, in denen die Mütter in die andere Richtung unter Druck gesetzt werden und hören, dass sie abstillen sollen, ihre Kinder auch mit Schoppen gross werden und Pulvermilch genauso gut ist wie Muttermilch, gibt es zur Genüge», sagt sie gegenüber watson.

Um Sarah Harrison entbrannte ein Shitstorm, weil sie auf Instagram bekannt gab, ihre Tochter nach neun Wochen abzustillen:

Tatsächlich spürt man in der geschlossenen Facebook-Gruppe eine klare Haltung zum Thema – gerade dann, wenn es ums Abstillen oder die Gabe von Pulvermilch geht. Auf die Frage, wie schnell sich die Milch in der Brust reduziert, wenn das Kind stattdessen Brei isst, stellt eine Stillberaterin eine Gegenfrage: «Wie alt ist dein Kind?» Und dann der Hinweis: «Im ersten Lebensjahr sollte keine Stillmahlzeit ersetzt werden durch Beikost».

Diesem Ratschlag widerspricht Andreas Geiser deutlich.Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin: «Milchmahlzeiten sollten im Lauf des ersten Lebensjahres durch Brei ersetzt werden.» Im Alter von vier bis sieben Monaten sollten glutenhaltige Nahrungsmittel eingeführt werden, damit das Baby eine Toleranz aufbauen könne. Ab dem sechsten Lebensmonat brauche ein Säugling dann eisenhaltige Nahrungsmittel, erklärt Geiser: «Denn ungefähr ab diesem Zeitpunkt sind die Eisenreserven in der Leber aufgebraucht.»

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung empfiehlt, keine Milch mehr anzubieten, wenn das Kind etwa 200 Gramm isst, und auch die Mütter- und Väterberatung sagt in ihrem Beratungsgespräch, dass 120 Gramm Brei eine Milchmahlzeit ersetzen.

Eine andere Mutter möchte von der Gruppe wissen, ob es Sinn macht, ihr Kind nicht mehr an der Brust einschlafen zu lassen, sodass es später auch alleine in den Schlaf finden kann. Dies wird der Mutter abgeraten. In den Augen der meisten Forums-Mitglieder sei das Einschlaf-Stillen ein Grundbedürfnis des Babys, das es zu respektieren gilt. Eine Kommentatorin fügt an, dass es ihr auch nichts ausmache, ihr Baby nie abgeben zu können und dass sie deshalb nun auch ihren Job gekündigt habe.

Ein Bild, das einer Mutter als Antwort dienen soll – und stattdessen ein schlechtes Gewissen macht.

Ein Bild, das einer Mutter als Antwort dienen soll – und stattdessen ein schlechtes Gewissen macht.

Einige der Admins sind sogenannte Stillberaterinnen der La Leche Liga (LLL), der Still-Lobby, die in über 70 Ländern tätig ist und für die World Health Organisation (WHO) als Beraterin fungiert. Diese gibt daraufhin die internationale Still-Empfehlung heraus: Die ersten sechs Monate soll ausschliesslich gestillt werden. Anschliessend sollte bis zum zweiten Lebensjahr weitergestillt werden. Das Stillen sollte unter der Berücksichtigung beider «Stillpartner» beendet werden. Weiter hat die WHO einen Kodex herausgegeben, der die Unterzeichner-Länder verpflichtet, Werbung für Säuglingsnahrung streng zu reglementieren und medizinisches Personal anzuhalten, die Vorzüge des Stillens zu betonen.


Das «Handbuch für die stillende Mutter» der LLL geht von Mutter und Kind als biologischer Einheit aus. «Damit reproduziert die LLL klassische Geschlechterrollenbilder: die Mutter als Quelle von Liebe, Geborgenheit und Nahrung. Für den Vater gibt es hier nur wenig, bis gar keinen Platz», sagt Melanie. «Man kann doch nicht nur der Mutter die Verantwortung zuschieben, dass ihr Kind Nähe und Zuneigung bekommt – ein Vater kann auch kuscheln und die Flasche geben», sagt sie und fügt an: «Wir müssen aufhören, Muttermilch als Garant gegen jede Krankheit und für das Seelenheil des Kindes hochzustilisieren».

Ähnlich tönt es bei Kinderarzt Andreas Geiser. Zwar sei das Stillen in den allermeisten Situationen das Beste für Mutter und Kind: «Doch unersetzlich ist es nicht»: Für beide Hauptaspekte des Stillens – Ernährung und Beziehung –  gebe es Alternativen.

Bezüglich Ernährung seien in der Schweiz sauberes Trinkwasser und «hervorragende Säuglingsmilchen» vorhanden. Und der Beziehungsaspekt könne durch Körperkontakt, dem Herumtragen im Tragetuch und Sprechen mit dem Baby ebenfalls gelebt werden. 

Diese Alternativen will Kinderarzt Geiser aber nicht als «Kompensation» bezeichnen – weil das die Idee der «Unersetzlichkeit des Stillens impliziere». Das sei falsch. Denn die Hälfte der Menschheit produziere keine Milch – insbesondere Väter und Hausmänner: «Sie können die Bedürnisse eines kleinen Kindes unter geeigneten Umständen dennoch ‹stillen›.»

 
Solche Einwände, die verunsicherte junge Mütter beruhigen könnten, erhalten in der Facebook-Gruppe «Stillen Schweiz» wenig Beachtung. Wer seinen Job nicht kündigt, schon nach einigen Monaten abstillt oder sein Kind ins eigene Bett verfrachtet, bekommt in diesem Forum schnell Gewissensbisse. Denn es gibt hier klare Faktoren, die eine «gute Mutterschaft» auszumachen scheinen.

Die Soziologin Sunna Símonardóttir hat untersucht, wie Diskurse über Säuglingsernährung mit «guter Mutterschaft» verknüpft sind. Dazu führte Sie Interviews mit Frauen, für die Stillen zum Problem wurde. Sie hält fest, dass in Ländern, in denen Stillen als soziale Norm gilt, Frauen moralisch verurteilt werden, die nicht stillen. Broschüren über die Säuglingsernährung mit «Jede Frau kann Stillen»-Überschriften erhöhen den Druck zusätzlich. 

Frauen werden zwar nicht zum Stillen gezwungen, doch verfehlen sie durch das Aufgeben des Stillens ihre Identität als «gute Mutter», so die Autorin. Um diesen «Fehler» zu beheben, werde den Frauen nahegelegt, die Anweisungen von Gesundheitsexperten zu befolgen, um den «natürlichen» Milch erzeugenden Körper wiederherzustellen. Die Mutterrolle würde so naturalisiert und Frauen dazu gedrängt, das Stillen so lange zu versuchen, bis sie Erfolg haben.

Die französische Feministin Élisabeth Badinter macht einen weiteren Grund für den gesellschaftlichen Still-Zwang fest: Dank Verhütungsmethoden entscheiden sich Frauen heute aus freien Stücken für ein Kind. Diese freie Entscheidung schlägt aber vor allem für die werdende Mutter in eine historisch einmalige Verantwortlichkeit um, die sich in dem Bewusstsein äussert, ihrem Kind «alles» schuldig zu sein.

In einem anderen Mütter-Forum sieht man das Still-Forum deshalb kritisch. «Die Beraterinnen sind zwar kompetent, aber ich getraue mich gar nicht, meine Fragen offen und ehrlich zu stellen. Man wird sofort verurteilt und zusammengeschissen», erzählt eine Mutter aus dem Forum. «Sekte trifft's», schreibt eine andere Mutter über die Mentalität der Still-Gruppe. 

«Es ist toll, dass sich diese Frauen ehrenamtlich fürs Stillen einsetzen. Denn fürs Stillen fehlt nach wie vor oft das Verständnis – vor allem am Arbeitsplatz», entgegnet eine andere Userin. Und auch Melanie findet versöhnliche Worte für die Facebook-Still-Gruppe: «Zuletzt ist die Mentalität in der Gruppe nur Ausdruck für den Still-Zwang unserer Gesellschaft.» Sie würde sich wünschen, dass man das Thema lockerer anginge. «Dass jeder für sich entscheiden kann, was gut für einen selbst und sein Baby ist. Und dass man auch mit der Flasche eine gute Mama ist.»